Sinfonieorchester

WDR Sinfonieorchester verlegt Mercatorhalle nach Istanbul

Das WDR Sinfonieorchester spielte in der Mercatorhalle die „Istanbul Symphony“ von Komponist Fazil Say.

Das WDR Sinfonieorchester spielte in der Mercatorhalle die „Istanbul Symphony“ von Komponist Fazil Say.

Foto: Foto: Marco Borggreve

Duisburg.  Das WDR Sinfonieorchester spielte in der Mercatorhalle Fazil Says „Istanbul Symphony“. Auf das Publikum warteten einige Überraschungen.

Premiere für die WDR Happy Hour in Duisburg: Die erfolgreiche Klassikreihe des WDR Sinfonieorchesters gastierte am Samstag zum ersten Mal in Duisburg. Der Name war Programm, ziemlich genau eine Stunde beglückte das Spitzenorchester das Publikum in der Mercatorhalle mit der populären „Istanbul Symphony“ von Fazil Say. Das Werk hat der türkische Komponist und Pianist in seiner Zeit als „Artist in Residence“ in Dortmund geschrieben, und die Sinfonie hielt, vor allem in der Instrumentierung, einige Überraschungen für die Zuhörer bereit.

WDR-Moderator Jascha Habeck stellt Fazil Says „Istanbul Symphony“ vor

Bevor die ersten Töne des mittlerweile neun Jahre alten Werkes erklangen, stellte WDR-Moderator Jascha Habeck die wichtigsten Merkmale der Komposition heraus. „Die sieben Sätze stehen für die sieben Hügel, auf denen Istanbul erbaut wurde“, erklärte Habeck, jeder Satz spiegelt außerdem einen Aspekt des Lebens in der historischen Metropole wieder.

Dann ergriff auch Dirigent Howard Griffiths – der nach einer Zeit in der Türkei übrigens fließend türkisch spricht – das Wort und präsentierte drei ganz besondere Zusätze zur klassischen Orchesterbesetzung des Sinfonieorchesters. Burcu Karadağ spielte die Ney, eine orientalische Flöte, Hakan Güngör die Kanun, eine Art der Zither, und Aykut Köseleri spielte verschiedene orientalische Percussioninstrumente.

Die Sinfonie spielte mit westlichen Vorstellungen orientalischer Musik

Dass sich Fazil Say als „Brückenbauer“ zwischen Orient und Okzident versteht, wurde schon im ersten Satz gut hörbar. Weil die orientalische Musik auf den sogenannten „maqams“ aufbaut, durfte zunächst die Ney ein Solo in einer dieser Skalen spielen. Die maqam-typischen Dreivierteltöne sind in der westlichen, temperierten Musik fast nie anzutreffen und für viele westliche Instrumente auch schlicht nicht umzusetzen. Fazil Say bediente sich für seine Orchestersätze deswegen an den „Vorurteilen“ westlicher Ohren, was orientalische Musik angeht.

Der häufige Einsatz von Sekundbewegungen, besonders in den Streichern, kam der Verwendung von „echten“ Vierteltönen sehr nah und sorgte in der sehr programmmusikalischen Sinfonie oft für die Bilder von Istanbul vor dem inneren Auge, die Jascha Habeck schon vor dem Konzert versprach.

„Istanbul Symphony“ ist viel mehr als nur musikalische Klischees

Das Werk bestach am Samstag aber auch durch seine Vielseitigkeit und seine schillernden Facetten – ganz so wie die Stadt, von der die Komposition handelt. Harmonisch weit gesetzte Passagen wechselten sich mit tonmalerischen Abschnitten ab, in denen zum Beispiel die Blechbläser Autohupen oder die Tuba ein Schiffshorn verkörperte. Besonders spannend war auch ein Abschnitt im dritten Satz, in dem die Ney zusammen mit ihrer westlichen Schwester, der Querflöte, Unisono spielte.

Das großartige WDR Sinfonieorchester verstand es, die leichte, verspielten Passagen genauso überzeugend zu vermitteln wie die beinahe chaotischen, Strawinsky-ähnlichen Abschnitte. Vor allem die späteren Sätze bestachen durch wilde Wechsel der Stimmungen und Melodiefetzen, die durch die Instrumente wanderten. Im Satz „Orientalische Nacht“ hatten dann die „krummen“, schwer fassbaren Metren ihren großen Auftritt.

Das begeisterte Publikum bedachte die Künstler mit minutenlangen, stehenden Ovationen. Zurecht, denn die Zuhörer durften nicht nur einem hervorragenden Werk lauschen, sondern auch einem Orchester, das die so häufig aufgeführte Komposition nicht eine Sekunde nach Pflichterfüllung oder Routine klingen ließ.

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