Stadtteilsanierung

Duisburg: „Nach Hochheide zu ziehen war ein großer Fehler“

Hochhauskulisse in Duisburg-Hochheide. Vom Bürgermeister-Bongartz-Platz aus geht es über den Roten Weg zum Hochhaus Roter Riese. Für viele Bürger ist der verwinkelte Durchgang ein Angstraum.

Hochhauskulisse in Duisburg-Hochheide. Vom Bürgermeister-Bongartz-Platz aus geht es über den Roten Weg zum Hochhaus Roter Riese. Für viele Bürger ist der verwinkelte Durchgang ein Angstraum.

Foto: Ulla Michels / FUNKE Foto Services

Duisburg-Homberg.  Zwischen den Weißen Riesen haben Anwohner einen Stillstand ausgemacht. Anstatt besser wird es immer schlimmer. Alles verkomme und vermülle.

Als Uwe Schock mit seiner Frau 1991 aus Sachsen-Anhalt nach Duisburg kam, steckte er voller Pläne. „Wir dachten ‘Auf in den goldenen Westen!’“, erinnert er sich. Die beiden kauften sich eine Wohnung in Hochheide. Als Wertanlage, fürs Alter. Schön war es dort, ein gepflegtes Viertel. Heute, dreißig Jahre später, ist von Schocks Optimismus nichts mehr übrig. Die Umgebung verkommt, der Wert der Immobilie sinkt. „Wo ist der Stadtteilmanager?“, fragt er erbost. „Das soll hier ein Bürgerpark für alle werden. Aber wenn die Stadt es nicht einmal schafft, den Roten Weg zu pflegen, wer soll sich dann um einen ganzen Park kümmern?“

So schnell ist keine Besserung in Sicht

Beim Anblick, der sich an diesem Montagnachmittag auf dem Bürgermeister-Bongartz-Platz bietet, eine berechtigte Frage. Blickfang ist ein Sperrmüllhaufen - seit einer Woche bereits, schimpft Schock. Daneben liegt abgezäunt die Fläche, die der Abriss des Weißen Riesen im März 2019 hinterließ. Ein Medienereignis war das, das im Viertel nahezu folgenlos blieb, trotz des Quartiersbüros als Ansprechpartner, trotz Planungsworkshops und Bürger-Ideen. Keine Spur von einer neuen Aufenthaltsqualität.

Und keine Besserung in Sicht. Nur Verzögerungen. Erst 2021 soll das nächste Hochhaus fallen, 2023 das dritte. Der Bürgerpark könnte dann 2025 fertig sein, erfuhren die Bürger zuletzt. Heißt: Bis auf Weiteres bleibt da Brachland, das zwar, so Schock, pflichtschuldigst mit Grassamen bestückt worden sei und somit „immerhin grün“ - aber mehr nicht. Kein Symbol für die ersehnte Wende.

Der Rote Weg und Umgebung sähen katastrophal aus. Jede Menge Müll und Gestrüpp. Schock: „Wir haben uns so gefreut, dass die Hochhäuser wegkommen. Inzwischen wäre es mir lieber, sie blieben stehen. Schade um die 42 Millionen Euro für den Abriss. Es heißt doch: Eigentum verpflichtet. Und die Stadt hat die Fläche doch gekauft.“

Gelände gehört verschiedenen Eigentümern

So einfach ist die Sache wohl nicht. Beim Roten Weg handele es sich um einen „etwa fünf Meter langen Pflasterweg“, stellen die Wirtschaftsbetriebe klar, vom dem man nur einen Grünstreifen von etwa einem Meter Länge pflege. Alle übrigen Grünflächen gehörten unterschiedlichen Eigentümern, daher sei man - nicht zuständig. Im gegebenen Rahmen würden zwei bis dreimal pro Woche die Papierkörbe geleert und umherfliegender Müll entsorgt. Außerdem werde mindestens einmal monatlich der Grünstreifen gemäht. Und zweimal im Jahr schneide man das Grün.

Entsprechend wild wuchern nicht-städtische Gräser und Büsche zwischen den ‘Riesen’ und bieten denen, die nicht gesehen werden wollen, Idealbedingungen. Von der Sackgasse aus, die sich am Ende des Wegs vor dem nächsten Abrisshaus gebildet hat, ist alles überschaubar. Ein beliebter Ort für illegale Geschäfte. Und wenn die Polizei käme, interessiere das eh keinen, erlebt Schock. Eine Entwicklung sei das, die durch den geplanten Wegzug der Polizeiwache gekrönt werde.

Folge: Vor allem Frauen empfinden die Gegend als Angstraum, zumal sich an der Skaterbahn gern eine Gruppe junger Männer trifft, die bis in die Nacht lärmten und Drogen konsumierten.

Vor allem die Senioren haben Angst

Immer wieder gebe es Polizei- und Feuerwehreinsätze, weil Bänke, Reifen oder Papierkörbe angezündet würden oder „irgendwas einfach kaputt geschlagen“. Viele Senioren, die im Hochhaus „Roter Riese“ leben, trauten sich nicht mehr bis zu den Geschäften auf dem Bongartz-Platz vor, weil sie angepöbelt würden. Das bestätigt ein Nachbar. „Eine Zumutung ist das!“ Erst kürzlich entriss ein Trio, zwischen 16 und 18, einer Frau auf einem der Pfade zwischen den Hochhäusern die Handtasche.

Im Frühjahr schrieb eine Jugendbande mit einer Raubserie Schlagzeilen, vier wurden seinerzeit verhaftet. Sitzgelegenheiten, Tischtennisplatte und Poller seien wegen der Situation vor Ort bereits vorsorglich entfernt worden, staunt Schock. „Dabei wäre es doch besser, wenn man hier mal regelmäßig Streife liefe.“

Über 1100 Straftaten im vergangenen Jahr

Er steht mit seiner Kritik nicht allein. Beim Stadtteilcheck dieser Zeitung schnitt die Gegend um die Weißen Riesen in puncto Sicherheitsgefühl schlecht ab. Die Polizei relativiert. Von Einsatzzahlen sei dies nicht gedeckt. 1152 Fälle wurden 2019 registriert. Damit liegt Hochheide im Ranking der Straftaten auf Platz 12, hinter dem Dellviertel, Hochfeld und der Altstadt. Außerdem zeige man im Stadtteil täglich Präsenz. Ebenso wie der Außendienst des Ordnungsamtes, ergänzt ein Sprecher der Stadt.

Er bittet um Geduld. In der Regel wüchsen Identifikation und Verantwortungsgefühl mit einer neuen Parkanlage erst mit der Zeit. Und das schlage sich dann in der Sorgfalt und im Verhalten nieder.

Neue Wege und Bänke sollen kommen

Die aktuell eingezäunte Fläche werde den Bürgern kurzfristig zugänglich gemacht. Es soll eine Wegeführung von der Kirchstraße zum Roten Weg und zum Bongartz-Platz geben. Bänke sollen aufgestellt werden. Im Frühjahr will man Wildblumen säen. Mehr sei aber erstmal nicht geplant. Die Einrichtung von Sport-, Garten- und Spielflächen könne erst mit dem endgültigen Ausbau zum Bürgerpark erfolgen.

Uwe Schock ist desillusioniert. „Hierher zu ziehen war ein großer Fehler.“ Er hat zigmal die Polizei gerufen, an Politiker und den Oberbürgermeister geschrieben. Vergeblich. „Man scheitert an den Vorzimmern. Die Menschen in Hochheide haben die Nase gestrichen voll.“

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