Sozialdemokratie

70 Jahre SPD: Warum Hannelore Kneider an ihre Partei glaubt

Hannelore Kneider aus Essen-Altendorf ist 1947 in die SPD eingetreten. Ihr erstes Parteibuch (li.) hat sie aufbewahrt.

Hannelore Kneider aus Essen-Altendorf ist 1947 in die SPD eingetreten. Ihr erstes Parteibuch (li.) hat sie aufbewahrt.

Foto: STEFAN AREND

Essen.   Hannelore Kneider (89) ist seit 1947 in der SPD. An der Parteispitze vermisst sie Charisma. Warum sie dennoch an die Sozialdemokratie glaubt.

Hannelore Kneider muss noch schnell eine E-Mail abschicken, bevor sie den Reporter in ihrer Wohnung in Altendorf zu einem Kaffee an den Tisch bittet. Ihre Partei, die SPD, hat für ihre Mitglieder im Internet ein Debattenportal eingerichtet: „Du hast Ideen, die unser Land in eine bessere Zukunft führen?“ Nun, guter Rat ist teuer in diesen Zeiten, in denen Umfragen die einst so stolze Sozialdemokratie in der Wählergunst bei noch 15 Prozent sehen. Was ist zu tun? Hannelore Kneider hat dazu viel zu sagen. In wenigen Tagen wird sie 90 Jahre alt. Seit sieben Jahrzehnten ist sie in der SPD.

Politisch geprägt hat sie ihr Vater. Der war Buffettier bei Arlsberg, später Kortum, einem Kaufhaus mit Café und Tanz in Bochum. Die Eigentümer waren Juden und wurden von den Nationalsozialisten enteignet. „Mein Vater war gegen das Dritte Reich. Anders als die meisten unserer Verwandten“, erzählt Hannelore Kneider. Sie erinnere sich noch, wie ihr Vater am Radiogerät der BBC lauschte, was streng verboten war und ihn das Leben hätte kosten können, wäre er erwischt worden. Sie selbst war da vielleicht zwölf Jahre alt.

Ihr Vater war gegen das Dritte Reich. Politisch hat er sie geprägt

Als der Alptraum endlich vorüber war und es galt, in Deutschland wieder eine Demokratie aufzubauen, trat Hannelore Kneider in die SPD ein. „Gerechtigkeit und Solidarität – das hat mich angesprochen.“ Krieg und der millionenfache Mord an den Juden, so etwas durfte nie wieder geschehen.

Die junge Frau engagierte sich in der Partei. „Aber ich war rebellisch. Das mochte man nicht.“ Und sie war wie ihre Mutter, eine strenge Katholikin, sehr religiös. „Religiosität war unerwünscht.“ Ihre Genossen ließen sie das spüren.

Hannelore Kneider zog sich aus der Parteiarbeit zurück, engagierte sich lieber in der Gewerkschaft. Beim Bochumer Verein hatte sie eine Lehre zur Metallografin absolviert und machte Karriere. Sie erfuhr „dass man als Frau immer ein Stück mehr leisten muss“.

Als sie dann, als unverheiratete Frau einen Sohn bekam, den sie alleine großzog, machte ihr ein Vorgesetzter klar, dass dies gesellschaftlich nicht erwünscht war. Und als sie auf der Straße den Herrn Pfarrer traf, strich der dem Jungen mit der Hand durchs Haar: „Armer Junge“. Das mit der Religiosität hatte sich erledigt.

Diese Erfahrungen haben Hannelore Kneider geprägt. Ihrer SPD blieb sie in all den Jahren treu, trat ihre Partei doch für soziale Gerechtigkeit ein und für die Gleichstellung von Mann und Frau.

Willy Brandt hat sie begeistert. Von Helmut Schmidt spricht sie mit Respekt. Nur mit Gerhard Schröder, dem „Genossen der Bosse“, konnte sich Hannelore Kneider so gar nicht anfreunden. „Und dann dieses ,Basta!’ Das ist Diktatur, und das lehne ich ab.“

Die Hartz-Reformen, die Schröder als Regierungschef durchsetzte, nennt Hannelore Kneider im Rückblick ein notwendiges Übel, das heute wieder abgeschafft gehört. Programmatisch sieht sie ihre Partei heute auf der Höhe der Zeit. Klimaschutz, Digitalisierung... „Es steht ja alles im Grundsatzprogramm.“ Nur das Thema Zuwanderung, das auch in ihrer Generation sehr diskutiert werde, habe die Partei vernachlässigt. „Die Leute wollen ernst genommen werden.“

Hartz IV nennt sie im Rückblick ein notwendiges Übel, das heute wieder abgeschafft gehört

Leider fehle es der aktuellen Parteispitze am Charisma, um Themen zu setzen. Der Parteichefin Andrea Nahles kann Hannelore Kneider nicht viel abgewinnen. Dass sich Nahles im Bundestag dazu durchringen ließ, ein Kinderlied anzustimmen, nimmt die fast 90-Jährige ihr übel. „Bätschi? Von einer Spitzenpolitikerin erwarte ich etwas anderes.“ Juso-Chef Kevin Kühnert, für manche ein Hoffnungsträger, wäre vielleicht einer, dachte sie. Aber nach der verlorenen Wahl in Hessen habe auch Kühnert nichts zu sagen gehabt. Beim Mitgliederentscheid zur Frage, ob die SPD die große Koalition in Berlin fortsetzen solle, musste sich Hannelore Kneider dazu durchringen, mit Ja zu stimmen. Heute würde sie anders votieren.

Hannelore Kneider ist trotzdem davon überzeugt, dass für ihre Partei auch wieder bessere Zeiten anbrechen werden. In ihrer E-Mail an die Parteispitze hat sie Gedanken formuliert zum Gesundheits- und zum Steuersystem und darüber wie wichtig es sei, Familien und Bildung zu fördern. Eine Antwort aus Berlin steht noch aus.

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