Pogromnacht

9. November: Ungewöhnliches Gedenken von Gymnasiasten

Von links nach rechts: Klara Schulden, Hannah Gerling, Geschichtslehrerin Alexandra Richter und Anna Nodop mit Koffern, die ehemalige Schülerinnen des Maria-Wächtler-Gymnasiums so gepackt haben könnten, um aus Nazi-Deutschland zu fliehen.

Foto: Christof Köpsel

Von links nach rechts: Klara Schulden, Hannah Gerling, Geschichtslehrerin Alexandra Richter und Anna Nodop mit Koffern, die ehemalige Schülerinnen des Maria-Wächtler-Gymnasiums so gepackt haben könnten, um aus Nazi-Deutschland zu fliehen. Foto: Christof Köpsel

Essen.   Schülerschicksale ausgespürt: Kunst- und Geschichtsschüler des Maria-Wächtler-Gymnasiums in Rüttenscheid haben Fakten mit Fantasie kombiniert.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Inge Strauß ging am 10. November 1938 ganz normal zur Schule, ans Rüttenscheider Maria-Wächtler-Gymnasium. Dabei war nichts mehr normal in ihrem Leben: Am Abend zuvor, der Reichspogromnacht, war ihr Vater, der Krupp-Abteilungsleiter Benno Strauß, von den Nazis verhaftet worden. Strauß, der mit seiner Familie an der Alfredstraße wohnte, war jüdischer Abstammung, wurde später deportiert und starb 1944.

Wie wirkte sich die Reichspogromnacht auf den Alltag der Schule aus? Diese Frage hat jetzt das Rüttenscheider Maria-Wächtler-Gymnasium (MWG) mit einer ungewöhnlichen Gedenk-Aktion versucht, zu beantworten. Nachgezeichnet wurden, so gut wie es ging, die Geschichten acht ehemaliger Schülerinnen – das MWG, Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, war damals eine Mädchenschule.

Wochenlange Suche im Schularchiv

„Geschichte wird für Kinder und Jugendliche interessant, wenn man sie konkret bis in die Gegenwart verorten kann, mit Schauplätzen und Personen“, sagt Alexandra Richter, Geschichtslehrerin am MWG. In den Sommerferien durchforstete sie das Schularchiv und fand die Akten mehrerer ehemaliger Schülerinnen, die mindestens einen jüdischstämmigen Elternteil hatten.

Vor geladenen Gästen wurde am Donnerstag in der Aula an der Rosastraße an diese Frauen erinnert, doch es blieb nicht nur bei der Aufarbeitung von Biografien: Schüler des Geschichts-Kurses arbeiteten mit einem Kunst-Kurs der Stufe Q2 zusammen – so entstanden „Koffer voller Erinnerungen“. Die Jugendlichen überlegten sich gemeinsam mit Kunst-Lehrerin Minu Hedayati, was die betroffenen Schülerinnen wohl auf ihre Flucht aus Essen mitgenommen haben. Das stand natürlich in keiner Akte, sondern entsprang der Fantasie der Jugendlichen: „Wir haben die Personen versucht, zu rekonstruieren – als eigenständige Persönlichkeiten.“

Schülerinnen schrieben Briefe

Und so haben sich die Schülerinnen Saskia Schepers und Klara Horst über Inge Strauß Gedanken gemacht – und einen Koffer gestaltet. Darin: ein Brief, den der Vater noch vor seiner Verhaftung noch an die Töchter geschrieben haben könnte („...dass ich Euch liebe, egal was passiert. Es geht mir gut, die Menschen auf der Flucht behandeln mich gut.“). Außerdem ein Buch, etwas Schmuck. „So hätte es sein können“, sagen die Schülerinnen. Auch Kunst-Schülerin Shannon Rose hat einen Koffer gestaltet und gefüllt – jenen, den die ehemalige MWG-Schülerin Gerda Rappaport aus Stadtwald wohl gepackt haben könnte: Mit einem gerahmten Familienbild aus den Dreißiger Jahren, Stickzeug, Briefen. „Das Foto zeigt meine eigene Familie“, berichtet Shannon Rose, „es zeigt meine Urgroßeltern.“

Ehemalige hegt heute keinen Groll

Gerda Rappaport, die heute Gerda Altpeter heißt, ist heute Mitte 90, wohnt in der Schweiz. „Sie hegt keinen Groll über diese Zeit“, sagt Geschichtslehrerin Alexandra Richter, die mit der Seniorin telefonieren konnte. „Sondern ist stark im christlichen Glauben verankert und sagt, dass Gott am Ende alles richten wird.“ Nach dem Wunsch der Pädagoginnen soll die Kooperation zwischen Kunst- und Geschichtskurs-Schülern zum Thema NS-Zeit fortgesetzt werden – konkret ist aber noch nichts. Nach Angaben von Alexandra Richter war dies die erste Aktion, die sich konkret mit den Folgen der Pogromnacht für die eigene Schule beschäftigt hat.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik