Plakatkunst

100 beste Plakate in Essen: ein guter Jahrgang trotz Corona

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Ein Blick in die Ausstellung: In der Halle 5 auf Zeche Zollverein sind die 100 besten Plakate des Jahres 2020 zu sehen.

Ein Blick in die Ausstellung: In der Halle 5 auf Zeche Zollverein sind die 100 besten Plakate des Jahres 2020 zu sehen.

Foto: Bastian Haumann / FUNKE Foto Services

Essen.  Trotz Pandemie vermeldet der größte Plakatwettbewerb im deutschsprachigen Raum keine Qualitätseinbußen. Große Schau auf Essens Zeche Zollverein.

Es ist die Bilanz eines Jahres, in dem der ungewohnte Anblick von weißen, gänzlich unbeklebten Litfaßsäulen fast mehr auffiel als die eigentlichen Werbeflächen. Und doch haben die schweren Folgen der Corona-Pandemie dem traditionsreichen Wettbewerb „100 beste Plakate 20. Deutschland Österreich Schweiz“ nicht geschadet. René Grohnert, Leiter des Deutschen Plakatmuseums, ist nach anfänglicher Sorge um das Ergebnis sogar sehr zufrieden: „So einen guten Jahrgang hatten wir lange nicht.“ In der Halle 5 der Zeche Zollverein können sich Besucher nun von der Vielfalt der Plakatkunst auch während der Pandemie überzeugen.

Die Ausstellung, organisiert vom Verein „100 Beste Plakate e.V.“ in Berlin, wird bereits seit 2008 in Zusammenarbeit mit dem Museum Folkwang organisiert und ist nach langer Zeit wieder auf dem Welterbe-Gelände zu sehen. In der hohen luftigen Halle 5 haben Plakatkunst und Besucher momentan viel Frei- und Entfaltungsraum. Das großzügige Stellwände-Konzept sorgt für ausreichend Abstand und Überblick.

Die meisten Arbeiten kommen aus der Schweiz

An dem größten Plakatwettbewerb im deutschsprachigen Raum beteiligten sich im Jahr 2020 immerhin 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit insgesamt 1973 Plakaten. 298 Einzelplakate und 127 Serien schafften es ins Finale. Was die international besetzte Jury am Ende als besonders innovativ und wegweisend bewertete, sieht man nun in der Ausstellung. Die meisten Arbeiten stammen aus der Schweiz (50 Prämierungen), gefolgt von Deutschland (43) und Österreich (7).

Kultur-Plakate als farbige Leuchtzeichen der Hoffnung

Was bemerkenswert erscheint: Trotz der drastischen Einschränkungen, die das kulturelle Leben während der Pandemie hinnehmen musste, sind es vor allem Auftragsarbeiten für kulturelle und künstlerische Veranstaltungen, die das Bild beherrschen. Plakate für die Tanzbiennale in Heidelberg, das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe oder die Ólafur-Elíasson-Schau im Kunsthaus Zürich zeugen davon, dass die Kulturstätten auch im Corona-Jahr 2020 auf vielfältige Weise präsent waren. Selbst wenn das eine oder andere Plakat am Ende eben nur ein farbiges Lebenszeichen blieb. Aber was für eines: Henning Wagenbreths knallbunte Arbeit für die Schaubühne Berlin wirkt wie ein farbflirrendes Leuchtzeichen der Hoffnung, während das Plakat für den Rias Kammer-Chor die Farben in bilderbunter Vorfreude regelrecht tanzen lässt.

Dass vor allem aus dem Kulturbereich die ungewöhnlichsten und innovativsten Einreichungen kommen, habe seinen Grund, erklärt Plakatchef Grohnert. In der herkömmlichen Produktwerbung sei dem Plakat schon lange die zentrale Bedeutung abhanden gekommen. Im Bereich der Konsumgüter seien die gedruckten Informationsträger mittlerweile kaum mehr als ein Blick-Anker, um „zwischen zwei TV-Spots die Erinnerung aufrecht zu halten“. Im Kulturbereich hingegen sei die Werbebotschaft im öffentlichen Raum oft noch das wesentliche Ankündigungsinstrument. Entsprechend bedeutsam ist auch der Einsatz von Schrift. Der Text wird wieder stärker zum Bildträger oder zumindest ein wichtiger Teil der Flächenkomposition.

Weniger Experiment, mehr Inhalt, auch so könnte man kurz und knapp den Fokus vieler ausgewählter Arbeiten beschreiben, zu denen auch ein Ausblick aufs Hahnenkamm-Rennen gehört oder der geschundene Ballerinen-Fuß, mit dem das Schweizer Institut des humanités en médecine auf seine Arbeit aufmerksam macht. „Die Zeit der Spielerei ist vielleicht vorbei“, mutmaßt Grohnert.

Die Auswahl-Arbeit dürfte dem Verein „100 beste Plakate“ jedenfalls nicht so bald ausgehen, glaubt der Essener Museumschef. „Wir werden weniger Plakate haben, aber sie werden im Stadtbild präsenter sein.“ Denn auch in Zeiten von Social Media hätten die gedruckten Informationsträger ihre Funktion nicht verloren. Das Netz sei dabei zwar einerseits Konkurrent, trage aber auch zur Verbreitung der bunten Werbebotschaften bei. Manche Plakate hätten virtuell sogar mehr Aufmerksamkeit erregt als am Straßenrand, weiß Grohnert.

Und auch beim Besuch der Plakat-Ausstellung kann das Handy zum Einsatz kommen. Mit Hilfe der Artivive-App (kostenlos im App-Store und bei Google-Play erhältlich) sind 39 der ausgestellten Gewinnermotive sogar animiert zu betrachten.

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