Schule und Europa

Spannende Diskussion mit Minister am Rheinhauser Gymnasium

Viel Zeit nahm sich NRW-Europaminister Stepahn Holthoff-Pförtner für die Fragen der Schüler des Krupp-Gymnasiums in Rheinhausen.

Viel Zeit nahm sich NRW-Europaminister Stepahn Holthoff-Pförtner für die Fragen der Schüler des Krupp-Gymnasiums in Rheinhausen.

Foto: Arnulf Stoffel / FUNKE Foto Services

Duisburg-Rheinhausen.  Europaminister Stephan Holthoff-Pförtner stellt sich im Krupp-Gymnasium in Duisburg den Fragen der Schüler zur Europäischen Union.

Die Abstände zwischen den Schulbänken, die mit nur einem Schüler besetzt sind, dürften beim schriftlichen Abitur ähnlich groß sein. Mit ausgestrecktem Arm könnten sich die Schüler nicht erreichen. Nun ist coronabedingt auch noch die Tür der großen Aula des Krupp-Gymnasiums geöffnet - und so ist beständig für einen frischen Luftzug von draußen gesorgt. Alle tragen Maske, sind sehr diszipliniert und während der 90 Minuten ist es mucksmäuschenstill.

Hier wird am ersten Tag nach den Herbstferien aber keine Leistungen abgefragt, sondern mit dem Europaminister des Landes, Stephan Holthoff-Pförtner, über Europa diskutiert. Intensiv haben sich die Schüler der Sozialwissenschaften unter Leitung ihrer Lehrerin Claudia Schnellbacher auf diesen Termin vorbereitet, Texte gelesen und Fragen formuliert. In Brüssel war der Kurs auch. Vier Schüler haben sich bereit erklärt, auf dem Podium Platz zu nehmen und die Fragen zu stellen.

Die Nervosität bei den Schülern ist groß

Eine ist die 17-Jährige Zehra, die das als große Ehre empfindet. Aber natürlich ist sie sehr aufgeregt. Warum die Klärung von Krisen immer so lange dauern muss, will sie von dem 72-Jährigen wissen. Auch wenn Holthoff-Pförtner nicht immer direkt und klar auf Fragen antwortet, beeindruckt er sie. Ein klares Statement hätte sie aber zur Zukunft der Flüchtlinge von Moria auf Lesbos erwartet. „Das haben die Griechen nicht allein zu verantworten und brauchen Unterstützung der Gemeinschaft“, sagt sie hinterher. Es hakt auch niemand nach.

Der Minister präsentiert sich jugendnah: Offenes Hemd, Turnschuhe, hin und wieder streut er eine flapsige Bemerkung ein und betont: „Europa ist das, was ihr daraus macht.“ Das Krupp-Gymnasium ist eine von rund 250 Europaschulen im Land. Der Titel ist für Schulleiterin Benedikte Herrmann Verpflichtung und Motor. Wiederholt lobt der Minister das überdurchschnittliche Angebot, das unter anderem auch Praktika im EU-Ausland vermittelt.

Rechtsruck bereitet Sorgen

Natürlich besorgt der Rechtsruck in Staaten wie Polen oder Ungarn. Er warnt davor, überheblich und arrogant aufzutreten. Die Gewaltenteilung und Freiheitsrechte sind für ihn unverhandelbar. Wenn die Pressefreiheit und die Rechtsstaatlichkeit eingeschränkt werden, sei auch wirtschaftlicher Druck möglich, vor allem aber müsse man miteinander sprechen. Man müsse aber gut schauen, welche Kräfte im Einzelnen profitierten. „Der Fall der Mauer ist nicht unser Verdienst, sondern ein Ergebnis des Kampfes gegen die Diktatur in Osteuropa“, erinnerte er an die Geschichte. Auch der Marshall-Plan nach dem zweiten Weltkrieg hätte klare Ziele verfolgt: Sicherung von Absatzmärkten, Stärkung der demokratischen Kräfte und die Eindämmung des Sozialismus. In ähnlicher Form hätten diese Ziele auch heute noch Bestand.

Mahnung zur Gelassenheit

Ein Stück weit mahnt er aber auch zu mehr Gelassenheit. Die katholische Kirche in Polen sei so rückständig wie das Ruhrbistum in den 60er Jahren, sagt er. Er sei damals Pfadfinder gewesen und könne sich noch gut daran erinnern, dass damals im Ruhrwort, dem damaligen Organ des Bistums, geschrieben wurde, man könne Willy Brandt nicht wählen, weil er unehelich geboren wurde. Heute sei das kaum noch vorstellbar. Holthoff-Pförtner bekennt sich vor den Schülern auch zu seiner Homosexualität. Als er seinen langjährigen Lebenspartner heiratete, sei Exkanzler Helmut Kohl, den er als Rechtsanwalt auch in der Spendenaffäre vertreten hatte, sein Trauzeuge gewesen. Auch Kohl habe sich entwickelt.

Bundesstaat statt Staatenbund

„Die Europäische Union ist noch nicht fertig. Ohne Europa haben wir aber keine Zukunft“, stellt er fest. Aus Feigheit sei man hinter den Möglichkeiten geblieben. Einige Regierungschefs hätten Angst gehabt, bei Wahlen abgestraft zu werden, wenn sie zu viel Macht an die EU abgeben. Den Einfluss der Regierungschef hält er für zu hoch, wünscht sich ein Europa der Regionen, das sich von einem Staatenbund in einen Bundesstaat verändert. Die größte Bremswirkung sieht er in der Pflicht zur Einstimmigkeit, weil einige Länder beharrlich ihr Veto einlegen.

Hier gibt es mehr Artikel aus dem Duisburger WestenEine Vielfalt sei dann auch möglich. Er illustriert das mit einem Scherz: In Deutschland ist eine rote Ampel ein Imperativ, in England fakultativ und in Italien nur dekorativ.

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