Inklusion

Überraschende Wende: Elif (3) darf bald wieder in die Kita

Dieses tolle Foto, das unser Fotograf Volker Herold von Elif und ihrer Mutter gemacht hat, bewegte unsere Leser.

Dieses tolle Foto, das unser Fotograf Volker Herold von Elif und ihrer Mutter gemacht hat, bewegte unsere Leser.

Rheinhausen.   Der Streit um die Inklusion eines behinderten Mädchens aus Rheinhausen hat endlich ein Ende. Die Krankenkasse DAK wird die Kosten übernehmen.

Die vielen Menschen, die Elifs Geschichte bewegt hat, wird es freuen: Mittwochnachmittag kam die Nachricht aus dem Rathaus, dass die Krankenkasse DAK im Streit um die Kosten eingelenkt hat und für die Inklusion des Mädchens zahlen wird. Am Samstag hatten wir über die behinderte Dreijährige berichtet, die den Kindergarten seit August nicht mehr besuchen konnte, da unklar war, wer die Integrationshelferin bezahlt. Diese stand dem Mädchen wegen ihrer schweren Behinderung in der Kita zur Seite.

Viele Briefe von Lesern

Viele Zuschriften hatten unsere Redaktion erreicht. Darunter zum Beispiel ein Brief von Leser Dr. Helmut Gassen: „Dieser Streit lässt den besonderen Therapiebedarf des Kindes, aber auch die hohe seelische und körperliche Belastung seiner Eltern außer Acht“, schrieb er. Auch Franz-Werner Mehlfeldt konnte nicht nachvollziehen, wie ein solcher Streit auf dem Rücken einer Familie ausgetragen wird: „Ich frage mich, wie lange Familie Aydemir diese unerträglichen und menschenunwürdigen Zustände noch ertragen kann, ganz abgesehen von der kleinen Elif!“ Er hatte sich sogar gefragt, ob er als Leser gemeinsam mit anderen die Familie finanziell unterstützen kann.

Diese Überlegung hat sich nun erledigt. Nach der überwältigenden Anteilnahme an ihrer Geschichte hatte Elif im Rathaus tagelang die Führungsetage beschäftigt. Sozialdezernent Thomas Krützberg hatte versucht, Kontakt zum Vorstand der DAK aufzunehmen. „Bis jetzt hat es keinen Rückruf gegeben“, so Oberbürgermeister Sören Link noch Mittwochmittag. Er war noch einen Schritt weiter gegangen und hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn angeschrieben: „Ich habe den Fall zum Anlass genommen, ihn auf das menschenunwürdige Verhalten der DAK aufmerksam zu machen.“

Es könne vorkommen, dass sich zwei Träger bei der Kostenübernahme uneins seien. „Aber das Sozialgesetzbuch regelt, dass Streitigkeiten nie auf dem Rücken von Leistungsberechtigten ausgetragen werden dürfen“, stellte der OB klar. Die DAK habe die klare Verpflichtung gehabt, in Vorleistung zu gehen, anstatt der Familie den Weg zum Gericht zuzumuten. „Elif und ihrer Familie gilt mein Mitgefühl – und ich garantiere, dass ich hier nicht locker lassen werde“, versprach Sören Link, kurz bevor ihn die Nachricht erreichte, dass die DAK die Kosten nun doch übernimmt. Bis dahin war es ein mühsamer Weg für Familie Aydemir.

Ein Fall für das Sozialgericht

Zuletzt hatte der Fall Elif das Sozialgericht beschäftigt. Die Stadt hatte der Familie schon vor einiger Zeit geraten, zusätzlich zum laufenden Verfahren gegen die Ablehnung der Kostenübernahme durch die Krankenkasse einen „Antrag auf einstweilige Anordnung“ zu stellen. Auf diesem Wege hätte die DAK im Eilverfahren verpflichtet werden können, die Kosten bis zur Entscheidung zu tragen.

„Wir werden uns für Elif einsetzen“, hatte DAK-Sprecher Claus Uebel Ende Januar im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt. Damit war damals allerdings nur gemeint, dass die DAK die Stadt Duisburg erneut auffordern wollte, die Kosten zu übernehmen. Den Antrag auf einstweilige Anordnung hatte die Krankenkasse nämlich zurückgewiesen. Sie sah noch vor wenigen Tagen keine Notwendigkeit, dass der Familie schnell geholfen werden muss. „Es sind keine Gründe dafür erkennbar, weshalb die Antragstellerin mit ihrem Begehr nicht auf das Hauptsachverfahren verwiesen werden könnte.“ So steht es in der schriftlichen Begründung, die unserer Zeitung vorliegt.

Entscheidung nach Aktenlage

Darin hatte sich die DAK vor allem darauf gestützt, dass sie im Kindergartenbesuch keinen Nutzen sieht: „Die Antragstellerin ist schwersbehindert. Zur Umsetzung oder dem Erlernen irgendwelcher Förderungsmaßnahmen ist die Antragstellerin daher überhaupt nicht in der Lage.“ Das alles hatte die DAK entscheiden können, ohne Elif persönlich zu besuchen. Sprecher Rainer Lange bestätigt, dass in diesem Fall nach Aktenlage entschieden wurde. „Dabei haben wir uns auf viele Gutachten gestützt.“

Elifs Eltern hatten bei unserem Besuch hingegen berichtet, wie gut ihrer Tochter Sozialkontakte tun. „Da sind Kinder, die sich um sie kümmern, mit ihr kuscheln, ihr etwas erzählen“, beschreibt Gülay Aydemir ihre Erfahrungen des ersten Kindergartenjahres. „Wir konnten sehen, dass Elif viel lebendiger und ausgeglichener geworden ist.“ Die DAK schmetterte diese Beobachtung der Eltern als „subjektiven Eindruck“ ab und fragte: „Woran macht die Mutter jenen Eindruck fest? Bis dato ist die Antragstellerin (Elif) noch nicht einmal in verbalen und non-verbalen Kontakt zu Gleichaltrigen getreten.“

Ein solcher Satz fühlte sich für die Eltern wie ein Schlag ins Gesicht an – ist ihre Tochter doch so schwer behindert, dass sie weder sprechen, noch mit Gleichaltrigen spielen kann. Elifs Kontaktmöglichkeiten beschränken sich auf ein Lächeln, wenn sie berührt wird oder wenn ihr die anderen Kinder etwas vorsingen.

Das wird sie hoffentlich bald wieder erleben können. Denn mit der Zusage der Krankenkasse an die Stadt Duisburg, dass die DAK die Kosten übernehmen wird, dürfte einem Kindergartenbesuch samt Inklusionshelferin ja nichts mehr im Wege stehen. „Endlich!“, jubelte Elifs Mama Gülay Aydemir , als wir ihr die Neuigkeit erzählten. Ihre Erleichterung war unüberhörbar, auch wenn ein letzter Rest Zweifel bleibt: „Wirklich glauben kann ich es erst, wenn wir das schriftlich haben.“

>>> KOMMENTAR VON JULIA MÜLLER:

Manchmal sind vereinte Kräfte nötig, bis Menschen zu ihrem Recht kommen. Ohne öffentlichen Druck wäre der Streit zwischen Krankenkasse und Stadt noch länger auf dem Rücken von Familie Aydemir ausgetragen worden. Die vielen engagierten Leserbriefe haben geholfen, dass Elif nun endlich das bekommt, was ihr zusteht: eine Inklusionshilfe.Wer die Hilfe für das behinderte Mädchen am Ende bezahlt, ist an dieser Stelle unwichtig. Was zählt ist, dass dem Kind jetzt geholfen wird. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt dennoch: Elif ist nur eine von vielen. Bleibt zu hoffen, dass künftig beim Kostenstreit zwischen Krankenkassen und Kommunen die Menschlichkeit wieder in den Vordergrund rückt.

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