Haldern Pop-Serie

De Staat wirkt wie ein Energieriegel

De Staat aus Nimwegen treten beim Haldern Pop Festival auf.

De Staat aus Nimwegen treten beim Haldern Pop Festival auf.

Foto: Isabelle Renate la Poutre

Haldern.   Hier stellen wir im dritten Teil unserer Serie zum 35. Haldern Pop Festival vom 9. bis zum 11. August – präsentiert von der NRZ – weitere Bands und Künstler vor, die diesmal auftreten werden. Von De Staat über Big Thief bis Sleaford Mods ist wieder einiges dabei.

Hier stellen wir im dritten Teil unserer Serie zum 35. Haldern Pop Festival vom 9. bis zum 11. August – präsentiert von der NRZ – weitere Bands und Künstler vor, die diesmal auftreten werden. Von De Staat über Big Thief bis Sleaford Mods ist wieder einiges dabei.

Zur Erklärung: Für jede Band haben wir ein Erlebnispotenzial bewertet. Über Geschmack lässt sich streiten, deshalb versuchen wir gar nicht erst die Qualität der Musik zu bewerten. Das soll jeder Zuhörer für sich selbst tun. Wir versuchen mit dieser Wertung einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, dass dieses Konzert für Sie zum Erlebnis werden kann.

Da spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Ist die Musik leicht zugänglich? Gibt’s Ohrwürmer? Ist es eher eine Nischenband? Inwieweit kann die Band am jeweiligen Spielort gut funktionieren? Wir haben es uns nicht leicht gemacht und trotzdem werden wir sicher nicht immer recht haben. Es ist eine bescheidene Entscheidungshilfe.

De Staat (Fr, Hauptbühne): Die Nimweger Band um Sänger Torre Florim hat in Haldern beim Rock im Saal schon den Saal zum Kochen gebracht. Live geht die Rock-Formation, die auch gerne Elektro-Einflüsse zulässt, mit viel Elan zu Werke. Ihre Beats sind deftig, die Gitarren großmäulig, die Elektro-Elemente partytauglich, die Melodien einschlägig – die Musik wirkt wie ein Energieriegel.

Aufmerksamkeit erregten De Staat bereits 2011 mit dem Album „Maschinery“. Das 2016 erschienene „O“ ist ebenfalls hörenswert. In den Niederlanden sind ihre Shows oft ausverkauft. Der große Durchbruch in Deutschland steht noch aus. Aber vielleicht ist da das Sprungbrett Haldern Pop auch behilflich. Musik zum: Abfeiern – egal ob im Schlamm oder im Sonnenschein. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Witch Doctor“, „Peptalk“

Kevin Morby (Do, Spiegelzelt): An dieser beseelten Gitarren-Musik werden Rock’n’Roller ihre Freude haben. Rhythm’n’Blues, Folk, Indie und Surfer-Rock fließen in den Stil des gebürtigen Texaners, der in jungen Jahren nach Brooklyn übersiedelte, ein. Eine herrliche Dynamik entfaltet sich, die live manchen zu schweißtreibenden Tanz-Arien treiben wird. Der Gesang, nah am Sprechgesang, erinnert manchmal an Bob Dylan.

Mit dem Album „City Music“ hat der Beobachter der Metropolen 2017 ein spannendes Konzeptalbum vorgelegt. Auch beim 2016er Album „Singing Saw“ bleibt der aufmerksamer Hörer schnell hängen. „I Have Been to the Mountain“ ist so ein Meilenstein, der als Kandidat für jede Lieblings-Lied-Liste erachtet werden darf. Musik für: jene Momente, die man sich überhaupt bei einem Festival erwünscht hat. Erlebnispotenzial: 5/5 Sterne.

Hörproben: „Parade“

Sleaford Mods lassen ihrem Akzent freien Lauf. Foto: Roger Sargent Sleaford Mods (Sa, Hauptbühne): Die letzte Band des Festivals auf der Hauptbühne wird das Publikum mit ihren Tiraden in die Zelte schicken. Jason Williamson rappt in starkem East-Midlands-Akzent, das Proletariat spricht. Unterlegt sind die Tiraden mit bouncigen Lo-Fi-Beats, mit hämmernden Bässen – sehr monoton. Post-Punk 2018.

Das Wort zum Sonntag mal anders: Sie pöbeln ihre brandaktuelle Polit- und Gesellschaftskritik heraus. Aber wer mit seinem Schulenglisch den Texten folgen will, wird hohe Konzentration aufbringen müssen. Vielleicht wird man sich aber auch eher vom Flow mitreißen lassen.

Man darf gespannt sein, wie Sleaford Mods nach Mitternacht das Publikum nochmal packen können. Musik für: „Dagegen“-Tassen-Inhaber. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „B.H.S.“, „TCR“

Big Thief (Do, Spiegelzelt): Auf diese US-Gruppe aus Brooklyn hält Festival-Chef Stefan Reichmann große Stücke. Womöglich hätte er sie auch gerne für einen prominenteren Zeitpunkt im Programm gebucht, aber „sie müssen weiterreisen nach Kopenhagen“. Also wird’s Donnerstag ein recht frühes Konzert geben.

Im Fokus der sehr stimmungsvollen Musik steht die Stimme der Sängerin und Autorin Adrianne Lenker. „Von Zärtlichkeit ummantelt, hier und da fast gehaucht, sind die autobiografischen Lieder ein berührendes, von Folk-Rock Melodien beträufeltes, Zeugnis großer Songkunst“, schreibt Haldern Pop. Das Gitarrenspiel zieht den Zuhörer fast unterschwellig in seinen Bann.

Das 2017 veröffentlichte Album „Capacity“ stand bei den Kritikern hoch im Kurs. Die Herausforderung wird es sein, das Publikum schnell zu fesseln, denn nur dem aufmerksame Zuhörer wird sich die Schönheit entfalten. Musik für: delikate Schöngeister. Erlebnispotenzial: 4/5 Sterne.

Hörproben: „Shark Smile“, „Masterpiece“

Schnellertollermeier spielen Klangkollagen. Foto: Haldern Pop Schnellertollermeier (Sa, Spiegelzelt): Wenn Jazz-Schüler neue Felder erkunden, Progressiv Rock und Avantgarde zulassen, dann klingt das so, die das Luzerner Trio. Die eigentlich typische Rock-Kombination aus Gitarre-Schlagzeug-Bass wird hier ganz anders eingesetzt. Es sind fast Klangcollagen.

Die instrumentalen Stücke sind epochal, ignorieren jegliche Pop-Song-Struktur, haben das Potenzial den Weltuntergang herbeizuschwören. Ganz sicher keine Musik, die man sich in seiner Playlist sichert. Das muss man live erleben. Musik wie: die Jazz-Band in den Körpern einer Rock-Band. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „X (part 1)“, „Rights“

Claus van Bebber (Do, Pop Bar): Der Klangkünstler aus Appeldorn wird in der Pop Bar das Festival in diesem Jahr eröffnen. Seine experimentellen Klänge dürften reichlich Überraschungspotenzial bieten. Wenn der Künstler in den 70ern Schallplatten auflegte, dann ging es nicht um die Musik darauf, sondern um die klanglichen Eigenschaften des Vinyls an sich.

Er manipuliert Geschwindigkeiten, lässt es krächzen und klicken. So entstehen Klangwelten, die mit Unterhaltungsmusik nichts zu tun haben. Für Freunde der Pop-Musik wird das harte Kost. Betrachtet man sein Schaffen aus einer künstlerischen Warte, so kann man sich berieseln und das Werk wirken lassen. Musik für: ...das ist schwer als Musik zu bezeichnen. Erlebnispotenzial: 1/5 Sterne; als Aktionskunst: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Kobenhavn“, „Hupen & Tuten“

The Lytics (Fr, Spiegelzelt): Erstmals hat Haldern Pop Recordings eine HipHop-Gruppe unter Vertrag genommen. Mit der Single „Glow“ haben sie eine beeindruckende Single für das im September erscheinende Album „Float On“ vorgelegt. Der Song bleibt hängen.

Die Kanadier bewiesen bereits beim Festival 2017, das sie mit ihren Raps und ihren Beats ein mitreißender Live-Act sind. Ihr Stil ist der einer alten Schule, aber klingt dabei keineswegs Retro. Musik für: Old School-HipHop-Fans und darüber hinaus. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Toot Your Own Horn“

Marius Bear Foto: Rob Lewis Marius Bear (Sa, Pop Bar): Roh wie ein ungeschliffener Diamant? So klingt die Stimme des Schweizers, der bisher nur wenige Lieder veröffentlicht hat. Die Musik dreht sich um die Möglichkeiten, die so eine Joe Cocker-Stimme bietet. Rockig, soulig und mit Nachdruck kommen seine Testosteron-gesättigten Töne daher. Haldern Pop sieht ein Ausnahmetalent und setzt einen Fuß in die Tür. Musik für: jene, die die Zukunft heute sehen wollen. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Sanity“, „Im a Man“

Lewsberg(Sa, Haldern Pop Bar): „Rotterdam’s Velvet Underground“ ist eine Umschreibung, die dem Quartett nahe kommt. Der Bandname ist inspiriert durch den Schriftsteller Robert Loesberg, der 1974 durch den Roman „Enige Defecten“ Subkultur und Großstadt-Zynismus einfing. Zu hören ist lässiger Garage-Rock, Lo-Fi, mal flotter, mal kontemplativer, auch mit reichlich Sprechgesang versehen – und nicht ohne Akzent. Einige Gitarren-Soli arten herrlich aus. Musik für: Denker und Abrocker. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Non-fiction Writer“, „Terrible“

Broen aus Norwegen gastieren im Halderner Jugendheim. Foto: Maria Gossé Broen (Do, Jugendheim): Treffen sich fünf Jazz-Studenten und machen Musik... Doch der Sound der Norweger geht weit über Jazz hinaus. Es ist eher Elektro, Funk, HipHop, Psychedelic Rock – ein verspielter, und dennoch intelektueller, moderner Stil. Handwerklich ist das großartig. Auch die Bühnen-Darbietung mit funkelnder Kostümierung darf als Teil des Kunstwerks gesehen werden. Musik für: jene, die elektronische Musik nicht als Tanzaufforderung verstehen. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Heart“, „Iris“

Julian Sartorius (Sa, Jugendheim): Bisher ungehörte Klangwelten will der Schweizer zu Gehör bringen. Er selbst ist Schlagzeuger und weitet die Bandbreite bekannter Perkussionen gerne aus. Auf manchen Tonträgern wird er von Colin Vallon und Patrice Moret unterstützt, womit das Piano und Melodien Einfuhr erhalten. Es gibt auch umfassende Beat-Tagebücher, die sozusagen einen Rhythmus für jeden Anlass bieten. Musik für: „Jugend forscht“. Erlebnispotenzial: wissenschaftlich 5/5; musikalisch 2/5 Sterne.

Hörprobe: „Solo“

The Barr Brothers (Fr, Kirche): Für ihr 2017 erschienenes Album „Queens oft the Breakers“ zogen sich die kanadischen Brüder Andrew und Brad sowie die Harfenspielerin Sarah Page, die inzwischen die Band verlassen hat, in eine entlegene Hütte in Quebec zurück und schrieben „ein flammendes Plädoyer für eine erneute Renaissance des Folk“, so Haldern Pop.

Das Resultat ist zeitlos. Die Melodien malen Landschaft im Kopf des Zuhörers. Die meisten Stücke sind verträumt, treibend, manche etwas griffiger mit Hymnen-Potenzial. Der Gesang von Brad Barr bleibt allerdings fast nebensächlich. Musik für: Nimmersatte Folk-Fans. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörproben: „Beggar in the Morning“, „You Would Have to Lose Your Mind“

Wood River & Cantus Domus (Sa, Kirche): Das Jazz-Ensemble Wood River um die Komponistin und Saxophonistin Charlotte Greve, den Gitarristen Keisuke Matsuno, den Bassisten Simon Jermyn und den Schlagzeuger Tommy Crane hat bereits mit dem Berlinger Chor Cantus Domus gemeinsam gespielt.

Der Song „Sediments We Move“ gibt einen ersten Vorgeschmack auf das, was in Haldern zu erwarten sein wird. Es ist interessant, wie hier die Welten verschmelzen. Wer Jazz mag, wird das Saxophon-Spiel von Charlotte Greve lieben. Pop-Hörer werden sich vielleicht etwas schwer tun. Musik für: den anspruchsvollen Jazz-Fan. Erlebnispotenzial: 2/5 Sterne.

Phoebe Bridgers aus Kalifornien gastiert beim Haldern Pop. Foto: Frank Ockenfels Phoebe Bridgers (Sa, Spiegelzelt): Die junge Kalifornierin lässt ihre fragilen Melodien durch den Kopf des Zuhörers tänzeln, wie etwa bei dem Stück „Motion Sickness“. Doch auch Balladen gehören zu ihrem Repertoire, manche schüchtern-kontemplativ, andere wachsen melancholisch-hoffnungsvoll an.

Ein bisschen wirkt der Stil wie reduzierter Country oder Americana. Tom Waits, Neil Young und Co. zählen zu ihren frühen Einflüssen. Zweifelsohne eine Musik, die man aufmerksam hören muss. Das Musikmagazin NME hat einen „urbanen Folk“ erkannt, der sich durch ihre Musik zieht. Musik für: jene, die sich einlassen können. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörprobe: „Funeral“

Jordan Mackampa (Fr, Haldern Pop Bar): Keine Frage, seine Stimme und seine Präsenz fesseln ein Publikum schnell. Er ist kein Marktschreier, aber ein Sympath, dem man einfach gerne zuhört. Als Singer-Songwriter hat sich der in Kongo geborene und in London aufgewachsene Folk-Musiker in Haldern schon eindrucksvoll präsentiert.

Auch beim Kaltern Pop. Das neue Lied „One in the Same“ macht Appetit auf einen Auftritt von Mackampa mit seiner Band. Denn so hat die Musik durchaus Hymnenpotenzial. Soul hat der große Mann auch. Musik für: den täglichen Harmoniebedarf. Erlebnispotenzial: 3/5 Sterne.

Hörprobe: „Battlecry“ (Live)

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