Interview

Jan Schulte spricht über Abschied von Radio Ennepe Ruhr

Der Gevelsberger Journalist und Moderator Jan Schulte arbeitet jetzt für den Westdeutschen Rundfunk.

Der Gevelsberger Journalist und Moderator Jan Schulte arbeitet jetzt für den Westdeutschen Rundfunk.

Foto: Marinko Prša

Gevelsberg.  Der Gevelsberger Journalist und Moderator spricht im Interview über seinen Abschied bei Radio Ennepe Ruhr und wie es ihm heute damit geht.

Als Moderator bei Radio Ennepe-Ruhr hat Jan Schulte die Menschen im Kreis über Jahre hinweg morgens aus dem Bett geschmissen. Am 5. Juli feierte er während seiner letzten Sendung einen emotionalen Abschied. Die Resonanz darauf war gewaltig. Im Gespräch unter Journalistenkollegen blickt er mit etwas Abstand nochmal auf diesen Abschied und spricht über seine jetzige Arbeit beim Westdeutschen Rundfunk (WDR). Dabei verrät er auch, wie es mit dem Kneipen Kwiz in Ennepetal weitergeht und was sein Nachfolger bei Radio Ennepe Ruhr unbedingt beherzigen sollte.

Deine letzte Sendung als Moderator bei Radio Ennepe-Ruhr ist bald einen Monat her. Dein Abschied war sehr emotional. Wie geht es dir damit heute?

Jan Schulte: Jetzt, wo ich den neuen Job angefangen habe, geht es definitiv besser. Aber am Montag nach der letzten Sendung nicht mehr um 3.30 Uhr den Wecker klingeln zu hören, war erstmal komisch. Ich bin noch genauso wach geworden, dass ich rechtzeitig zum Frühdienst gekommen wäre, wenn ich denn welchen gehabt hätte. Ich habe dann um kurz vor 5 das erste Mal auf die Uhr geguckt und gedacht: Ne, du musst da ja nicht mehr hin.

Du hast, meine ich, danach ja nicht direkt beim WDR angefangen.

Ich habe den restlichen Juli noch Resturlaub abgefeiert, aber es hat sich nicht wie Urlaub angefühlt. Ich hatte auch Kontakt zu meinen alten Arbeitskollegen. Die sagten, dass es sehr ungewohnt und komisch ist – als würde ich jeden Moment reinkommen.

Wie hast Du die Resonanz auf deinen Abschied erlebt?

Ich bin, egal wo ich war, von den Leuten darauf angesprochen worden. Entweder hatten die die beiden Videos gesehen oder die haben es gehört. Einige haben es auch in der Zeitung gelesen. Das hat mich in den Urlaubswochen zwischen den beiden Jobs sehr beschäftigt.

Inwiefern beschäftigt?

Ich habe generell meine Radiotätigkeit und das, was man da morgens macht, viele Jahre anscheinend unterschätzt – was das für die Leute für eine Bedeutung hat, was das für eine Routine für die Menschen ist, mit der gewohnten Stimmte morgens aufzustehen. Bei vielen gehörte anscheinend dazu, mein Team und mich morgens zu hören. Und auf einmal ist das weg. Ich glaube, das ist für viele erstmal ein Riss in der Gewohnheit. Vor zwei Wochen war ich im Baumarkt und kramte an der Kasse mein Geld raus. Auf einmal sagte die Verkäuferin: „Sie fehlen mir morgens im Radio.“ Ich war gedanklich in dem Moment völlig woanders. Ich habe mich dann bedankt und gesagt, dass es mir auch fehlt.

Haben Du und deine Kollegen zum Abschied noch etwas Spezielles gemacht?

Ich hatte natürlich zum Ausstand eingeladen. Es hat auf bewährte Art und Weise Frikadellen gegeben. Und natürlich durfte ein großer Pott Kartoffelsalat von meiner Oma Elli nicht fehlen. Der wird von meinen Kollegen heiß geliebt. Die haben mir dann ihre besten Wünsche mitgegeben und immer wieder betont, dass es – obwohl es für uns alle schwer ist – der richtige Schritt ist und dass das der Karrieresprung ist, den ich machen muss. Jetzt mit 31 bin ich einerseits erfahren genug, aber auch noch jung genug, um etwas anderes anzufangen und jetzt eben beim Öffentlich-Rechtlichen durchzustarten.

Wie ist der Neustart beim WDR denn gelaufen?

Ich sag mal so: Ich bin sehr weich gefallen. Ich habe da mit Vorschuss-Lorbeeren angefangen – unerwarteter Weise. Ich hatte natürlich zum Einstand ein bisschen Kuchen dabei und habe mich vorgestellt, weil ich finde, dass sich das so gehört. Du musst ja erstmal komplett neu anfangen. Der WDR ist ein Riesenkomplex. Da habe ich auch vorher mit Ehrfurcht vorgestanden. Die haben mich aber direkt herzlich empfangen. Einige kannten mich offensichtlich schon vom Hören über die Jahre hinweg. Ich wurde schnell eingesetzt und habe Aufträge bekommen. Ich habe schon für WDR2 aus Köln mehrere Stücke gemacht oder im Freibad in Sprockhövel Töne gewildert. Das war komisch, weil ich auf einmal ein WDR2-Mikro ausgepackt habe, während einer an mir vorbeilief und sagte: Ach guck mal, Radio Ennepe-Ruhr ist da. Das ist im Übrigen auch so ein Ding, das mir von der Studioleitung in Dortmund echt anerkannt wird. Die wissen, was ich für ein Opfer gebracht habe. Ich hatte eine unbefristete Festanstellung und die habe ich drangesteckt für eine freie Mitarbeit.

Was genau sind jetzt deine Aufgaben beim WDR?

Ich bin Autor und Reporter. Das heißt, ich muss in der Redaktion teilweise Nachrichten anrecherchieren, umsetzen, texten, selbst vertonen. Ich werde ab August mehrfach die Lokalzeit-Nachrichten immer um halb aus dem Studio Dortmund präsentieren. Das ist dann dieser klassische Spruch: „Aus dem Studio Dortmund mit Jan Schulte, guten Tag.“ Das ist für mich auch eine Umgewöhnung, weil ich Nachrichten zuletzt im Volontariat gemacht habe. Aber ich kann das und ich freue mich auch drauf. Das ist eine Herausforderung.

Stichwort „Umgewöhnung“ – fällt es dir im Moment noch schwer, für die Arbeit zu anderen Uhrzeiten aufzustehen?

Ich werde nach wie vor früh wach. Zwischen 5 und 7 Uhr gucke ich bestimmt zwei-, dreimal auf die Uhr. Aber ich genieße das. Ich habe mich ja in einem Post auf Facebook nochmal für die Resonanz auf meinen Abschied bedankt, die mich ja völlig erschlagen hat. Dabei habe ich ja großmäulig reingeschrieben, dass es nie wieder vorkommen wird, dass mein Wecker eine Drei oder eine Vier vorne stehen hat. Daraufhin schrieb mir dann mein stellvertretender Studioleiter direkt, dass ich das mal nicht so laut sagen sollte. Ich werde im August auch schon mehrmals morgens um 4.30 Uhr den Dienst anfangen müssen.

Was sind deine Erwartungen an deine künftige Arbeit?

Wenn ich in den letzten Jahren beim Radio eines gelernt habe, dann, dass Du überhaupt nichts planen kannst. Du kannst dir viel wünschen. Aber du bist nicht bei „Wünsch dir was“ sondern bei „So ist es“. Ich möchte beim WDR jetzt einfach gut ankommen und möchte erstmal klarkommen. Natürlich schiele ich schon darauf, irgendwann mal wieder in die Moderation reinzukommen. Was mir, glaube ich, auch gut liegt, sind Live-Reportagen. Wie bei „Jan packt an“ zum Beispiel, also das waren keine Live-Reportagen – aber ich meine dieses „Geh mal raus und mach ‘was mit den Leuten.“ Ich bin niemand, der mal die Tagesschau präsentieren wird. Das ist nicht mein Naturell. Ich bin nicht der klassische, ernsthafte Nachrichtenredakteur. Wenn ich irgendwann mal den Schalten-Reporter oder vielleicht auch mal etwas mit Fußball machen kann, dann ist mein letzter Traum auch noch in Erfüllung gegangen.

Wie sieht es bei deiner beruflichen Umorientierung eigentlich mit deinen sonstigen Aktivitäten wie dem Kneipen Kwiz oder dem Borussia-Dortmund-Fanmagazin Pike TV aus?

Da haben auch viele direkt nach gefragt. Das geht alles weiter. Ich bin ja nicht beim WDR gefangen, die lassen mir da auch freie Hand. Ich darf ganz normal nach wie vor alles machen, was nicht mit meiner journalistischen Arbeit kollidiert. Es wird weiter das Kneipen Kwiz geben. Ich werde auch weiterhin, wenn es geht, den Kirmeszug kommentieren. Ich mache auch viel Eventmoderation und bin Ehrenamtler im Gefängnis. Das ruht zwar im Moment, aber da habe ich mit einem Kumpel, der JVA-Beamter in Remscheid ist, eine Theater-AG für Häftlinge geleitet.

Was würdest Du deinem Nachfolger bei Radio Ennepe-Ruhr mit auf den Weg geben?

Wenn einer anruft und sagt, am Westfeld wird geblitzt. Dann sollte er nicht sagen: In Ennepetal am Westfeld wird geblitzt, sondern in Voerde am Westfeld wird geblitzt. Mit anderen Worten: Er muss den Ennepe-Ruhr-Kreis mit seinen neun Städten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – auch von der Mentalität her – zu nehmen wissen. Er sollte sich nicht Bange machen vor Raubeinen und Leuten, die nicht immer so offenherzig auf den Sender reagieren. Er sollte sein eigenes Ding durchziehen und seine eigene Art und Weise finden, auch von der Ansprechhaltung her. Man muss ehrlich sein, die Leute merken das, wenn du aufgesetzt bist. Nach meinem Abschied gab es auch Leute, die froh waren, dass ich weg bin. Und das ist auch okay. Ich wollte nie „Everybody’s Darling“ sein.

Das Interview mit Jan Schulte führte Max Kölsch.

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