100 Jahre VHS Essen

100 Jahre VHS Essen: Warum der Doku-Film so sehenswert ist

Medienkünstlerin Cindy Gates im Aufzug des VHS-Gebäudes – der Lift ist Schauplatz des Abspannes des Films, der derzeit über die VHS-Homepage abgerufen werden kann.

Medienkünstlerin Cindy Gates im Aufzug des VHS-Gebäudes – der Lift ist Schauplatz des Abspannes des Films, der derzeit über die VHS-Homepage abgerufen werden kann.

Foto: Klaus Micke

Essen.   Zum 100. Geburtstag hat sich die VHS Essen einen Film spendiert, der ein möglichst großes Publikum finden sollte. Er wäre sogar was fürs Kino.

Zum 100. Geburtstag hat sich die Volkshochschule (VHS) einen Film spendiert: „100 Jahre im Licht“. Das sehenswerte Dokument sollte möglichst viele Zuschauer finden. Es gibt historische Bilder unserer Stadt zu betrachten, die beileibe nicht jeder kennt.

Eine Bombe mitten auf der Kettwiger Straße

Es gab Zeiten in Essen, da stand eine Bombe mitten auf der Kettwiger Straße, direkt an den Treppen zum Burgplatz. Ihr Metall schimmert glänzend im Sonnenschein, der Zündkopf steht auf einem Podest aus Stein, extra für die Bombe angefertigt, sie ist gut und gerne fünf Meter hoch. „Viele denken, das war ein Mahnmal gegen den Krieg“, berichtet Cindy Gates. „Doch es war Werbung für den Krieg und der Appell, bei Bombenalarm in den Luftschutzkeller zu gehen.“

Cindy Gates ist eine amerikanischstämmige Medienkünstlerin, die den Film „100 Jahre im Licht“ geschaffen hat, eine 13-minütige Dokumentation über die Essener Volkshochschule, ihr Entstehen, ihre Epochen, ihr Wirken in der Gegenwart.

Ein neues Selbstverständnis ab 1974

Für den Film sichtete Cindy Gates monatelang Foto- und Filmarchive in der Stadt und in der Region, und in Minute 2:32 im Film sieht man jetzt diese eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme: Die Bombe am Burgplatz, dahinter Dom und Rathaus-Turm. „Die Aufnahme ist aus den frühen Kriegsjahren“, sagt Cindy Gates, „bevor Essen zerstört wurde.“ Die Bilder kommen dann auch noch: Die kaputte Innenstadt, Schutt und Asche, Trümmer, im Hintergrund die Gertrudiskirche ohne Dach.

Dann der Wiederaufbau, die Studenten-Unruhen, der Neubau der Volkshochschule an der Hollestraße, der einem neuen Selbstverständnis entsprang: „1974: Das Weiterbildungsgesetz NRW erklärt Volkshochschulen zur kommunalen Pflichtaufgabe“, wird als Text eingeblendet.

Licht als zentrales Motiv: Auch im Sinne einer Erleuchtung

Cindy Gates hat einen Bogen gespannt aus Archivmaterial, bewegten und unbewegten Bildern, Schwarz-Weiß und Farbe, so gut wie alle Szenen spielen direkt in Essen, „so können sich die Zuschauer direkt mit ihrer eigenen Geschichte auseinandersetzen.“ Bewusst hat sie Foto- und Filmmaterial gemieden, das Prominente zeigt, „es geht um jeden einzelnen Bürger, nicht um einzelne Berühmtheiten.“ Und immer wieder: Licht als das Element, das alles verbindet: Die schmalen Neonröhren im neuen VHS-Gebäude am Burgplatz, wo Flüchtlinge Schlange stehen für Migrationskurse. Kronleuchter in der Villa Hügel, Schüler erkunden Gemälde der Familie Krupp. Der Beamer, der weißes Licht in den Seminarraum strahlt; in einem Kunst-Kurs malt jemand eine Sonne.

Licht, auch im Sinne einer Belichtung: des Geistes, der Gesellschaft.

Was dem Betrachter kaum auffällt, doch was für Cindy Gates eine der größten Herausforderungen beim Schaffen des Films war: „Die Digitalisierung ist ein echtes Problem.

„Unsere kollektive Erinnerung ist in Gefahr“

Ab den Neunziger Jahren sind Filmszenen auf allen möglichen Datenträgern abgespeichert und nirgendwo mehr zentral zu finden.“ Denn während Archive über Filmrollen verfügen, auch über viel privates Material wie Super-8-Sequenzen, wird kaum jemand seinen USB-Stick Archivzwecken zur Verfügung stellen: „Unsere kollektive Erinnerung ist in Gefahr“, mahnt Cindy Gates.

Die Künstlerin, die in den Siebziger Jahren von Kalifornien aus nach Europa kam, um hier Kunst zu studieren („alles Relevante in der Kunstszene war ja in Europa, deswegen wollte ich Kunst in Europa studieren“), lebte zunächst in Mainz, dann in Hamburg und kam später, 1988, ins Ruhrgebiet. An der FH Dortmund nahm sie eine Professur für Foto- und Film-Design an, gab auch später Kunst-Kurse an der Volkshochschule. Seit mehr als 20 Jahren verwirklicht Cindy Gates Medienprojekte mit Museen, gilt als Expertin darin, wissenschaftlich aufbereitete Themen in Filme zu verwandeln. So bekam sie den Auftrag, für die Volkshochschule den Geburtstagsfilm zu drehen. „Er ist für die Menschen in Essen gemacht“, betont die US-Amerikanerin, „aber auch für ein internationales Publikum.“

>>> WO MAN DEN FILM DERZEIT SEHEN KANN

  • Das Stück ist derzeit im Internet zu sehen, ein Link führt von der VHS-Homepage direkt zur Abspielplattform Youtube. Der Film wurde im Übrigen ausgesprochen stimmungsvoll vertont vom Kölner Komponisten Loy Wesselburg und seinem Orchester.
  • Premiere hatte der Film beim Festakt der VHS zum 100. Geburtstag in der Lichtburg. Das war im Februar. Da kam manchen die Idee, der Film könnte doch während des Jubiläumsjahres als Vorfilm in den Essener Filmkunsttheatern gezeigt werden . . . eine gute Idee, der jedoch die Chefin der Essener Programmkinos, Marianne Menze, eine Absage erteilt: „Dann würde unser Vorprogramm zu lang.“ An ausgewählten Terminen wäre es jedoch möglich, den Film vorab zeigen zu können. Die Gespräche laufen ...
  • Cindy Gates stellt ihren Film erneut vor am Donnerstag, 4. April, 19.30 Uhr, in der VHS, Burgplatz.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben