Problemviertel

Wieso Marxloh für Polizei und Stadt keine "No-go-Area" ist

Auch bei dieser Razzia Ende Juni in einem Lokal an der Kaiser-Wilhelm-Straße in Marxloh waren Kräfte der Einsatzhundertschaft vor Ort. Die Polizei zeigt bereits seit Wochen in diesem Stadtteil verstärkt Präsenz.

Auch bei dieser Razzia Ende Juni in einem Lokal an der Kaiser-Wilhelm-Straße in Marxloh waren Kräfte der Einsatzhundertschaft vor Ort. Die Polizei zeigt bereits seit Wochen in diesem Stadtteil verstärkt Präsenz.

Foto: Stephan Eickershoff / Funke Foto Services

Duisburg.  Duisburger Polizei wird seit Wochen von Hundertschaften unterstützt. Das Problem: Einigen Migranten fehlt die Grundakzeptanz gegenüber Polizisten.

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Bereits seit Wochen hat die Duisburger Polizei ihre Präsenz in Marxloh spürbar erhöht: Kräfte der Einsatzhundertschaft verstärken seitdem ihre Kollegen vom Wach- und Wechseldienst. Das bestätigte Polizeisprecher Ramon van der Maat auf WAZ-Anfrage.

Zuvor war es in dem Stadtteil mehrmals zu Massenansammlungen bei Routineeinsätzen der Polizei gekommen. In einem Fall hatte ein Beamter sogar seine Dienstwaffe ziehen müssen, um seine zuvor zu Boden gestoßene Kollegin vor einer aggressiven Gruppe zu beschützen.

An diesem Wochenende war nach einem Bericht im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erneut eine Diskussion über „rechtsfreie Räume“ in Duisburg und anderen NRW-Ballungszentren entbrannt. Die Pflicht der Polizei, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten, sei in bestimmten Gegenden „langfristig nicht gesichert“ und „akut gefährdet“, zitiert das Magazin aus einem vertraulichen Dokument.

Vor allem Polizistinnen werden oft beleidigt

Richtig ist, dass es in Marxloh eine besondere Bevölkerungs-Zusammensetzung gibt: Viele der dort seit Jahren lebenden Bewohner sind türkisch-stämmig, hinzu kommen zahlenmäßig große Familien-Clans aus dem Libanon sowie seit einiger Zeit tausende Zuwanderer aus den EU-Staaten Bulgarien und Rumänien. Nicht zu vergessen: die Rocker-Gangs.

Verschiedene Gruppierungen hatten versucht, sich in Marxloh zu etablieren. Viele dieser Kreise seien sich untereinander nicht grün, zeigt van der Maat ein Problemfeld auf. „Und vielen dieser Menschen fehlt es an Respekt und Grundakzeptanz gegenüber der Polizei“, so van der Maat. Vor allem Polizistinnen sähen sich Ignoranz, Schmähungen oder Beleidigungen ausgesetzt.

Die Zahl der angezeigten Straftaten ist entgegen des subjektiven Sicherheitsempfindens vieler Marxloher nicht in Rekordhöhen gestiegen. Das zeigt ein Blick in die Kriminalstatistik (siehe Tabelle). Der Wert für die eingereichten Anzeigen in Marxloh lag in 2014 deutlich unter dem der Jahre 2012 oder 2010.

Eingegangene Anzeigen in Marxloh

Jahr

Fallzahl

2009

2299

2010

3078

2011

2782

2012

3023

2013

2724

2014

2826

Land wies Duisburg mehr Polizisten zu - es gibt aber auch viele neue Ruheständler

Auch im gesamtstädtischen Blick nimmt Marxloh nicht den Spitzenplatz in der Straftaten-Tabelle ein. Den hat der Bereich Dellviertel (Innenstadt)/Altstadt inne. Hier gab es rund 7000 Anzeigen im Vergleich zu 2826 in Marxloh. Blickt man auf die Häufigkeitszahl (Straftaten pro Einwohner), belegt Marxloh unter den 46 Stadtteilen „nur“ Platz sechs. Die drei sichersten Stadtteile Duisburgs in dieser Statistik sind Overbruch, Ungelsheim und Bissingheim.

Mit Blick auf den künftigen Personalplan der NRW-Polizei soll Duisburg ab Herbst mehr Kräfte erhalten. Das kündigte ein Sprecher von NRW-Innenminister Ralf Jäger an. Genaue Zahlen liegen beim Duisburger Präsidium noch nicht vor.

Bereits im Januar 2015 hatte das für die Personalplanung verantwortliche LZPD mit Sitz am Innenhafen dem Duisburger Präsidium mehr Kräfte zugewiesen. „Ob es am Ende aber wirklich ein Plus für uns ist, werden wir erst nach der endgültigen Verteilung am 1. September erfahren“, so Polizeisprecher van der Maat. Man dürfe nicht vergessen, dass viele Kollegen in den nächsten Monaten in Ruhestand gingen. So wäre das neue Kräfte-Plus schnell aufgezehrt.

Duisburgs Oberbürgermeister: Es gibt hier keine No-go-Areas 

Mit Skepsis verfolgt Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link die erneute Debatte um die Sicherheitslage in Duisburger Problem-Stadtviertel, die durch den bekannt gewordenen Lagebericht der Duisburger Polizei zu Marxloh neu aufflammt.

„Es gibt hier keine No-go-Areas, und wenn es sie geben würde, würde wir sie nicht dulden“, stellt der Oberbürgermeister klar und ergänzt: „Natürlich gibt es problematische Viertel, Quartiere oder Straßenzüge, aber darum kümmern wir uns.“ Der OB verweist dabei auf die enge Zusammenarbeit zwischen den städtischen Ordnungsdiensten und der Polizei, etwa bei gemeinsamen Kontrollen wie am vergangenen Wochenende.

Mehr Probleme durch Zuwanderung aus Südost-Europa

Die Linie der Stadt setzt auf das Zusammenspiel von „Fordern und Fördern“. Rechtsfreie Räume würden nicht geduldet, zugleich arbeiteten die Stadt und die Entwicklungsgesellschaft EG DU mit einem vielfältigen Instrumentarium an der sozialen und städtebaulichen Entwicklung Marxlohs. Wie berichtet hat die Stadt erst jüngst die integrierten Handlungskonzepte für Marxloh und Hochfeld vorgestellt, die allein für Marxloh elf Projekte zur Stadterneuerung sowie u.a. Integrations- und Bildungsmaßnahmen vorsehen.

Die EG DU will auch wieder ein Stadtteilbüro in Marxloh einrichten. Nicht zuletzt durch die Zuwanderung aus Südost-Europa haben die Probleme in Marxloh zugenommen. „Der soziale Sprengstoff ist überall Thema“ warnte erst vor kurzem der SPD-Ratsherr Manfred Slykers in der Bezirksvertretung. Die Lage habe sich verschärft erklärte jetzt zudem Bezirksbürgermeister Uwe Heider.

Der CDU-Vize: "Die Situation ist schlimmer als viele denken"

„Wir versuchen, seit 20 Jahren die Situation in Marxloh zu stabilisieren“, erklärt SPD-Fraktionschef Herbert Mettler. Wenn jetzt auch die Polizei mit einem besseren Personalschlüssel auf Missstände reagiere, sei das zu begrüßen: „Das Gewaltmonopol des Staates muss durchgesetzt werden.“ Als Vorsitzender des Polizeibeirates will Mettler zu einer Sondersitzung einladen, damit das Gremium Informationen aus ersten Hand aus dem Polizeipräsidium bekommt.

„Die Situation ist schlimmer als viele denken. Die Probleme sind zu lange übertüncht worden“, kritisiert der Marxloher CDU-Vize Volker Mosblech. Jeder müsse sich an die Regeln des Rechtsstaates halten. Zugleich hat Mosblech schon registriert, dass die Polizeipräsenz zugenommen hat.

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