Loveparade

WDR-Moderatorin: „Eine Aufarbeitung ist enorm wichtig“

Eine sehr persönliche Dokumentation ist „Die Wunde meiner Stadt – Asli, Duisburg und die Loveparade“ mit Asli Sevindim geworden, die am Donnerstag, 12. Juli, um 22.40 Uhr im WDR-Fernsehen zu sehen ist.

Foto: WDR

Eine sehr persönliche Dokumentation ist „Die Wunde meiner Stadt – Asli, Duisburg und die Loveparade“ mit Asli Sevindim geworden, die am Donnerstag, 12. Juli, um 22.40 Uhr im WDR-Fernsehen zu sehen ist.

Duisburg.  Die Duisburger WDR-Moderatorin Asli Sevindim betrachtet die Loveparade-Katastrophe als „Die Wunde meiner Stadt“. Doku läuft im Dritten.

Im WDR-Fernsehen läuft am heutigen Donnerstag um 22.40 Uhr die Dokumentation „Die Wunde meiner Stadt – Asli, Duisburg und die Loveparade“. Mit der hier lebenden WDR-Moderatorin Asli Sevindim sprach vor der Ausstrahlung Redakteur Thomas Richter.

Frau Sevindim, welche Erinnerungen haben Sie an den 24. Juli 2010?

Sevindim: Das war für mich ein verrückter, surrealer Tag. Ich war damals eine der künstlerischen Direktoren der Kulturhauptstadt Ruhr 2010. Eine Woche vorher hatte das Stillleben auf der gesperrten A 40 stattgefunden. Das war für mich eine tolle, aber stressige Zeit. Als da alles geschafft war, musste ich erst einmal durchatmen. Ich bin erst am Abend vor der Loveparade nach Duisburg zurückgekehrt – und hatte sie ehrlich gesagt vergessen. Techno ist nicht so meine Musik. Als ich in der Stadt ein paar Besorgungen machen wollte, war alles voller Menschen. Ich habe mich spontan ins Getümmel gestürzt. Die Nachricht, dass es Tote gegeben hat, bekam ich später auf mein Handy. Hier dieses bunte, lebendige Bild von tanzenden Menschen auf den Straßen. Und dort Tote im Tunnel. Ich habe diese beiden Infos zunächst gar nicht zusammen bekommen. Es war ein richtiger Schock.

Sie erzählen in der Ich-Perspektive, sind selbst oft vor der Kamera zu sehen. Warum haben Sie sich für dieses Format entschieden?

Es gibt in so vielen Menschen dieser Stadt das diffuse Gefühl, dass Duisburg eigentlich viel Positives zu bieten hat und eine liebenswerte Heimat ist, es aber trotzdem fast immer nur auf seine negativen Dinge reduziert wird. Für viele scheint nach der Loveparade-Katastrophe zudem eine schwere Last auf den Schultern der Stadt zu liegen. Ich wollte diesen Gefühlen Ausdruck verleihen und so mit anderen Menschen ins Gespräch kommen. Ich bin da sehr fragend rangegangen. In meinem Leben als Kind von Zuwanderern gab und gibt es immer mehr Fragen als Antworten. Im Mittelpunkt stehen wollte ich nicht.

Gesprächspartner hatten Sie auch in einer Facebook-Gruppe aus Duisburg gesucht, die 15 000 Mitglieder hat. Zum Treffen in der Realität sind aber nur vier gekommen.

Das war für uns eine Überraschung. Wir hatten schon mit mehr gerechnet. Aber die, die da waren, hatten Spannendes zu berichten. Dabei war auch eine Frau, die bei der Stadtverwaltung Duisburg arbeitet und nach der Loveparade Morddrohungen erhalten hatte, obwohl sie nichts mit der Planung zu tun hatte. Sie wurde auch zu einer Art Opfer. Nicht nur ihre Tochter formulierte in unseren Gesprächen, dass ihr bis heute eine symbolische Hand fehlt, die für das damals Geschehen die Verantwortung übernimmt und sich entschuldigt. Dabei wäre das für eine Aufarbeitung der Menschen in dieser Stadt so wichtig. Diese Forderung richtet sich aber in erster Linie in Richtung jener Leute, die damals das Sagen in Duisburg hatten.

Die sitzen bekanntlich beim derzeit laufenden Loveparade-Prozess nicht auf der Anklagebank. Sie waren einen Tag in Düsseldorf vor Ort und haben ihre Eindrücke mit dem Wort „ernüchternd“ beschrieben.

Das war es auch. Was ich und viele meiner Gesprächspartner bis heute vermissen, ist eine Erklärung, wie das alles nur geschehen konnte. Man hat doch ein Grundvertrauen in eine Verwaltung. Wir leben in diesem Land in einer Welt, die stark organisiert ist. Wie kann es da sein, dass die Anträge für eine solche Großveranstaltung nicht im Vorfeld bis aufs letzte i-Tüpfelchen geprüft wurden, sondern die letzten Genehmigungen erst am Veranstaltungstag erteilt wurden? Da wurde bei vielen das Gefühl des Vertrauens in die Verwaltung nachhaltig verletzt. Und seitdem hat man das Gefühl, diese Stadt ist irgendwie gehemmt und nur noch auf Zehenspitzen unterwegs. Genau deshalb ist eine Aufarbeitung so enorm wichtig.

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