Gastronomie

Schwelmerin Ilse Dumke steht seit 55 Jahren hinterm Zapfhahn

„Wirtin mit Leib und Seele“: Vor fünf Jahren entstand diese Aufnahme,als Ilse Dumke ihr 50-Jähriges „Dienst“-Jubiläum als Wirtin der Gaststätte Zur Oberstadt feierte.

„Wirtin mit Leib und Seele“: Vor fünf Jahren entstand diese Aufnahme,als Ilse Dumke ihr 50-Jähriges „Dienst“-Jubiläum als Wirtin der Gaststätte Zur Oberstadt feierte.

Foto: Bernd Richter

Schwelm.   Sie ist eine Institution in der Oberstadt und kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als in ihrem Lokal nur Platt gesprochen wurde.

Seit fast 55 Jahren versorgt sie ihre Gäste mit frisch Gezapftem und ihren legendären Frikadellen. Gastwirtin Ilse Dumke ist eine Institution in der Schwelmer Oberstadt.

Die Gaststätte „Zur Oberstadt“ wird seit 1892 als Familienbetrieb geführt. Das steht schon draußen über dem Eingang…

Ilse Dumke: Ja, mein Großvater Gustav Küper hat das Haus 1892 gekauft und dort einen Lebensmittelladen und eine Gaststätte eröffnet. Er stammte vom Stöcken (heute Ennepetal). Sein ältester Bruder hat den Hof geerbt, der nächste Bruder die Windmühle hier in Schwelm und Gustav hat Goldmark bekommen.

Davon kaufte er zuerst ein Haus am Markt, das spätere Eisbeinhaus, aber für die Familie mit zwölf Kindern war das Haus bald zu klein und sie zogen in die Kölner Straße 34. Gegenüber im Viktoriasaal fanden damals auch die Musterungen der Soldaten statt und da war die Lage günstig für eine Gaststätte. Die jüngste Tochter der Küpers, meine Mutter Else, übernahm 1923 zusammen ihrem Mann Wilhelm Kolkhorst das Lokal, das meine Eltern dann weiterhin als Nebenerwerbsbetrieb führten. Da war der Lebensmittelladen schon geschlossen und an der Stelle wurde ein schöner Gesellschaftsraum eingerichtet. Der soll sehr gemütlich ausgestattet gewesen sein und meine Eltern erzählten mir, dass dort viele Ehen angebahnt wurden.

In früheren Zeiten sah die Oberstadt sicherlich noch ganz anders aus.

Ja, ich weiß aus Erzählungen, dass in jedem Haus ein Gewerbe war. Handwerker oder Lebensmittelläden. An die meisten kann ich mich noch erinnern: Es gab zwei Metzgereien und einige Bäcker. Wolle und Strickwaren gab es, und unten links war ein Laden mit Bürsten und Pinseln. Hier nebenan hatte der Schreiner Weinreich Särge im Schaufenster ausgestellt.

1964 haben Sie die Gaststätte übernommen. Hatten Sie eigentlich eine Wahl oder war das von Ihren Eltern vorbestimmt, dass Sie die Tradition weiterführen?

Ich hatte keine Wahl. Meine Mutter war 1962 gestorben und da mein Vater die Arbeit allein nicht schaffte, stand ich ihm zur Seite. Da wurde ich nicht gefragt, das war selbstverständlich. Es hieß nur: „Ilse macht das schon.“

1964 haben mein Mann und ich den Garten hinter dem Haus verkauft und viel Geld in den Umbau gesteckt. Nach dem Motto: „Wenn schon, dann auch richtig!“ haben wir alles komplett neu gestaltet, und mit der Neueröffnung habe ich die Gaststätte übernommen. Seitdem bin ich Wirtin. Seit 1964 mit viel Freude.Mein Mann, Ewald Dumke, stammte aus Pommern und war Pflasterer von Beruf. Abends standen wir gemeinsam hinter dem Tresen. Unsere Söhne Claus und Bernd wurden 1961 und 1965 geboren. Sie sind beide Handwerker: Claus ist Schreiner und Bernd ist Maler und Lackierer. 1988 starb mein Mann Ewald. Seitdem führe ich die Gaststätte alleine. Bei größeren Gesellschaften oder wenn viel Betrieb ist, helfen mir die Söhne und die Schwiegertöchter.

Früher gab es in Schwelm viel mehr Gaststätten. Die Konkurrenz war sicherlich groß damals.

Ja, als meine Eltern 1923 die Gaststätte übernahmen, gab es weit mehr als 100 Lokale in Schwelm. An jeder Ecke gab es eine Eckkneipe, Dittmars hatten ihre Wirtschaft unten an der Ecke, das Sängerheim war eine große Gaststätte. Allerdings waren in der Kölner Straße überwiegend Läden und nicht so viele Kneipen. Ich habe aber in den letzten 30 Jahren in der Kölner Straße viele Kollegen kennengelernt, die ein Lokal eröffnet haben. Zeitweise gab es sieben oder acht Kneipen hier in der Oberstadt, inzwischen haben die fast alle wieder geschlossen. Uns gibt es immer noch.

Ist das nicht ein tolles Gefühl, eine solche Tradition fortzuführen?

Ja, das ist schon was, da hängt man dran, da ist man mit dem ganzen Herzen dabei. Ich bin sehr stolz darauf, so lange eine Gaststätte zu führen. Als wir 1992 unser 100-jähriges hatten, haben wir ganz groß gefeiert. Die ganze Straße war gesperrt und alle feierten mit. Vorne haben die „Night Dreams“ gespielt und hinter dem Haus spielte das Mandolinenorchester Kaffeehausmusik. Das war eine tolle Feier.

Seit Ihrem 29. Lebensjahr sind Sie Wirtin und erfreuen sich bei Ihren Gästen großer Beliebtheit. Haben Sie ein Erfolgsrezept?

Ich habe Freude an Menschen und ich höre meinen Gästen gerne zu. Auch wenn vielleicht mal nur ein Gast da ist, ich höre ihm zu und ich plaudere nichts weiter. Es ist heute in der Gastronomie oft die Kommunikation, die fehlt.

Vor knapp fünf Jahren stand in unserer Zeitung: „Ilse Dumke ist seit 50 Jahren Wirtin mit Leib und Seele“. Nun stehen Sie also bald schon seit 55 Jahren hinter dem Tresen und versorgen Ihre Gäste. Denken Sie nicht manchmal an den Ruhestand?

Ich nehme mir immer vor: „Irgendwann hörst du auf“, dann mache ich doch weiter. Vielleicht muss ich mit 85 ans Aufhören denken oder zumindest die Gaststätte offiziell an die nächste Generation übergeben.

Wird denn jemand die Familientradition in der vierten und vielleicht sogar der fünften Generation fortsetzen?

Ich vermute, dass mein Sohn Claus und meine Schwiegertochter Sylvia die Gaststätte „Zur Oberstadt“ weiterführen werden. Sie wohnen auch hier im Haus, und als ich im vorigen Jahr vier Wochen im Krankenhaus lag, haben sie alles fortgeführt. Das haben sie sehr gut gemacht.

An der Wand hier hängen viele Ehrungen. 2016 wurden Sie zur Hopfenkönigin gekrönt und die neueste Auszeichnung ist die „Wilhelm-van-Dage-Medaille“, die Sie für Ihre Verdienste für die Stadt Schwelm und insbesondere fürs Nachbarschaftswesen 2018 bekommen haben.

Mit der Medaille habe ich gar nicht gerechnet. Ich habe gedacht, die haben mich zu dem Bürgermeisterinnenempfang eingeladen, weil ich schon so lange die Gaststätte habe oder weil hier immer noch viel Platt gesprochen wird. Als ich die Medaille bekam, war ich total platt und habe mich riesig gefreut.

Wird denn bei Ihnen noch Schwelmer Platt gesprochen?

Früher wurde hier fast nur Platt gesprochen, besonders von den älteren Gästen. Heute können die jüngeren kein Platt mehr sprechen. Manche verstehen es zwar, aber sprechen können es die wenigsten. Mit den älteren Gästen spreche ich aber gerne noch Platt.

Hier „Zur Oberstadt“ werden aber noch andere Traditionen gepflegt.

Früher gab es sehr viele Stammtische, die sich regelmäßig hier trafen, etliche kommen heute noch. So beispielsweise der Verein „Jungmühle“, das sind etwa 20 Damen, die sich monatlich hier treffen.

http://Ilse_Dumke_bekommt_die_Van-Dage-Medaille{esc#215236513}[news]Und die Sänger vom Eisenwerkschor, die singen zwar leider nicht mehr, aber sie treffen sich einmal im Monat hier. Wenn ich dachte, dass eine Generation von Stammgästen ausgestorben wäre, kam wieder eine neue und wieder neue Stammtische. Die Nachbarschaft „Gesellschaft Oberstadt“ hält hier ihre Versammlungen ab und auch der SGV (Anm. d. Red: Sauerländischer Gebirgsverein) trifft sich seit 30 Jahren einmal im Monat hier. Wir haben ja auch noch den Gesellschaftsraum, in dem Feiern stattfinden. Am letzten Wochenende waren 44 Personen zu einer Geburtstagsfeier da.

Eine Tradition, die ich ganz besonders liebe, ist die Erbensuppe am Heimatfestmontag. Die gibt es seit 1964. Früher fanden schräg gegenüber im Sängerheim die Siegerehrungen zum Heimatfestzug statt und anschließend kamen bestimmt 200 Leute zum Erbsensuppenessen zu uns. Obwohl es keine Siegerehrungen mehr hier in der Oberstadt gibt, gibt es bei uns von 10.30 bis 13.30 Uhr die Erbsensuppe. Die ist Kult. Es kommen vor allem viele Aktive von den Nachbarschaften zum fröhlichen Frühschoppen.

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