Verschollener

Warum ein Amtsgericht öffentlich einen 116-Jährigen sucht

Die amtliche Bekanntmachung des Amtsgerichtes Duisburg-Ruhrort aus dem Wochen-Anzeiger: Wen sich Karl Gerhard Steinberg, Jahrgang 1902, bis zum 20. November nicht meldet, wird er für tot erklärt.

Die amtliche Bekanntmachung des Amtsgerichtes Duisburg-Ruhrort aus dem Wochen-Anzeiger: Wen sich Karl Gerhard Steinberg, Jahrgang 1902, bis zum 20. November nicht meldet, wird er für tot erklärt.

Foto: Screenshot: WAZ / WAZ

Duisburg.  Karl Gerhard Steinberg wurde 1902 in Duisburg geboren. Er soll sich bis zum 20. November bei Gericht in Duisburg melden. Es geht um sein Erbe.

Karl Gerhard Steinberg kam im Deutschen Kaiserreich zur Welt, am Heiligen Abend des Jahres 1902. Der 116-Jährige muss sich bis zum 20. November in Zimmer 005 oder 105 des Ruhrorter Amtsgerichtes melden, „da er sonst für tot erklärt werden kann“. So steht’s in einer amtlichen Bekanntmachung, die das Amtsgericht Duisburg-Ruhrort Ende September zwischen Kleinanzeigen im Duisburger Wochen-Anzeiger veröffentlichen ließ. Fotos von der kuriosen Anzeige kursieren inzwischen in mehreren Facebook-Gruppen. Die Nutzer rätseln: Warum sucht ein Gericht einen Toten?

Es geht um Leben oder Tod. Denn 100-prozentig sicher ist eben nicht, dass der gesuchte Karl Gerhard Steinberg tot ist oder Urenkel hat. Wenngleich den Autoren des Guinness-Buches nicht bekannt ist, dass es zurzeit einen älteren Deutschen als den 1905 in Stettin geborenen Gustav Gerneth gibt. Karl Gerhard Steinberg, der mit dem MSV Geburtsort und -jahr gemeinsam hat, wurde wohl von Menschen, die ihn kannten, zuletzt 1943 in Duisburg gesehen. Sein Tod aber, möglicherweise während des Zweiten Weltkriegs, ist nirgends bezeugt, und von direkten Nachfahren ist hierzulande nichts bekannt. Das berichtet Doris Krüll, deren Mann „sehr weitläufig“ mit Steinberg verwandt ist.

Kein großes Erbe: „Es geht nur um eine Kleinigkeit“

Georg Joachim Krüll hatte beim Amtsgericht Duisburg-Ruhrort vor etwa einem Jahr, so berichtet seine Ehefrau, den Antrag gestellt, Steinberg für tot erklären zu lassen. Das sei die Voraussetzung dafür, dass eine Erbengemeinschaft bekommt, was eine Großcousine Krülls hinterließ – und nicht Steinberg. Der Wert dieses Erbes ist jedoch nicht der Grund für das kuriose öffentliche Aufgebot, es sind stattdessen die Paragrafen des „Verschollenheitsgesetzes“. Doris Krüll versichert dennoch: „Es geht wirklich nur um eine Kleinigkeit.“

Das Ehepaar Krüll war zunächst überrascht und amüsiert, als eine Freundin ihnen vor kurzem via Whatsapp ein Foto der abgedruckten Anzeige in den Urlaub schickte: „,Jetzt wird er sich bestimmt melden’, haben wir gescherzt“, so Doris Krüll. „Wir wussten nichts von der Anzeige und vom Prozedere.“ Auch nichts davon, dass der Name und die Adresse des Antragstellers veröffentlicht werden. Geärgert habe sie aber vor allem der „Amtsschimmel. Das ist doch unglaublich, dass die Behörden über ein Jahr nach unserem Antrag einen 1902 geborenen Menschen öffentlich suchen.“

Das Verschollenheitsgesetz von 1939 lasse keinen Spielraum

Die Uhr tickt obendrein gegen Herrn Steinberg: Das Risiko, dass ein (damals noch) 115-Jähriger während eines mehr als einjährigen Todesfeststellungsverfahrens verstirbt, ist nicht von der Hand zu weisen. Scherz beiseite: Die zuständige Rechtspflegerin am Amtsgericht hatte in der Zwischenzeit bereits Anfragen bei Suchdiensten wie der Vermisstenstelle des Roten Kreuzes und beim Standesamt in Berlin-Schöneberg gestartet. Von Karl Gerhard Steinberg steht auch in den Archiven dort nichts geschrieben.

Der letzte Schritt des Todeserklärungsverfahrens nach den Vorgaben des im Juli 1939, kurz vor dem Überfall auf Polen erlassenen Verschollenheitsgesetzes ist die öffentliche Suche mittels „Aufgebotsverfahren“ (siehe Kasten). Das Gesetz lasse keine andere Wahl – auch nicht im Fall des mutmaßlichen Methusalems Steinbergs, erklärt Falco Brebeck, Sprecher des Ruhrorter Amtsgerichtes: Dem zuständigen Rechtspfleger stehe „im Todesklärungsverfahren als solchem kein Ermessensspielraum zu. So hat dieser bei Vorliegen eines zulässigen Antrags das Aufgebot zu erlassen.“

Karl Gerhard Steinberg ist bald auch vor dem Gesetz tot

Die am 28. September im Anzeigenblatt veröffentliche Bekanntmachung richtet sich nicht nur an Steinberg selbst: „Alle Personen, die Auskunft über den Verschollenen geben können, werden aufgefordert, dies bis zu dem oben bestimmten Zeitpunkt dem Gericht zu melden.“ Noch hat sich in Ruhrort niemand gemeldet.

Bis zum 20. November haben Steinberg und dessen mögliche Nachkommen noch Zeit. Danach erst ist der Verschollene auch vor dem Gesetz tot. Und „kein Beweis ist schwieriger zu führen als der Beweis eines für tot Erklärten, dass er noch lebt“, zitiert Rolf Rausch, Sprecher des Duisburger Amtsgerichtes, ein in Juristenkreisen geflügeltes Wort. Karl Georg Steinberg sollte sich also sputen.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben