Hotel-Serie

Im Duisburger Hotel Garni wird das Gästebuch zum Tagebuch

Brunhild Langen im gemütlichen Frühstücksraum ihres Hotels. Das dicke Gästebuch auf dem Tisch enthält zahlreiche Erinnerungen, die sie mit ihren Stammkunden teilt.

Brunhild Langen im gemütlichen Frühstücksraum ihres Hotels. Das dicke Gästebuch auf dem Tisch enthält zahlreiche Erinnerungen, die sie mit ihren Stammkunden teilt.

Foto: Foto: Ulla Michels / FUNKE Foto Services

Duisburg-Homberg.  Seit 34 Jahren führt Brunhild Langen das Hotel Garni in Duisburg-Homberg. Auch Marianna Rosenberg und Ernst Mosch waren hier schon zu Gast.

Gästebücher sind wie kleine Zeitkapseln. Für Brunhild Langen ist ihr dickes, in schweres Leder gebundenes Schätzchen aber weit mehr als nur ein nett gemeinter Gruß von Fremden. Es ist auch ein bisschen ihr Tagebuch, es sind ihre Erinnerungen, die sie mit all ihren Gästen geteilt hat und auch heute noch teilt.

„Bei uns ist es meist so, dass die Gäste bei uns übernachten, sich wohlfühlen und dann immer wieder kommen“, erzählt Brunhild, die das Hotel von ihren Eltern übernommen hat, die bereits in der 60er-Jahren anfingen, Gäste in Homberg an der Mühlenstraße 79 zu empfangen.

Pittoreskes Haus

Das pittoreske Haus mit der Schieferverkleidung verfügt über zehn Zimmer auf mehreren Etagen. Wer ein Faible für Antiquitäten oder Horst Lichters Bares für Rares hat, verliebt sich sofort in die weitläufige Eingangshalle mit dem Kronleuchter und der geschwungenen Holztreppe. Oder er verliebt sich einfach nur in Brunhild Langen. Sie und ihr Hotel gehören so eng zusammen, dass die Reisenden schon kurz nach der Ankunft das Gefühl haben, sie sind nun Teil der Familie.

„Wir haben früher viele Musiker und Rock’n’Roller hier gehabt, die zum Jazzfestival nach Moers wollten. Und wenn die dann abends zurück waren, dann hab ich mir die geschnappt und wir sind in die Röhre, das war eine Disco ganz in der Nähe“, erinnert sie sich und blickt liebevoll auf den Eintrag von „Steam Hammer“ im Gästebuch.

Marianne Rosenbergs Vater im Wohnzimmer

Auch Ernst Mosch und Giorgio Moroder hat sie schon bewirtet. Und Marianne Rosenberg. „Da war sie gerade 19 und hat unser Hotel als Garderobe für ihren Discoauftritt genutzt. Ihr Vater saß den ganzen Abend bei uns im Wohnzimmer und hat sich mit meinen Eltern unterhalten.“ Während sie noch erzählt, kommt ein junger Mann kurz in den Flur, stöpselt sein teures Smartphone in die Steckdose und sagt: „Ich bin gleich wieder da.“ Brunhild Langen lächelt: „Ein Junge aus der Nachbarschaft, man vertraut mir hier, hier kommt nichts weg.“

Seit 34 Jahren ist sie diejenige, die das Haus mit genau der Art von Leben füllt, die ihre Gäste so sehr schätzen. Auch die Dekoration der Zimmer spiegelt das Leben und die Zeit im Hotel Garni wider. Biedermeierschränke in Kombination mit moderner Kunst, ein bisschen Altes mit wenig, aber bewusst ausgesuchtem Neuem, bilden einen ganz eigenen Charme, den man in die gängigen Genres von Art Deco, modern oder clean nicht einordnen kann. Es ist eben Familie Langen, die hier seit Jahrzehnten arbeitet und lebt und ihre Fingerabdrücke hinterlassen hat.

Brunhild Langen wohnt in einer Wohnung im Obergeschoss, der Rest ist Hotelbetrieb. Und da gibt es noch das besondere Highlight des Hauses: Das Wohnzimmer von Papa Langen, das auch für Übernachtungen gebucht werden kann.

Allerheiligstes von skurriler Art

„Mein Vater ist 1993 verstorben und seitdem hab ich das Zimmer nicht mehr renoviert“, erzählt die Tochter und öffnet verschmitzt lächelnd die Tür zum skurrilen Allerheiligsten. So manchem Millenniumjahrgang würde wohl erst mal die Spucke wegbleiben beim Anblick der samtgrünen Couchgarnitur mit Eiche-Rustikal-Umrandung und der typischen dunklen Schrankwand der ausgehenden 50er-Jahre nebst passender, großornamentaler Tapete. Hier wird aus der theoretischen Zeitkapsel auf einmal ein ganz reales Erlebnis. Wo kann man schon die 50er, 60er- Jahre so konkret sehen, fühlen und anfassen? Ein Faszinosum, das schon viele Gäste gerne genutzt haben und vielleicht auch für die Duisburger Nachbarschaft ein schöner Spaß und eine Alternative zur momentan schwierigen Fernreise ist.

Denn auch im Hotel Garni ist Corona nicht spurlos an der Haustür vorbeigegangen. „Wir müssen natürlich sehen, dass wir die Verluste ausgleichen können, aber momentan sind wir gut gebucht und hoffen, dass das so bleibt“, sagt Brunhild Langen ernst und macht sich auch sonst Sorgen um die Zukunft. Ihre Tochter möchte nicht in die Fußstapfen der Mama treten und die Nachfolge ist noch offen. Wer die gleiche Leidenschaft verspürt, das Flair des Hauses zu bewahren, der sollte mal bei Brunhild Langen vorbeigehen und mit ihr sprechen.

Kontaktadresse

Der Kontakt zum Hotel Garni Langen, Mühlenstraße 79 a, 47198 Duisburg: www.hotelgarnilangen.de
02066/8574 (Pause zwischen 13 und 16 Uhr)

Zimmerpreise: Einzelzimmer 28 Euro, Doppelzimmer 42 Euro plus 5 Euro Frühstück

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