Literatur

Walter Kaufmann wird 90

Der zwölfjährige Walter 1936 mit seinen Eltern Dr. Sally und Johanna Kaufmann.

Der zwölfjährige Walter 1936 mit seinen Eltern Dr. Sally und Johanna Kaufmann.

Foto: WAZ FotoPool

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Duisburg. Walter Kaufmann hat Bücher veröffentlicht, ist mit Literatur-Preisen ausgezeichnet worden, „Stimmen im Sturm“ heißt sein Duisburg-Roman. Sein Leben ist gekennzeichnet durch die Tyrannei des 20. Jahrhunderts. Er hat wirklich etwas zu erzählen. Am Sonntag wird er 90.

Kaufmann, geboren in Berlin, wuchs als Adoptivsohn von Dr. Sally und Johanna Kaufmann in Duisburg auf. Der Adoptivvater ist angesehener Rechtsanwalt, alteingesessen und prominent, vornehm. Er führt die Jüdische Gemeinde in den Jahren der Verfolgung.

KLassenkameraden zeigen ihren Judenhass

Über seine Duisburger Jahre hat Walter Kaufmann in seiner Autobiographie „Spiegel eines Lebens“ geschrieben. Ab 1933 spitzt sich die Lage zu. Bei den Freunden, den Hockeykameraden vom Club Raffelberg, bemerkt er einen subtilen Antisemitismus. Offen rassistisch ist die Lehrerschaft auf dem Realgymnasium (Steinbart-Gymnasium), die Klassenkameraden lassen ihn ihren Judenhass spüren. Er sucht und erobert sich seine eigene Welt. Beim Novemberpogrom 1938 wird das Elternhaus an der Prinz-Albrecht-Straße in Duissern verwüstet, der Vater nach Dachau verschleppt. Seine Eltern schicken ihn ins sichere England, sie sterben im Gas von Auschwitz.

Walter Kaufmanns Kindheit endet mit der Flucht am 19. Januar 1939, seinem 15. Geburtstag: „Duisburg, Krefeld, Venlo an der Grenze ... Ich habe schon vor langer Zeit zu lernen begonnen, mich von etwas zu trennen: von meinen Wellensittichen, von meinem Hund, meinen Fischen, die sich zwischen den Scherben des Aquariums auf dem Teppich zu Tode zappelten.“

Jahre als Seemann

Bei Kriegsbeginn wird er im Mai 1940 von der britischen Polizei als „feindlicher Ausländer“ interniert. Er wird mit vielen anderen deutschen Juden nach Sydney, Australien, deportiert. 18 Monate verbringt er in Wüstencamps, mit 17 kommt er frei. Der junge Emigrant aus Duisburg schlägt sich mit allen möglichen Arbeiten durch. Meistens im Bereich des Hafens, auf Schleppern und Frachtern. Aber auch als Straßenfotograf, Schlachthausarbeiter, Obstpflücker, Docker und lange Jahre als Seemann.

Die einfachen Menschen regen ihn zum Schreiben an. Seine Kurzgeschichten „treffen“, wie er sagt, „den Nerv der Zeit“.

1956 siedelt er nach Ost-Berlin um: „Ich entschied mich für die DDR, weil ich am Aufbau eines sozialistischen Deutschlands teilhaben wollte. Eine andere Alternative gab es damals für mich nicht.“ Von 1985 bis 93 war er Generalsekretär des Deutschen P.E.N.-Zentrums (Ost). „Staatsnah“ ist Kaufmann in der DDR nie gewesen. Die Stasi hat ihn im Visier. Beim Einblick in seine Stasi-Akte stößt er auf mindestens 20 Decknamen. Er wird bespitzelt – von Christa Wolf.

"Schade, dass du Jude bist"

In fast allen seinen Büchern reiht Walter Kaufmann autobiografische Geschichten auf. Sie führen von Duisburg weit in die Welt des vergangenen Jahrhunderts und zurück in die Gegenwart. Längst als Autor erfolgreich, fährt er noch einmal auf Frachtern zur See, erkundet mit Entdeckerlust eines Jack London fremde Ufer, schreibt darüber voller Leuchtkraft und Lebendigkeit. Das gilt nicht zuletzt für sein aktuelles Buch „Schade, dass Du Jude bist. Kaleidoskop eines Lebens“, in dem er sich, wie stets, an seine Heimatstadt Duisburg erinnert. Sie besucht er bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Meistens kommt er zu Lesungen. Und als er einmal das Stadttheater besuchte, wunderte er sich: Als 14-Jähriger hatte er gegen das Verbot „Juden unerwünscht“ eine Eintrittskarte gelöst, war in den obersten Rang hochgestiegen, um Wagners „Meistersinger“ zu erleben. 70 Jahre später gab sich der Direktor der Duisburger Oper die Ehre, ihn zur Aufführung von „Rusalka“ einzuladen.

Im Februar 2008 kam er nach Duisburg, um im Rahmen der Ausstellung „Zug der Erinnerung“ aus seinen Büchern zu lesen. Dabei betonte er – wie stets – kein „Opfer“ zu sein. Er habe in seinem Leben die Welt erleben können. Aber es vergehe kein Tag, an dem er nicht an seine Eltern denke, die in Auschwitz ermordet wurden.

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