Radioaktiver Müll

Atom-Transporte rollen wieder durch den EN-Kreis

Von der Urananreicherungsanlage in Gronau aus tritt der radioaktive Müll seine Reise in Richtung Russland an.

Von der Urananreicherungsanlage in Gronau aus tritt der radioaktive Müll seine Reise in Richtung Russland an.

Foto: Jens Wolf / picture alliance / dpa

Schwelm/Gevelsberg.  Seit Mai rollen nach zehn Jahren Pause wieder Züge mit abgereichertem Uran durch Schwelm, Gevelsberg und Ennepetal. Die Grünen protestieren.

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Nach zehn Jahren Pause rollen wieder Züge voller Atom-Müll durch Gevelsberg, Ennepetal und Schwelm. Die Grünen im Ennepe-Ruhr-Kreis schlagen Alarm, fordern einen sofortigen Stopp der Transporte, die von Gronau aus nach Amsterdam führen und immer wieder über die ICE-Strecke zwischen Wuppertal und Hagen geführt werden. Der Montag, 9. Dezember, stand zuletzt im Kalender für einen solchen Transport. Ob er tatsächlich durch Gevelsberg gefahren ist, stand bis Redaktionsschluss nicht zu einhundert Prozent fest.

Die Transportwege

Fest steht: „Am 18. November gab es einen Transport von Gronau über Münster, Hamm und auch durch Gevelsberg, danach Düsseldorf, Rheinhausen, Viesen, Venlo bis nach Amsterdam“, wie Annette Bischoff, Geschäftsführerin der Gevelsberger Grünen, mitteilt und weiter: „Am Ende landete der Uran-Müll in Russland. Die Sicherung dort ist ungeklärt.“ Das Schiff, die Mikhail Dudin, sei inzwischen zurück auf dem Weg nach Amsterdam, der nächste Transport mit strahlender, hochtoxischer Fracht sei für Montag, 9. Dezember, geplant gewesen.

Seit Ende Mai dieses Jahres exportiert die Firma Urenco Deutschland GmbH abgereichertes Uranhexafluorid von der Urananreicherungsanlage Gronau nach Russland. Der Atommüll wird dabei auch durch den Ennepe-Ruhr-Kreis transportiert. Das ist bei Weitem nicht der direkte Weg zwischen Gronau und Amsterdam, doch aus Angst vor Protesten und Behinderungen der Transporte stehen immer mehrere Alternativstrecken zur Verfügung. Die Wahl, über welche Route die strahlende Fracht letzten Endes transportiert wird, fällt immer erst sehr kurz vor der Abfahrt und wird erst im Nachgang des Transports veröffentlicht.

Dazu erklärt Marcel Gießwein, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Rat der Stadt Schwelm: „Der Transport von Atommüll mitten durch Schwelm und Gevelsberg geschieht nicht aufgrund technischer Notwendigkeiten, sondern resultiert einzig aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen. Die Atomwirtschaft zeigt erneut, dass sie nicht in der Lage ist, die notwendigen hohen Standards an Verantwortungsbewusstsein zu erfüllen, die im Umgang mit dieser Technologie existenziell sind. Wir als Grüne im Ennepe-Ruhr-Kreis fordern die Landes- und Bundesregierung auf, die Urananreicherungsanlage Gronau endlich zu schließen. Der Weiterbetrieb ist mit dem beschlossenen Atomausstieg unvereinbar.“

Das Ziel

Die hochtoxische Fracht landet schließlich im Hafen von St. Petersburg. Von dort aus wird der Uranabfall wieder auf Züge verladen und weitere etwa 4000 Kilometer nach Novouralsk gebracht.

Per Gesetz darf eigentlich kein radioaktiver Abfall von Deutschland aus in das Ausland transportiert werden. Geliefert wird das sogenannte Uranhexafluorid, ein Abfallstoff, der bei der Anreicherung von Uran für Atomkraftwerke anfällt, allerdings in diesem Fall als Wertstoff deklariert. Dennoch: Er ist hochgiftig und schwach radioaktiv.

Dass Urenco ihn bereits seit Mai wieder nach Russland transportiert, wurde erst im Oktober durch Nachfragen von Umweltschützern bekannt. Laut Verträgen mit dem russischen Atomkonzern ROSATOM sollen bis 2022 mehr als 12.000 Tonnen des Materials nach Russland gehen. Marcel Gießwein betont: „Es ist Müll, den wir in unserem Land produzieren und um den wir uns auch selbst kümmern sollten.“

Die Fragen

Die für die Bevölkerung wichtigste Frage lautet: Wie sicher sind die Transporte, die nun beispielsweise in Gevelsberg direkt hinter ihren Gärten herrollen? Die Gevelsberger Grünen wenden sich daher öffentlich mit einem Fragenkatalog an Bürgermeister Claus Jacobi und bitten ihn, folgende Fragen so bald wie möglich zu beantworten:

• Wussten Sie, dass Atomtransporte auf der Schiene durch Gevelsberg fahren?

• Werden Sie im Vorfeld der Atomtransporte informiert? Wenn ja, wann und von wem werden Sie darüber informiert?

• Wie viele Atomtransporte sind Ihres Wissens nach in diesem Jahr durch Gevelsberg auf der Schiene oder der Straße durchgeführt worden?

• An welchen Tagen fanden gemeldete Transporte statt und welches Ziel hatten diese?

• Wird die Feuerwehr über solche Transporte in Vorfeld informiert?

• Sind die Rettungskräfte auf einen möglichen Transportunfall mit Uranhexafluorid vorbereitet? UF6 darf nicht mit Wasser in Verbindung kommen, weil ansonsten Flusssäure entsteht, die bei Kontakt tödlich ist.

Die Forderungen

Die Grünen im EN-Kreis fordern die Betreiberfirma der Urananreicherungsanlage Gronau Urenco Deutschland GmbH auf, die Exporte von abgereichertem Uranhexafluorid umgehend zu stoppen. „Anders als von Urenco behauptet, handelt es sich bei den Lieferungen faktisch um den Export von Atommüll. Bis zu 90 Prozent des Materials verbleiben als Abfall in Russland und lagern in Metallfässern unter freiem Himmel“, sagt Marcel Gießwein.

Schon zwischen 1996 und 2009 wurden 27.300 Tonnen des Materials nach Russland exportiert. „Nach großer öffentlicher Kritik stellte Urenco die Exporte ein“, berichtet Karen Haltaufderheide, Grünen-Sprecherin im Kreis. „Wir unterstützen daher den friedlichen zivilgesellschaftlichen Protest gegen die Transporte.“

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