Karneval

85 000 Jecken feiern in Essen friedlichen Straßenkarneval

Volle Straßen beim Karnevalsumzug in Essen-Rüttenscheid.

Foto: STEFAN AREND

Volle Straßen beim Karnevalsumzug in Essen-Rüttenscheid. Foto: STEFAN AREND

Essen.   Fröhlich und friedlich haben auf Essens Straßen 85 000 Jecken Karneval gefeiert. Rüttenscheider Zug beginnt mit einem Missgeschick.

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Nach leichten Ladehemmungen lief beim Essener Rosenmontagszug alles wie geplant: Die Kanone der KG Essener Funken hatte um 13.11 Uhr am Grugaplatz zunächst ihren Einsatz verweigert. Seit Jahrzehnten gibt sie das Signal zum Aufbruch. Dieses Mal ließ sie auf sich warten. Also zogen die 35 Wagen und 22 Fußgruppen ohne den offiziellen Startschuss los, nach wenigen Minuten knallte es dann aber doch.

Nach Angaben des Veranstalters zogen in Rüttenscheid zwischen 80 000 und 85 000 Besucher bei meist sonnigem, aber kaltem Wetter durch die Straßen. Mehrere Zehntausend seien es anschließend in Kupferdreh gewesen. „Wir hatten damit wesentlich mehr Glück als in den vergangenen beiden Jahren“, sagte ein erleichterter Volker Sassen, Vorsitzender des Festkomitees Essener Karneval.

Polizei Essen zieht zufrieden Bilang

Die Polizei war ebenfalls zufrieden, ihre Bilanz des Essener Straßenkarnevals: „Die Rosenmontagsumzüge in Rüttenscheid und Kupferdreh sind ohne Probleme verlaufen, die Situation war weitestgehend entspannt“, berichtete Sprecher Christoph Wickhorst am Montagabend. In Kupferdreh seien drei alkoholisierte und randalierende Personen in Gewahrsam genommen worden. Zusätzlich wurden zwei Strafanzeigen wegen Körperverletzung und Widerstands gegen die Polizeibeamten gefertigt.

Rosenmontagszug in Essen

Essen, 12.02.2018: Fröhliche Stimmung beim Rosenmontagsumzug in Rüttenscheid.
Rosenmontagszug in Essen

In Kupferdreh verloren fünf Kinder (8 bis 11 Jahre alt) in der Menschenmenge ihre Eltern. Die Polizei half bei der Suche und konnte nach kurzer Zeit alle wohlbehalten zu ihren Familien zurückbringen.

Kinder verlieren ihre Eltern kurz aus den Augen

Von einem ruhigen und ausgelassenen Rosenmontag in Rüttenscheid spricht der Malteser Hilfsdienst. Einsatzdienstleiter Stefan Weiser, schon seit 35 Jahren beim Rüttenscheider Umzug dabei, berichtete lediglich von zwei volltrunkenen Erwachsenen, die zum Ausnüchtern in die eigens eingerichtete Trunkenensammelstelle Maxstraße gebracht wurde.

Zwei kleine Kinder, die ihre Eltern aus den Augen verloren hatten, wurden mit Kakao und Kuchen bei Laune gehalten, bis sie ihre Eltern nach kurzer Zeit wieder in die Arme schließen konnten.

Wie schon zuletzt zeigten Polizei und andere Sicherheitskräfte eine starke Präsenz. Ober-Karnevalist Volker Sassen stellte aber auch erleichtert fest, „dass die Menschen wieder fröhlicher feiern und weniger aggressiv auftreten. Da scheinen einige zur Vernunft gekommen zu sein.“


Die Highlights des Essener Rosenmontagszugs 

Um 13.11 Uhr ging es am Grugaplatz los. Gegen 15.30 Uhr kamen die ersten Wagen und Fußgruppen an der Philharmonie ins Ziel. Dazwischen lag ganz viel Rosenmontagszug-Trubel mit einigen bemerkenswerten Punkten, nämlich zum Beispiel diesen:

  1. Die größten Hits: Es ist eine Melodie, die manchen Narren gestern bis in den Schlaf verfolgt haben dürfte: „In Essen blüht dir was“, das Lied zum Motto, eingespielt von den Rabottis. Es tönte von so gut wie aus jedem Wagen, aus jeder Kehle, aus jedem Lautsprecher. Doch das ist ein lokales Phänomen. Von den üblichen Hits aus der Abteilung Après-Ski/Karneval/Ballermann wohl am häufigsten an diesem Rosenmontag in Essen gespielt: „Johnny Däpp“ (Däpp Däpp Däpp) von Lorenz Büffel. Noch so eine Melodie, die sich ganz tief in die Gehörgänge gräbt.
  2. Der originellste Wagen:Schwer zu sagen. Alle 35, die sich mit auf den knapp 2,5 Stunden langen Weg vom Grugaplatz bis zur Philharmonie machten, hatten sich ausgetobt und ihr Fahrzeug mal mehr, mal weniger eng dem Motto „In Essen blüht dir was“ angepasst. Zuckersüß die Idee der KG Hahnekopp: Sie hatte auf ihrem Motivwagen eine große bunte Wiese arrangiert – mit einer Blume für jeden Essener Stadtteil. Burgaltendorf mit roten Blüten, Stadtwald lila, Schonnebeck orange.
  3. Das beliebteste Kostüm: Wenn man ehrlich ist, ging die größte Gruppe als Essener Passanten. Oder anders gesagt: Sie trug gar kein Kostüm. Bei anderen konnte man dagegen erahnen, dass sie sehr viel Zeit und Liebe in ihr Styling investiert hatten. Allen voran: etliche Einhörner. Große, kleine, mal mit Regenbogenfarben, mal sehr weiß und fellig, zusammen ein großer, bunter Märchenwald. Weit verbreitet auch Bienenfrauen und Krokodile, Feuerwehrmänner, FBI-Jungs und Prinzessinnen. Wobei es für Mädchen mit Tüllrock ein harter Tag war: Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt vertragen sich nicht mit Tutu und Ballettschuhen. Die vierjährige Anna aus Holsterhausen hatte es so gemacht: Unten Röckchen und Strumpfhose, oben ein dickes Eisbärkostüm.
  4. Das ausgefallenste Kostüm:Waren zwei: Ein Junge, der als Popcorntüte ging – und kurze Zeit später dazu passend aufgeschnapptes Popcorn naschte. Und eine Frau auf der Brunnenstraße, die sich als Topfpflanze unter die Leute mischte.
  5. Die besten Kamelle. . . waren gar keine Kamelle im klassischen Sinn. Die GKG Fidelitas Kray nennt sich nicht umsonst „große“ Karnevalsgesellschaft. Hier ließen die Karnevalisten auffällige Fußbälle vom Wagen rieseln. Von anderen Wagen flog Mon Chéri kartonweise, die Show- und Gardetanzgruppe Grün-Weiß brachte Halloween-Deko unter das Volk, was gar nicht so unpassend war. Karneval und Halloween sind ja irgendwie verwandt.
  6. Was keiner gemerkt hat: Der letzte Wagen war noch nicht im Ziel, da rieselte der Schnee. Ganz leise und zaghaft nur, aber echte Flocken. Kaum jemand bekam das mit. Vor allem die nicht, die noch eifrig damit beschäftigt waren, die von den Wagen geworfenen Gaben aufzulesen.
  7. Das Wunder von Essen: Es wäre jetzt übertrieben, zu behaupten, dass Lahme plötzlich wieder gehen konnten. Doch der reiche Bonbonregen führte bei einigen Besuchern des Umzugs immerhin dazu, dass sie ihre Rollatoren oder Krücken kurz zur Seite stellten, um sich besser in Stellung bringen zu können.