Historie

110 Jahre Polizei – Spektakuläre Fälle und große Einsätze

19. Dezember 1971: Oberstaatsanwalt Lindenberg, Polizeipräsident Kirchhoff und der leitende Kriminaldirektor Fechter (v.re.n.li.) präsentieren den Koffer, in dem das Lösegeld von sieben Millionen D-Mark transportiert wurde.

19. Dezember 1971: Oberstaatsanwalt Lindenberg, Polizeipräsident Kirchhoff und der leitende Kriminaldirektor Fechter (v.re.n.li.) präsentieren den Koffer, in dem das Lösegeld von sieben Millionen D-Mark transportiert wurde.

Foto: Marga KINGLER-BUSSHOFF

Essen.  Die Essener Polizei feiert ihr 110. Bestehen. Klartext-Verlag gratuliert mit einem Buch, das die Geschichte und spektakuläre Fälle beinhaltet.

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Die Essener Polizei feiert ihr 110. Bestehen. Denn am 1. Juli 1909 trat die neue „Königliche Polizei-Direktion Essen“ ihren Dienst an. Passend zum Geburtstag bringt der Klartext-Verlag ein Buch mit dem Titel „Für jede Leiche gibt’s ‘nen Schnaps! – 110 Geschichten aus dem Alltag der Polizei Essen“ heraus.

Die Autoren – Tobias Appelt, Denis de Haas und David Huth – versammeln in dem 144 Seiten starken Werk 110 Geschichten der Essener Polizei. Entstanden ist ein gelungenes Buch, das mehr bietet als die üblichen Festschriften mit den dafür typischen Ansprachen von Gratulanten. Im Gegenteil: Die Autoren haben ein schönes Lesebuch geschrieben, das auch für Menschen außerhalb der Behörde spannend ist. So werden spektakuläre Fälle dargestellt – eine kleine Auswahl dieser Fälle finden Sie auf dieser Seite.

Das Polizeipräsidium entstand während des Ersten Weltkriegs

Gegründet wurde die „Königliche Polizei-Direktion Essen“, weil eine neue starke Polizei nötig war. Mit dem Bevölkerungswachstum in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen auch die sozialen Probleme zu. Schließlich gab es in den Jahren vor der Gründung zahlreiche Unruhen. „1905 hatte die Lage im gesamten Industrierevier ein bedrohliches Ausmaß angenommen“, schildern die Autoren.

Das Polizeipräsidium entstand während des Ersten Weltkriegs – damals gab es einen Mangel an Baumaterial. Nach dem Krieg fehlten der Polizei die jungen Beamten, denn diese waren an der Front gefallen. In den Revolutionswirren 1918/19 war die Bewaffnung und die Führung im Einsatz nicht gut. Die Polizei musste erneut umgebaut werden, es entstand eine neu formierte Schutzpolizei – deren erster Einsatz war bei schweren Ausschreitungen Ostern 1921 in der Innenstadt.

Polizisten waren in der NS-Zeit an Gräueltaten beteiligt

Der Nationalsozialismus ist auch bei der Essener Polizei ein dunkles Kapitel. „Als ‘Feinde der Volksgemeinschaft’ bezeichnete Minderheiten wurden von den Nazis eingeschüchtert oder ausgeschaltet. In allem war ihnen hierbei die Polizei ein ebenso unentbehrlicher wie williger Helfer“, schreiben die Autoren. Die Essener Polizei nahm am Einmarsch in das Sudetenland und an der Zerschlagung der Rest-Tschechei teil. Polizisten wurden in den überfallenen Ländern eingesetzt. Eine ihrer Aufgaben: Juden aufspüren. Den Essener Polizisten sei bewusst gewesen, an welchen Abscheulichkeiten sie sich beteiligt hätten. „Oft war es ein Nichteingreifen oder Wegsehen. Oft waren es aber auch schlimmste Verbrechen“, heißt es im Buch. Etwa als Polizisten Mitte März 1945 35 russische Zwangsarbeiter auf dem Gruga-Gelände hinrichteten.

Nach dem Krieg unterstand die Polizei den Alliierten, die unter anderem jegliche richterliche und gesetzgebende Gewalt der Polizei aufhoben. Zu den Aufgaben gehörten nun auch der Wiederaufbau der Polizeipräsidiums oder der Kampf gegen den Schwarzmarkt, vor allem am Hauptbahnhof und am Viehofer Platz. Für altgediente Nazis, so die Autoren, sei es einfach gewesen, wie der in den Polizeidienst zurückzukehren.

Die Aufgaben der Polizei haben sich stetig gewandelt

1947 übertrug die britische Militärregierung die Polizeigewalt auf das Land NRW. Noch bis 1953 war die Polizei ein städtisches Amt und der Polizeiausschuss für Personal- und Ausstattungsfragen zuständig. Eine Anekdote am Rande: In den 1950er Jahren gab es bei der Essener Polizei den offiziellen Antrag „Branntwein-Zuteilung für Leichensachbearbeiter an stark in Verwesung übergegangenen und ekelerregenden Leichen“. Die Polizisten, die im Leichenschauhaus arbeiten mussten, durften zur Stärkung offiziell Schnaps trinken. Das wäre heute wohl unvorstellbar.

Die Aufgaben der Polizisten haben sich in all den Jahrzehnten stetig gewandelt: In der Nachkriegszeit mussten Bauern während der Ernte beschützt werden, in den 60er Jahren kamen Studentenunruhen und RAF, in den 70ern Hausbesetzer. Zu den Herausforderungen gehört heute auch der Umgang mit arabischen Clans.

Das Buch „Für jede Leiche gibt’s ‘nen Schnaps! 110 Geschichten aus dem Alltag der Polizei Essen“ erscheint am 24. August im Klar-Verlag und kostet 24,95 Euro. Vorbestellung: https://cutt.ly/LeicheSchnaps

Eine vergessener Heldin und Erinnerungen an einen Flugzeugabsturz 

„Menschen“ haben die Autoren ein weiteres Kapitel betitelt. Hier berichten sie beispielsweise von Anneliese Graes’ mutigen Verhandlungen mit den Olympia-Attentätern. Die Kriminalhauptkommissarin sei eine in Vergessenheit geratene Heldin: Die Essenerin verhandelte am 5. September 1972 bei den Olympischen Spielen in München mit den palästinensischen Terroristen. „Sie setzte ihr Leben aufs Spiel, um die Gewalttäter zur Aufgabe zu bewegen und die israelischen Geiseln frei zu bekommen.“

Graes gehörte zu den NRW-Beamten, die bei Olympia als Ordnungskräfte im Einsatz waren. Als sie von der Geiselnahme gehört habe, habe sie nicht auf die Anweisung ihres Chefs gewartet, sondern gehandelt. Sofort eilte sie zum Tatort, suchte das Gespräch mit den Geiselnehmern, baute Vertrauen auf und diente als Vermittlerin. 1974 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.

Flugzeugabsturz im Jahr 1988

Im Kapitel „Menschen“ erzählen Polizisten auch von ihren persönlichen Erlebnissen. So beschriebt Polizeihauptkommissar Jürgen Tonscheidt den Einsatz, den er nie vergessen wird: Am 8. Februar 1988 stürzte ein Flugzeug in die Ruhrwiesen. Niemand überlebte. „Uns Einsatzkräften bot sich am Absturzort ein schreckliches Bild im Schneegestöber“, schildert Tonscheidt. „Die vollkommen zerborstene Maschine hatte sich in den Boden gebohrt. Der tiefmorastige Winteracker war übersät von Leichen, Wrack- und Gepäckteilen.“

Der Polizist erinnert sich: „Ein Bild am Unglücksort hatte sich mir besonders eingeprägt: Im Schlamm lag eine geöffnete Geldbörse. Ich sah das Bild einer glücklichen Familie, Vater und Mutter mit zwei kleinen Kindern. Nun gehörte dieser Vater zu den Todesopfern des Absturzes.“

Tödliche Schüsse und der „Essener Kessel“ 

Das legendäre Beatles-Konzert in der Grugahalle, RWE-Spiele, Papst-Besuch oder Katholikentag: Die Polizei hat unzählige Großeinsätze absolviert. Ihnen ist das Kapitel „Im Einsatz“ gewidmet. Auch dieser Teil des Buches ist gespickt mit zahlreichen historischen Bildern.

Auch tragische Einsätze kommen zur Sprache, wie der Fall Kemal C.. Der 13-Jährige wurde 1989 von Beamten in einer Kleingartenanlage an der Berliner Straße erschossen. Zuvor habe der Schüler einem Polizisten die Waffe aus dem Holster gerissen, damit gedroht und auf Beamte und Schaulustige gezielt, schildern die Autoren. Der Einsatz wurde damals sehr kontrovers diskutiert. Die Polizei musste sich der Frage stellen, wie die Situation so eskalieren konnte. Später wurde bestätigt, dass die Polizei in Notwehr gehandelt habe.

In die Schlagzeilen kam die Polizei im Dezember 1994 beim EU-Gipfel in Essen: Bei einer Demonstration wurden mehr als 900 Menschen stundenlang festgehalten. Medien sprachen vom „Essener Kessel“. „Die Betroffenen beklagten Polizeiwillkür, da offenbar auch unbeteiligte Passanten, die für einen Weihnachtsbummel in der Stadt waren, in den Kessel geraten waren“, heißt es im Buch.

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