AfD-Wahlkampf

AfD legt in Essen müden Start in den NRW-Wahlkampf hin

Gruppenbild ohne Jörg Meuthen: Der AfD-Bundesvorsitzende ist schon unterwegs, als (v.li.) AfD-Kreischef Stefan Keuter, Spitzenkandidat Marcus Pretzell, Parteichefin Frauke Petry und Guido Reil in Altenessen auf der Bühne stehen.

Foto: Socrates Tassos

Gruppenbild ohne Jörg Meuthen: Der AfD-Bundesvorsitzende ist schon unterwegs, als (v.li.) AfD-Kreischef Stefan Keuter, Spitzenkandidat Marcus Pretzell, Parteichefin Frauke Petry und Guido Reil in Altenessen auf der Bühne stehen. Foto: Socrates Tassos

Essen.   Die AfD wollte in Essen ein machtvolles Zeichen zum Auftakt des Wahlkampfes setzen. Doch statt der erwarteten 1000 Anhänger kamen nur etwa 300.

1000 Teilnehmer hatte die AfD für den NRW-Wahlkampfauftakt am Samstag in Essen bei der Polizei angemeldet. Optimisten hatten gar mit dem Ansturm von mehreren Tausend gerechnet. Doch man blieb unter sich.

Gerade einmal 300 AfDler fanden den Weg auf den Altenessener Markt. Ein Platz, der nicht ganz so groß ist wie ein Fußballplatz und am Samstag nicht mal zur Hälfte mit AfD-Anhängern gefüllt war. Eine herbe Schlappe für die Rechtspopulisten. Geht ihnen ausgerechnet im Schlussspurt zur Landtagswahl am 14. Mai die Puste aus?

Mit NRW-Spitzenkandidat Marcus Pretzell und den AfD-Chefs Frauke Petry und Jörg Meuthen hatten sie sogar die Führungsspitze der Partei nach Essen geholt. Doch von Geschlossenheit und Aufbruch war auf dem Altenessener Markt kaum etwas zu spüren.

Beim gemeinsamen Gruppenbild fehlt Jörg Meuthen

Im Gegenteil: Wie wenig Meuthen von ihr hält, hatte Frauke Petry morgens an prominenter Stelle, nämlich auf der Titelseite der FAZ, nachlesen dürfen. Dort stand: „Meuthen zweifelt an Führungsqualitäten von Petry“. Ein Schlag in den Nacken.

Auch das Symbolbild, auf dem Essens Kreischef Stefan Keuter alle Redner um sich scharen wollte, gab’s nicht. Als Keuter, Guido Reil, Petry und Pretzell auf der Bühne das Deutschlandlied anstimmten, saß Petry-Kritiker Meuthen längst in seiner schweren Mercedes-Limousine unterwegs zum nächsten Termin.

Keuter als Moderator und Lokalmatador Guido Reil als Sympathieträger mühten sich redlich, Schwung in die Veranstaltung zu bringen. Doch in Wirklichkeit herrschte eine Kluft zwischen den Promis auf der Bühne und dem Publikum unten auf dem Platz. Ein Bad in der Menge? Fehlanzeige.

Was auffiel: Meuthen, Petry und Pretzell siezten das Publikum und redeten es mit „Damen und Herren“ an. Worte, die kühle Distanz schaffen statt Nähe. Dass der AfD-Wahlkampfauftakt eine trockene Veranstaltung blieb, war auch wörtlich zu nehmen.

Denn der obligatorische Bier- und Bratwurststand fehlte ebenso wie Tische und Bänke, an denen Wahlkämpfer beim Pott Bier gerne zusammenrücken.

Essener Band sagte kurzfristig ab

Weil die Essener Band kurzfristig abgesagt hatte, musste Schlagersänger Marco Kloss aus Ruppichteroth einspringen („Du hast mich gewärmt wie alter Whiskey“). Während oben am Himmel ein Flugzeug mit AfD-Banner kreiste, tanzten sie unten eine Polonaise, aber die wollte einfach nicht in Fahrt kommen.

Einzig Guido Reil („ich hab’ richtig Gänsehaut“) gelang es, den Nerv der versammelten AfD-Kader zu treffen. Ihm zu Ehren sangen sie das Steigerlied, und obwohl schon x-Mal gehört, folgten sie auch dieses Mal mit entzückter Miene den bekannten Leidensgeschichten aus 26 Jahren SPD und Awo.

Im Münsterland weht den AfD-Wahlkämpfern längst ein schroffer Wind entgegen, wohl deshalb rechnen sie sich im Ruhrgebiet mehr aus. Nach Altenessen kamen die Abgehängten und jene, die von Abstiegsängsten geplagt werden, Wutbürger und solche, die Zuwanderer und Flüchtlinge als Sündenböcke abstempeln.

Rückhalt findet die AfD auch bei Ewiggestrigen, die aus ihrer rechtsextremen Haltung überhaupt kein Hehl machen. Wie etwa die „Brigade Altenessen“, die sich auch bei NPD und Pegida wohlfühlt. Einer, ein Glatzenmann, gefiel sich darin, in einem provokativen T-Shirt zu posieren mit Eisernem Kreuz drauf und dem braunen Bekenntnis „Freiheit für alle Nationalisten des Deutschen Reiches“.

Landesvize Martin Renner gibt Frauke Petry kontra

Nicht gerade die Zielgruppe, um die sich AfD-Chefin Frauke Petry jetzt besonders bemüht: die bürgerlich Konservativen. Um früher oder später eine (Regierungs-)Koalition schmieden zu können, macht sie innerparteilich Stimmung gegen die Gaulands und Höckes. Sie, die Realpolitikerin, will sich absetzen von der Fundamentalopposition. So steht es in ihrem Antrag zum Bundesparteitag.

„Aber ich werde ihn nicht unterschreiben“, sagte Martin Renner. Der Mann, immerhin AfD-Landesvize, wirkte neben der Bühne wie das fünfte Rad am Wagen. Das Petry-Papier, wetterte er, sei schlechter Stil, weil es ausgrenze.

Als die dritte Strophe der Nationalhymne um kurz nach 14 Uhr verklungen war, dauerte es nicht lange und der Altenessener Markt war wie leergefegt.

>> GROSSEINSATZ DER POLIZEI

  • Die Polizei sicherte die Kundgebung mit einem Großaufgebot erfolgreich ab. Die Einsatzhundertschaften kamen aus Bielefeld, Wuppertal, Dortmund und Essen.

  • Der Protest von „Essen stellt sich quer“ und „Utopie“ an der Altenessener Straße war sehr überschaubar und verlief friedlich.

  • Einziger Zwischenfall: Bei Frauke Petrys Rede störten Antifa-Leute auf dem Platz mit Sprechchören und Pfiffen. Die Polizei unterband das Gerangel mit Rechtsextremen.

  • Auch Neugierige schauten vorbei: zum Beispiel SPD-Chef Thomas Kutschaty und DGB-Chef Dieter Hillebrand.

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