Flüchtlinge

Bauverein weigert sich, Leerstand an Stadt zu vermieten

Unter anderem in diesen Häusern in Berge stehen seit langem Wohnungen leer, die die Stadt nun für Flüchtlinge anmieten will.

Unter anderem in diesen Häusern in Berge stehen seit langem Wohnungen leer, die die Stadt nun für Flüchtlinge anmieten will.

Foto: WP

Gevelsberg.   Die Stadt Gevelsberg sucht dringend neuen Wohnraum für Flüchtlinge. Beim Bauverein stößt Bürgermeister Claus Jacobi allerdings auf Granit.

Auf der Suche nach neuem Wohnraum für Flüchtlinge steht der Stadt Gevelsberg das Wasser bis zum Hals. Angesprochen auf den Stand der Verhandlungen mit dem Gevelsberger Bauverein schwillt Bürgermeister Claus Jacobi selbiger an: „Wenn alle Gevelsberger derart dicht machen würden wie der Bauverein, hätten wir bereits mehrere Turnhallen mit Flüchtlingen belegt.“ Doch Frank Ryll, Vorstandsvorsitzender des Bauvereins, denkt gar nicht daran, seine Leerstände im Stadtteil Berge an die Stadt zu vermieten.

Rasant steigender Bedarf

Die zähe Diskussion läuft seit Wochen, zunächst mündlich, mittlerweile auf schriftlichem Wege. Im Zentrum: 35 Wohnungen in den Bauvereins-Häusern in Berge – öffentlich geförderter Wohnraum, der zum Teil seit Jahren leer steht. „Die Solidarität der Gevelsberger ist überragend. Wir haben derart viele Wohnungsangebote bekommen, dass wir bisher um eine Zentralunterkunft herumgekommen sind“, sagt Claus Jacobi. Doch klar ist auch: Der Bedarf steigt rasant, denn Gevelsberg ist wohl mit Schwelm die nächste Stadt im EN-Kreis, in der eine Landeserstaufnahmeeinrichtung bereit gestellt werden muss. Auch dieser Platz ginge für die kommunale Nutzung verloren.

Keine Vermietung an die Stadt

Mit dieser Perspektive wandte sich Jacobi an Ryll und bat, sämtliche leeren Wohnungen, insbesondere den Leerstand in Berge, zur Verfügung zu stellen. Die Stadt würde als Mieterin auftreten, könnte dadurch Bewohner, die sich nicht vernünftig verhalten, jederzeit verlegen. Der Bezug solle nicht auf einen Schlag passieren. Gemeinsam mit dem Bauverein will die Stadt ein Stufenmodell entwickeln. Außerdem soll ganz genau darauf geachtet werden, dass nur Menschen aus familiär und sozial gefestigten Strukturen dort einziehen, damit die sozialpädagogisch begleitete Integration in die Hausgemeinschaften so unproblematisch wie möglich erfolgen kann.

Allesamt Dinge, die Frank Ryll auf Nachfrage dieser Zeitung kategorisch ausschließt. Eine Vermietung an die Stadt Gevelsberg käme generell nicht in Frage. „Da hätten wir keinen Zugriff mehr und aus meiner Sicht zu wenig Kontrolle, was die Fluktuation in den Wohnungen anbelangt.“ Dass allein die Wohnungen in Berge grob geschätzt etwa 250 000 Euro sichere Mietzahlungen für den Bauverein bedeuten, sei kein Argument. „Im Sinne der sozialen Stabilität im Stadtteil können wir die Wohnungen nicht zur Verfügung stellen.“ Dies würde die mehr als zehnjährige Stadtteilarbeit der Kommune im ganzen Quartier Berge zu Nichte machen. „Wenn wir die Wohnungen mit Asylbewerbern voll machen, ziehen unsere Mitglieder aus, und wir können nur noch an Asylbewerber vermieten“, sagt er. Dies habe aus seiner Sicht nichts mit einer dezentralen Unterbringung zu tun. Gleichwohl hätte der Bauverein bereits acht Wohnungen an Asylsuchende vermietet. Auch die Tatsache, dass die Stadt Gevelsberg mit 1,95 Prozent Geschäftsanteilen des Bauvereins selbst großes Mitglied ist, zählt für Frank Ryll nicht. „Wir vermieten vorrangig an unsere Mitglieder, aber da nur an natürliche Personen.“

Gemeindehaus angeboten

Der Bauvereins-Chef macht der Stadt zwei Angebote. Sie könne das ehemalige Gemeindehaus an der Heideschulstraße bis zu seinem in zwei Jahren anvisierten Abriss kostenfrei nutzen, müsse dies jedoch auf eigene Kosten herrichten. Für Jacobi ist das allerdings keine Option. Noch am Tag des Angebots machte er sich mit einigen seiner Mitarbeiter auf, um das Gebäude in Augenschein zu nehmen. Ergebnis: Die Kommune müsse für die Instandsetzung deutlich mehr als 100 000 Euro in die Hand nehmen, ein Bezug wäre vor Frühjahr 2016 nicht möglich.

Das zwei Angebot: Stets zur Monatsmitte wolle der Bauverein seinen Bestand prüfen und geeignete Wohnungen für Flüchtlinge melden. Die Stadt solle Asylbewerber vorschlagen, die dort einziehen sollen, diese Personen wolle der Bauverein überprüfen und dann mit ihnen Nutzungsverträge abschließen. Auch hier winkt der Bürgermeister ab. „Es geht um Menschen, die wegen ihres Aufenthaltsstatus’ normalerweise keine privatrechtlichen Mietverhältnisse eingehen dürfen.“ Außerdem wisse er nicht, welche Wohnungen denn geprüft werden sollen, schließlich sei der Leerstand seit Langem bekannt.

Weiter Hoffnung auf eine Lösung

Um doch noch an die Berger Wohnungen zu kommen und den Bedenken Rylls entgegenzuwirken, hat die Stadtverwaltung sich dazu entschieden, das Quartiersmanagement in Berge im Hinblick auf die sozialpädagogische Betreuung von Flüchtlingen deutlich auszubauen. Außerdem habe die evangelische Kirchengemeinde zugesagt, sich verstärkt um Flüchtlinge kümmern zu wollen und zusätzliches Geld für die Anschubfinanzierung einer Betreuungsstelle spenden zu wollen.

Den Schriftverkehr hat der Bürgermeister den Fraktionsvorsitzenden weitergeleitet, die sich „geschlossen hinter die Bitte der Stadtverwaltung stellen“, wie Jacobi sagt. Er hofft weiter, mit dem Bauverein eine Lösung zu finden. Schließlich habe die Stadt bereits eine hohe zweistellige Zahl an Wohnungen in Gevelsberg angemietet und bewiesen, dass sie sehr sensibel und rücksichtsvoll mit dem Thema umgehen könne. „Was sollen denn die vielen Ver- und Mitmieter, die uns mit grenzenloser Offenheit und großem Engagement durch diese Aufgabe tragen, denken, wenn der größte Immobilienbesitzer der Stadt seine Leerstände lieber unbenutzt lässt?“

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