Grün, grüner – Duisburg

So will Duisburg zum Vorreiter im Klimaschutz werden

Städte sind für den Ausstoß von 80 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich. Duisburg ist die fünftgrößte Stadt im Bundesland Nordrhein-Westfalen und trägt damit eine hohe Verantwortung – auch für den weltweiten Klimaschutz.

Städte sind für den Ausstoß von 80 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich. Duisburg ist die fünftgrößte Stadt im Bundesland Nordrhein-Westfalen und trägt damit eine hohe Verantwortung – auch für den weltweiten Klimaschutz.

Foto: Hans Blossey

Duisburg.  Das Klimaschutzkonzept der Stadt soll bis 2032 über 20 Prozent der heutigen CO2-Emissionen einsparen: mit der Hilfe von Politik, Unternehmen, Wissenschaft – und jedem Einzelnen.

Es ist dick wie ein Roman, das Klimaschutzkonzept „Duisburg nachhaltig“. Es erzählt eine Geschichte davon, wie die Stadt im Ruhrgebiet, das oft immer noch als Dreckschleuder verschrien ist, ihre Geschichte umschreiben will: von einer Stadt, in der Schlote Qualm ausspucken, hin zu einer Stadt, die in Sachen Nachhaltigkeit neue Maßstäbe setzen will. Von einer Stadt, die grün atmen will – ein, aber vor allem: aus. Die CO2-Emissionen sollen gesenkt werden: im Vergleich zu 2017 um drei Prozent bis 2022, um gut elf Prozent bis 2027, um 20,4 Prozent bis zum Jahr 2032. Das Ziel: Die Stadt, immerhin die fünftgrößte in NRW, „in ein Innovationslabor für den Klimaschutz“ zu verwandeln.

Dazu stellt das Konzept Ideen und Maßnahmen vor für die nächsten drei, zehn und 15 Jahre (von 2017 an gerechnet). Diese Ideen betreffen Industrie und Wirtschaft, den Privatverkehr ebenso wie Logistik und Güterverkehr, die Stadtentwicklung. Es sind Ideen zum Energiesparen oder zu Begriffen wie Sharing Economy. Seit 2015 haben Stadt und Universität Duisburg-Essen dazu zusammengearbeitet. Herausgekommen sind mehr als 250 Seiten voll mit Ideen. Die Geschichte, die „Duisburg nachhaltig“ erzählt, ist eine ambitionierte Geschichte; man ist versucht zu sagen: eine Utopie. Warum es keine bleiben darf, was das kostet und warum Klimawandel nicht nur global ist, sondern vor allem auch lokal, damit beschäftigt sich die Serie „Grün, grüner – Duisburg“.

In sieben Folgen nehmen wir Sie mit auf eine Reise durch das nachhaltigere Duisburg der Zukunft: Wir schreiben auf, wie die Stadt bei Logistik und Nahverkehr Wege sparen will, warum die 200 Jahre alte Erfindung Fahrrad zur Zukunftstechnologie werden könnte, wie Stromversorger, Hafen und wir alle Energie sparen und grün herstellen können, wie das Klimaquartier Neudorf zum Modell für ein nachhaltigeres Duisburg werden soll, und wie wir alle, von jedem Einwohner über Einzelhändler bis zur Verwaltung, nachhaltiger einkaufen und verbrauchen können.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leser, retten Sie jeden Tag ein bisschen die Welt? Sparen Sie CO2? Fahren Sie zum Beispiel Bus oder Fahrrad statt Auto? Haben Sie Solarzellen auf dem Dach? Kaufen Sie nachhaltig ein?

Schreiben Sie uns Ihre Klimaretteraktion an redaktion.duisburg@funkemedien.de. Einige Antworten möchten wir in der Serie drucken.

Wie Duisburg ein Stück weit die Welt retten will

Zum Auftakt der Serie „Grün, grüner – Duisburg“, die insgesamt sieben Teile fassen wird, haben wir mit den Menschen gesprochen, die sich das Klimaschutzkonzept Duisburg ausgedacht haben: mit...

  • Dr. Thomas Griebe, Leiter Umweltschutz bei der Stadt Duisburg
  • Klaus Krumme, Projektleiter Klimaschutzkonzept bei der Universität Duisburg-Essen
  • Astrid Jochum, Klimaschutzbeauftragte der Stadt
  • Peter Heise, Sachgebietsleiter Umweltplanung bei der Stadt

Warum ist das Konzept wichtig?

„Klimaschutz ist eine absolut dringende Gemeinwohlaufgabe, die man nicht länger vor sich herschieben kann. Der Klimawandel wartet auch nicht“, sagt Astrid Jochums. Städte sind für 80 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich, mehr als 20 Prozent seiner derzeitigen CO2-Emissionen* will Duisburg bis 2032 einsparen. Die Möglichkeiten dazu zeigt das Klimaschutzkonzept auf – die Umsetzung liegt in den Händen von Politik und Verwaltung, von Wirtschaft und Privatleuten. „Wir müssen einen Klimawandel im Kopf verursachen“, sagt Peter Heise. Gelingt das und wird das Klimaschutzkonzept über 2032 hinaus fortgeschrieben, könnte Duisburg 2050 sogar erfolgreicher sein als andere Städte, prognostiziert Klaus Krumme. „Aber das ist kein Automatismus. Das ist eine erhebliche Anstrengung.“

Wer soll das bezahlen?

Eins stellt Thomas Griebe gleich klar: „Ich möchte richtig viel Geld haben für die Umsetzung des Konzepts.“ 870 000 Euro pro Jahr sollen in den neuen Haushalt eingestellt werden. Die Nationale Klimaschutzinitiative des Bundesumweltministeriums fördert finanzschwache Kommunen mit bis zu 90 Prozent. Außerdem will Duisburg drei Klimaschutzmanager beantragen. Das meiste Geld aber kommt von denen, die Maßnahmen umsetzen: In das Konzept sind die Ergebnisse aus zahlreichen Gesprächen mit Vertretern zum Beispiel der Wirtschaft eingeflossen.

Warum Duisburg?

„Wir haben in Duisburg mit unserem Handeln Einfluss auf den Klimawandel in der Welt“, stellt Astrid Jochums klar und nennt ein Beispiel: „Der Hafen hat überregional, hat global Auswirkungen.“ Schließlich werden hier für die ganze Welt Güter umgeschlagen – je CO2-sparender, desto besser fürs Weltklima. Duis­port oder die Stahlindustrie mit Unternehmen wie Thyssenkrupp – das sind lokal verortete Global Player. „Stahl in Duisburg wird nicht für die Bevölkerung Duisburgs produziert, sondern für die Welt“, betont Krumme. Klar, dass ein solcher Standort viel höhere CO2-Emissionen hat als eine Stadt ohne solche Industrie. Doch Verlagerung könne deshalb noch lange nicht das Ziel sein, ist Krumme überzeugt: „Woanders gelten andere Umweltstandards. Dann haben Sie einen klaren Nachteileffekt für das Weltklima.“

*: CO2 ist nicht das einzige klimaschädliche Gas. Forscher sprechen deshalb von CO2-Äquivalenten. Der Lesbarkeit halber verwenden wir in allen Folgen der Serie die Angabe CO2. Gemeint sind grundsätzlich CO2-Äquivalente.

Diese Pläne hängen von der Politik ab

Das Klimaschutzkonzept macht einige Vorschläge, deren Umsetzung von politischen Beschlüssen abhängt. Dies sind einige davon:

  • Neubauten sollten noch ab dem Jahr 2018 nur noch als Passivhäuser errichtet werden. Ein Passivhaus verbraucht nur 1,5 Liter Heizöl pro Quadratmeter Wohnfläche im Jahr – das sind 75 Prozent weniger als bei einem durchschnittlichen Neubau. Das funktioniert zum einen über eine besonders gute Wärmedämmung, die wenig Wärme von innen nach außen lässt; zum anderen über eine hocheffiziente Wärmerückgewinnung.

  • Neubauten sollen Wärme und Strom künftig nur noch aus erneuerbaren Energien beziehen können; alternativ aus KWK-Anlagen. Bei der Kraft-Wärme-Kopplung wird ein Energieträger wie beispielsweise Gas genutzt, um sowohl Strom als auch Wärme zu erzeugen. Konventionelle Kraftwerke nutzen dagegen die bei der Energieumwandlung entstehende Wärme nicht. KWK-Anlagen sparen daher Energie und CO2-Emissionen: So produziert ein KWK-Kraftwerk, in dem Gas genutzt wird, 20 Prozent weniger CO2 als eine konventionelle Gasheizung.
  • Bis 2025 soll ein Drittel der bestehenden Gebäude so saniert werden, dass sie das Niveau heutiger Neubauten erreichen. In Duisburg stammt fast die Hälfte der Gebäude aus den 1950er bis 70er Jahren. Deren Energieverbrauch ist mit mehr als 200 Kilowattstunden (kWh) pro Quadratmeter und Jahr besonders hoch. Zum Vergleich: Ein kfw-Effizienzhaus 55, das bei Neubauten zurzeit als Standard gilt, verbraucht nicht mehr als 40 kWh.
  • Die städtischen Gebäude sollen mehr auf die Sonne setzen: Ein Drittel der Verwaltungsbürogebäude soll mit Solarthermie-Anlagen ausgestattet werden. Außerdem soll der Anteil von Photovoltaikanlagen auf städtischen Gebäuden bis zum Jahr 2022 verdreifacht werden.
  • Schon die Kleinsten sollen lernen, Energie zu sparen: Ab 2022 soll ein entsprechendes Projekt in allen städtischen Kindergärten und Schulen starten.

Die nationale Klimaschutzinitiative in Zahlen

Das Klimaschutzkonzept der Stadt Duisburg wird gefördert von der Nationalen Klimaschutzinitiative (NKI) des Bundesumweltministeriums. „Duisburg nachhaltig“ reiht sich damit ein in mehr als 1800 Klimaschutzkonzepte, die von der NKI seit ihrer Gründung im Jahr 2008 gefördert wurden.

  • 25.000 Klimaschutzprojekte wurden in diesem Rahmen bis Ende des Jahres 2017 durchgeführt.
  • 790 Millionen Euro Fördergelder sind seitdem in diese Projekte geflossen.
  • 2,5 Milliarden Euro Investitionen in den Klimaschutz resultierten daraus – das ist mehr als das Dreifache der Fördersumme.
  • 1,1 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr werden durch die bisher laufenden NKI-Projekte eingespart.
  • 90 Prozent Zuschüsse für ihre Projekte können Kommunen bekommen, die wie Duisburg als finanzschwach gelten. Die übrigen Kommunen bekommen noch bis zu 65 Prozent.
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