Bildung

3300 Essener Schüler sprechen noch kein Deutsch

Kinder aus 32 Nationen besuchen die Berliner Schule in Essen-Frohnhausen. Unser Bild zeigt ein Handball-Training mit dem Tusem im Mai 2016.

Kinder aus 32 Nationen besuchen die Berliner Schule in Essen-Frohnhausen. Unser Bild zeigt ein Handball-Training mit dem Tusem im Mai 2016.

Foto: Knut Vahlensieck

Essen.   3300 Essener Schüler sprechen kein Deutsch. Allein an der Hauptschule Wächtlerstraße gibt es 93 Seiteneinsteiger –mehr als in Kettwig, Werden und Bredeney.

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Woche für Woche muss die Stadt Essen für 40 Kinder, die noch kein Deutsch sprechen, einen Platz an einer Schule finden. 3300 dieser sogenannten Seiteneinsteiger – meist Flüchtlingskinder – gibt es derzeit in Essen. In einer Vorlage, die am Dienstag in den Jugendhilfeausschuss geht, schlüsselt die Verwaltung haarklein auf, wo sie unterrichtet werden. Je nach Bezirk und Schulstandort schwankt der Anteil der Seiteneinsteiger deutlich.

Nehmen wir die Berliner Schule in Frohnhausen, die nach der städtischen Statistik 23,5 Prozent Seiteneinsteiger aufgenommen hat; das sind 38 der 162 Grundschüler. Was andernorts Grund für Alarmstimmung wäre, kommentiert Schulleiterin Patricia Bruns gelassen. Die Schule habe jahrelange Erfahrung mit Kindern, die zwar aus dem Stadtteil, aber nicht aus Deutschland stammen, ihr Anteil liege bei 80, 90 Prozent.

Flüchtlingskinder erhalten Mitschüler als Paten

„Für die Seiteneinsteiger gibt es zwei Jahre lang eine Extra-Förderung mit zehn Stunden Deutsch pro Woche.“ Daneben werden die Flüchtlingskinder vom ersten Tag an in eine Klasse eingebunden, bekommen einen Mitschüler als Paten; und alle Schüler frühstücken zusammen.

Nach und nach nehmen die Seiteneinsteiger immer mehr am Regelunterricht teil. „Einige Kinder rücken schnell in die Klasse, andere brauchen nach den zwei Jahren noch Zeit“, sagt Patricia Bruns. Etwa weil sie bei ihrer Ankunft noch nicht alphabetisiert waren oder weil sie mit traumatischen Erfahrungen zu kämpfen hatten. Auch darum gebe es bei ihr keine Pflicht, jederzeit Deutsch zu sprechen: „Wenn ein Kind sich nur auf Arabisch äußern kann, soll es das tun – besser als wenn es verstummt.“

An einigen Realschulen müsse man bald neue Container aufstellen

Personell sei ihre Schule übrigens aufgestockt worden, lobt Bruns. Schulen, die zwei Seiteneinsteiger-Gruppen mit je 18 Kindern einrichten, erhalten eine zusätzliche Lehrerstelle, die das Land bezahlt, bestätigt Regine Möllenbeck, Leiterin des Fachbereichs Schule der Stadt. „Wir haben auch Schulen, die das so stemmen müssen, weil die Stelle noch nicht besetzt werden konnte.“

Auch was die Räumlichkeiten angehe, werde es mancherorts eng, an einigen Realschulen müsse man bald neue Container aufstellen. Dabei versuche die Stadt schon, die Seiteneinsteiger möglichst auf weiterführende Schulen zu verteilen, die den nötigen Platz haben. Außerdem gucke man, „wer das Abi schaffen könnte und wer auf der Hauptschule besser aufgehoben ist“.

Kinder fuhren quer durch Essen zur Schule

Einleuchtende Kriterien, die mitunter extreme Folgen haben: So gehen 93 Seiteneinsteiger zur Hauptschule an der Wächtlerstraße im Südostviertel – drei mehr als im gesamten Bezirk IX mit den Stadtteilen Werden, Kettwig, Schuir, Heidhausen, Fischlaken, Bredeney. Womöglich könnte die Integration hier, wo die gebürtigen Deutschen in der Überzahl sind, gut gelingen – nur wohnen im Essener Süden kaum Flüchtlinge. Daher hat die Schulverwaltung schon mal ungewöhnliche Wege beschritten und Kinder aus dem Zeltdorf in Karnap in Kettwiger Schulen geschickt. Ausgestattet mit Schoko-Ticket für Bus und Bahn fuhren sie quer durch Essen.

Auch Flüchtlingskinder sollen sich Klassenkameraden treffen können

Einige Grundschüler lässt die Stadt mit Bussen von Asylheimen zur Schule bringen. Grundsätzlich soll aber die Devise „Kurze Beine, kurze Wege“ gelten, auch damit die Kinder sich mit Klassenkameraden treffen können. Das Prinzip Wohnortnähe führt dazu, dass der Innenstadt-Bezirk mit fast zehn Prozent und die Bezirke V (Karnap, Vogelheim, Altenessen) und VII (Kray, Leithe, Horst, Steele, Freisenbruch) mit je sieben Prozent die höchsten Anteile an Seiteneinsteigern haben.

An der Joachimschule in Kray sollen es gar 36 Prozent oder 77 Kinder sein. Schulleiter Bodo Hanenberg zweifelt die städtische Statistik an, es seien 55 Seiteneinsteiger; plus einige Altfälle, die schon länger als zwei Jahre da sind. „Ja, es gibt hier dramatische Schicksale und die Herausforderung ist groß, aber es ist eine Aufgabe, die sich lohnt – man muss sie nur mit Herz und Seele machen.“ Seit kurzem habe er eine zweite sozialpädagogische Fachkraft, das helfe sehr. Und noch eine Verbesserung gebe es Dank der Flüchtlinge: „Früher hatten wir eine große türkische Schülergruppe – da waren wir eine zweisprachige Schule. Heute stammen die Kinder aus 30 Nationen – jetzt ist Deutsch Umgangssprache Nummer 1.“

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