Urteil

Dreieinhalb Jahre Gefängnis für Schwelmer Prügelbrüder

Auf dieser Bank sitzen das Opfer und die Ex-Freundin von Justin-Pascal K., als dieser am 11. Oktobervergangenen Jahres plötzlich ausrastet.

Auf dieser Bank sitzen das Opfer und die Ex-Freundin von Justin-Pascal K., als dieser am 11. Oktobervergangenen Jahres plötzlich ausrastet.

Foto: Stefan Scherer

Schwelm.   Gericht verurteilt Justin-Pascal K. wegen gefährlicher Körperverletzung. Sein Bruder bekommt eine Bewährungsstrafe. Keine Tötungsabsicht erkannt.

Der versuchte Totschlag war am Ende vom Tisch. Doch dass das Hagener Landgericht den Schwelmer Justin-Pascal K. (20) nun wegen gefährlicher Körperverletzung am Montag zu drei Jahren und sechs Monaten Jugendstrafe verurteilt hat, macht seine Tat nicht weniger brutal. Ohne Vorwarnung hatte er einen damals 17-jährigen vermeintlichen Nebenbuhler auf offener Straße an der Untermauerstraße in Schwelm zusammengeschlagen und gewürgt. Sein 17-jähriger Bruder bekam ein Jahr auf Bewährung und muss 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Er hatte am 11. Oktober vergangenen Jahres auf das am Boden liegende Opfer eingetreten.

Der Prozess

Die Verhandlung vor der 1. Großen Jugendstrafkammer beschäftigte sich vornehmlich mit Details und juristischen Fragen, denn zum Prozessauftakt Ende März hatten die beiden Brüder in groben Zügen gestanden. Die Kammer um den Vorsitzenden Richter Jörg Weber-Schmitz hörte zahlreiche Zeugen, um sich ein genaues Bild des Tathergangs zu machen und vor allem zwei Fragen zu beantworten: Handelte Justin-Pascal K. in der Absicht, seinen Wuppertaler Kontrahenten zu töten? Und: Ist er von der Tat zurückgetreten.

Vor allem von den Jugendlichen aus der Clique, die sich zunächst auf dem Schwelmer Parkour-Platz aufgehalten hatte, gab es unterschiedliche Aussagen, die Erinnerung der Polizeibeamten war sehr unterschiedlich und der Mann, der den rasenden Angreifer schließlich von seinem Opfer herunterzerrte, konnte bis heute nicht ermittelt und damit auch nicht angehört werden.

Nach der Beweisaufnahme stellte sich der Tattag wie folgt dar: Der 20-jährige Schwelmer trank mit den anderen jungen Leuten Wodka am Parkour-Platz, als seine Ex-Freundin mit dem Wuppertaler dort auftauchte. Es kam zu einer Diskussion und die Stimmung des Hauttäters trübte sich deutlich. Als er später erfuhr, dass der 17-Jährige und das damals 15-jährige Mädchen an der Bushaltestelle an der Untermauerstraße saßen, eilte er dorthin. Er schlug mit der Faust auf seinen Gegner ein, zerrte ihn von der Bank, prügelte weiter auf den am Boden liegenden ein, würgte ihn, wurde weggezerrt, riss sich los, schlug erneut auf sein Opfer ein, bis sich dieses mit Hilfe von Zeugen in die Spielhalle retten konnte. Der jüngere Bruder trat dem Wuppertaler derweil in die Rippen, bevor die Gruppe flüchtete, aber wenige hundert Meter weiter von einer Polizeistreife verhaftet wurde.

Der Ältere sitzt seitdem im Iserlohner Jugendgefängnis, der jüngere der Prügelbrüder ist auf freiem Fuß geblieben.

Die Plädoyers

Staatsanwaltschaft: Die Staatsanwältin forderte exakt die später vom Gericht verhängte Strafe von drei Jahren und sechs Monaten für den Älteren der beiden. Für den kleinen Bruder, dem sie weiterhin schädliche Neigungen attestierte und eine große Gefahr sah, dass er weitere Straftaten begehen wird, forderte sie ein Jahr und sechs Monate ohne Bewährung. „Ich sehe bei ihm keine gute Sozialprognose, und habe nicht das Gefühl, dass dieser Gerichtsprozess bei ihm irgendeine Einsicht bewirkt hat. Er hatte gar nichts mit dem Geschädigten zu tun und wollte nur noch einmal ‘reintreten“, sagte sie.

Beiden bescheinigte sie eine „gravierende Missachtung gegenüber sozialen Werten und Normen.“ Dennoch sehe sie in der Tat kein Tötungsdelikt, weil kein Vorsatz vorliege. „Er wollte sein Opfer verletzen und hat sich darüber hinaus keine weiteren Gedanken gemacht.“
Nebenklage: Heike Tahden-Farhat fasste sich als Rechtsanwältin des Opfers kurz, schloss sich der Staatsanwältin überwiegend an. „Die Tat war roh, brutal, völlig grundlos, und es war verdammt knapp, dass meinem Mandanten nicht deutlich Schlimmeres widerfahren ist.“
Verteidigerin des großen Bruders: Überraschend kurz hielt sich Sonka Mehner-Heurs, die Justin-Pascal K. vertritt. Die von der Staatsanwaltschaft geforderten dreieinhalb Jahre waren genau die Erwartung, mit der sie in den Prozess gegangen war.
Verteidiger des kleinen Bruders: Timo Scharrmann hingegen war mit dem geforderten Strafmaß für seinen Angeklagten überhaupt nicht einverstanden. Der 17-Jährige befinde sich im Schein der brutalen Tat des großen Bruders, „sonst wäre diese Tat vor dem Amtsgericht gelandet.“ Das Opfer habe lediglich Hämatome von den Tritten davon getragen, er sehe durchaus Reue bei dem jungen Schwelmer, der mit einem Dauerarrest ausreichend bestraft sei.

Das Urteil

Kurz und knapp verlas Jörg Weber-Schmitz das Urteil: Drei Jahre und sechs Monate Jugendgefängnis für den Älteren, ein Jahr auf Bewährung und 100 Sozialstunden für den Jüngeren. Der darf sich nun drei Jahre lang nichts zu Schulden kommen lassen, sonst wird seine Bewährung widerrufen und auch er muss sein Jahr absitzen.

Justin-Pascal K. kann hinter Gittern nun seine dort begonnene Ausbildung beenden. Sein Bruder habe noch einmal die Chance, zu zeigen, dass der aus dem Geschehen gelernt habe und nicht erneut straffällig werde. „Insgesamt war dies schon ein ziemlich krasses Geschehen, auch weil viele Jugendliche nicht eingeschritten sind“, schloss Richter Weber-Schmitz.

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