Babyfenster

20 Jahre Babyfenster Essen: 27 Kinder fanden neue Eltern

| Lesedauer: 5 Minuten
Blick ins Babyfenster Essen: Die Kinder landen hier auf einem Wärmebettchen – und es wird sofort ein Alarm ausgelöst, um sie rasch zu versorgen.

Blick ins Babyfenster Essen: Die Kinder landen hier auf einem Wärmebettchen – und es wird sofort ein Alarm ausgelöst, um sie rasch zu versorgen.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Seit Jahren gibt es das Babyfenster Essen: Es ist umstritten, weil die Kinder ihre Herkunft nie erfahren. Für 27 Babys war es wohl die Rettung.

Seit 20 Jahren hat Essen ein Babyfenster, 27 Kinder wurden seither Zeit dort ins Wärmebettchen gelegt, manche erste wenige Stunden, andere einige Tage alt. Gibt es da etwas zu feiern, obwohl mit diesem Angebot doch immer Fragezeichen verbunden sind, schon weil die meisten der Kinder nie erfahren, wer ihre Eltern sind? Caritasdirektor Björn Enno Hermans beantwortet die Frage mit einem klaren Ja: „Denn sonst wären sie vielleicht woanders abgelegt worden.“ Und hätten das womöglich nicht überlebt.

Das Essener Babyfenster soll Eltern in auswegloser Notlage helfen

„Das Babyfenster rettet Leben, vielleicht auch das der Mutter“, sagt auch Annegret Flügel, Vorstandsvorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen. Der SKF richtete das Fenster, das sich heute am Elisabeth-Krankenhaus befindet, im Jahr 2001 ein, um Eltern in einer ausweglosen Notlage zu helfen. Jenen Eltern, die offenbar nicht den Weg finden zu all den Beratungs- und Hilfsangeboten vom betreuten Mutter-und-Kind-Wohnen bis zum Adoptiv- und Pflegekinderdienst. Eltern, die sonst vielleicht in einer Kurzschlusshandlung ihr Kind irgendwo draußen ablegen würden.

[In unserem lokalen Newsletter berichten wir jeden Abend aus Essen. Den Essen-Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen.]

„Zum Beispiel an einer Kirche, an der Bushaltestelle oder im Park, wo es Passanten mit Hund fanden“, zählt Dariusz Michna auf, Chefarzt der Klinik für Neu- und Frühgeborene am Elisabeth-Krankenhaus. An diese Fälle aus den Jahren unmittelbar bevor das Babyfenster entstand, erinnere er sich. Wenn jetzt ein Kind ins Fenster gelegt wird, kommt es sofort auf die benachbarte Neugeborenen-Station und wird medizinisch versorgt. Einige Babys seien zu Hause entbunden worden, andere – professionell abgenabelt – offenbar im Krankenhaus. „Misshandelt war keines der Kinder.“

Ordensschwestern wählten die Namen der Tagesheiligen für die Babys

Es sei jedes Mal ein großes Ereignis, wenn ein Neugeborenes ohne Mutter in der Klinik eintreffe, sagt Michna, und stets bekomme es erstmal einen Namen. Am alten Standort „Haus Nazareth“ nahmen die Ordensschwestern den Tagesheiligen als Paten, nun suchen die Krankenschwestern die Namen aus. Die Adoptiveltern können später selbst einen Rufnamen wählen, doch die Babyfenster-Koordinatorin Sandra Dündar empfiehlt, den ersten Namen zumindest beizubehalten. „Er gehört zur Biografie des Kindes.“ So wie der Bericht über seine Ankunft im Elisabeth-Krankenhaus, der für jedes der Babys verfasst wird.

Sonst wissen die Kinder über ihren Start ins Leben, ihre Eltern und deren Motiven meist nichts: 25 der 27 Mädchen und Jungen kennen ihre Herkunft nicht. Bevor sie zu Adoptiveltern kommen, meldet der SKF jedes Kind an Jugendamt, Familiengericht und Polizei – schon um auszuschließen, dass das Baby entführt wurde.

„Wir wissen nichts von den Menschen, die auf der anderen Seite des Babyfensters stehen“, sagt Björn Enno Hermans. So lasse sich nie mit letzter Gewissheit sagen, ob sie ihr Kind im Freien ausgesetzt hätten, wenn es das Fenster nicht gäbe. Der SKF-Geschäftsführer wüsste gern, wie sich die Zahlen der Kindesaussetzungen seit der Einrichtung des Babyfensters entwickelt haben. Doch die Essener Polizei habe ihm dazu keine Daten liefern. Seines Wissens habe es seither in Essen aber nur eine Aussetzung gegeben.

Hermans sieht das als Erfolg und erwähnt auch die für die vertrauliche Geburt, die werdende Mütter mit einer Schwangerenberatungsstelle planen können: Sie bringen ihr Kind sicher im Krankenhaus unter einem Pseudonym zur Welt. Nur die Beraterin kennt den richtigen Namen der Mutter und erstellt aus ihren Daten einen Herkunftsnachweis. Dieser bleibt 16 Jahre unter Verschluss; erst dann kann das Kind erfragen, wer seine Mutter ist. 871 Frauen bundesweit haben im vergangenen Jahr eine vertrauliche Geburt erlebt, einige von ihnen in Essener Krankenhäusern. „Diese Frauen sind meist sehr gut informiert und klar in ihrer Entscheidung“, sagt Sandra Dündar.

Viele der Kinder gehen entspannt mit ihrer besonderen Familiengeschichte um

Die Frauen, die ihr Kind – meist nachts – ins Babyfenster legen, stünden dagegen wohl unter hohem emotionalen Druck, glaubt Dündar. Einige hätten ihre Schwangerschaft lange verdrängt oder in sich in schlimmen persönlichen Notlagen befunden, ergänzt Hermans. Das gehe aus einer Studie des Deutschen Jugendinstituts mit persönlichen Interviews hervor.

Weil ihre Kinder von diesen Nöten nichts erfahren, quält sich später manches mit der Frage, warum die Mutter es weggab, ob es nicht liebenswert war. Die Unkenntnis der eigenen Herkunft ist ein Kritikpunkt am Babyfenster, das sich rechtlich auch in einer Grauzone bewegt. Sandra Dündar versteht den Einwand, weist jedoch darauf hin, dass etwa die Hälfte der 27 Kinder „sehr entspannt“ mit ihrer Familiengeschichte umgehen. Und: Bei Pflege- und Adoptivkindern, die ihre leiblichen Eltern kennen, sei die Verteilung ganz ähnlich. Im Übrigen werden die 24 Familien, in denen die 27 Kinder leben, intensiv betreut, treffen sich zu regelmäßigem Austausch und sehen: Wir sind nicht allein.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Essen

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben