Sperrung A 40-Rheinbrücke

Walsumer Rheinfähre: Alternative für alle Stauflüchtlinge

Seit 1958 in Betrieb: Im Sommer pendelt die Fähre von morgens ab 6.15 Uhr bis abends um 21 Uhr auf dem Rhein zwischen Duisburg-Walsum und Rheinberg-Orsoy.

Foto: Heiko Kempken

Seit 1958 in Betrieb: Im Sommer pendelt die Fähre von morgens ab 6.15 Uhr bis abends um 21 Uhr auf dem Rhein zwischen Duisburg-Walsum und Rheinberg-Orsoy. Foto: Heiko Kempken

Duisburg.   Seit der Sperrung der A 40-Rheinbrücke und den Dauerstaus auf der A 42 wählen immer mehr Pendler den Weg über das Wasser bei Walsum.

„Geben sie mir gleich eine Zehnerkarte“, sagt Gerlach Achilles (47). Der Mann aus Rheinberg-Vierbaum ist kurz aus seinem Auto gestiegen und genießt bei der dreiminütigen Überfahrt in Richtung Walsum die Brise, die ihm hier an Bord der Rheinfähre „Glück auf“ um die Nase weht. Wie so viele andere Pendler setzt auch Achilles auf seiner Fahrt zur Arbeit derzeit auf den Alternativweg übers Wasser. Wegen der Sperrung der A 40-Rheinbrücke herrscht auf der A 42 als wichtigste Umleitungsstrecke ständig Stau. Und wer der Geduldsprobe am Ende der Blechlawine entgehen will, der fährt Fähre.

Montagmorgen, kurz nach sieben. Der Dienst von Ralf Bogaczyk und Joel Stöckmann hat vor einer Dreiviertelstunde begonnen. Beide sind Kassierer an Bord der Rheinfähre, die täglich zwischen Walsum und Rheinberg-Orsoy pendelt. Normalerweise ist nur einer von ihnen an Bord. Aber „normal“ gibt’s in Zeiten der Brückensperrung gar nicht – daher die Doppelbesetzung. „Am Donnerstag war es hier so voll, da hat sich ein Rückstau bis nach Orsoy hinein gebildet“, erzählt Bogaczyk, während er per Handzeichen die wartenden Autofahrer auf ihren Platz an Bord einweist. Zehn Wagen nehmen sie sonst pro Tour mit, derzeit sind es zwölf. „Wir wollen ja, dass die Wartezeit für alle so kurz wie möglich ist“, sagt Bogaczyk.

Autofahrer weichen verstärkt auf Rheinfähre aus

Seit Anfang August ist die A40-Rheinbrücke Neuenkamp in beiden Richtungen voll gesperrt. Einige Autofahrer weichen deshalb über die Rheinfähre aus.
A40-Sperrung: Autofahrer weichen verstärkt auf Rheinfähre aus

Früher arbeitete der in Overbruch lebende Bogaczyk als Betriebsschlosser unter Tage – zuletzt auf der Zeche Auguste Victoria. Auf der Rheinfähre verdient er sich ein paar Euro dazu. „Wir haben hier viele Stammkunden“, erzählt er. „Aber derzeit sieht man auch sehr viele neue Gesichter.“

Viele neue Gesichter auf der Fähre

Das bestätigt auch Raimund Behrens (30). Er ist Inhaber des Großen Rheinpatents und einer von insgesamt vier Schiffsführern, die die Rheinfähre auf Kurs bringen. „An normalen Tagen nehmen wir 300 bis 500 Autos an Bord, zuletzt waren es 900 – und am Donnerstag als absoluten Spitzentag sogar über 1300“, so Behrens.

Den Ärger der Pendler über die Brückensperrung könne er sehr gut nachvollziehen: „Aber für uns ist das aus wirtschaftlicher Sicht gerade eine gute Zeit.“ Dass die Verkehrs-Infrastruktur in weiten Teilen des Landes marode ist, nennt Behrens „ein politisches Versäumnis“. Dann bedient er wieder seine sieben Steuerhebel, mit denen er die dreimotorige Fähre (Baujahr: 1958) über den ruhig fließenden Rhein dirigiert. Dessen Stand liegt am Morgen bei 3,30 Meter.

„Ein konstanter Wasserspiegel ist für uns optimal. Dann haben wir kaum Strömungen“, erklärt der Fährmann. Und dann könne die „Glück auf“ auch problemlos mit der Top-Geschwindigkeit von elf km/h über den Rhein schippern. 5500 Liter Diesel passen in den Tank der Fähre. „Das reicht wegen des Hochbetriebs derzeit gerade mal eine Woche“, so Behrens.

Die stählerne Rampe der Fähre senkt sich langsam auf den Anleger am Orsoyer Ufer. Die einen fahren von, die anderen kommen an Bord. So wie Theresa Weber (29). Die Lehrerin aus Röttgersbach genießt gerade ihre Ferien und hat ihren Partner zur Arbeit nach Kamp-Lintfort gefahren. „Unsere ganze Familie ist von der A 40-Sperrung betroffen“, erzählt sie. Ihr Vater arbeite in Krefeld. Die Fähre sei für sie eine willkommene Alternative.

Umweg über die Weseler Rheinbrücke frisst Zeit

„Meine Tochter Silvia muss von Rheinberg zur Arbeit nach Duisburg“, erzählt Christel Voßkamp, die aus Dinslaken kommt. „Sie ist am Donnerstag hinterher zur Rheinbrücke in Wesel ausgewichen und hat insgesamt zweieinhalb Stunden gebraucht.“

Joachim Blumentritt (64) pendelt jeden Tag zwischen seinem Zuhause in Budberg und seiner Kfz-Werkstatt in Meiderich. „Mit der Fähre geht es viel schneller, als sich im Stau anzustellen“, weiß er. Ohne Autobahnstau braucht er 20 Minuten für die Strecke. Jetzt ist es etwa das Doppelte. „Aber ohne die Fähre wäre ich noch viel, viel länger unterwegs.“

>> MAXIMAL 1800 AUTOS PRO TAG

Die Maximalauslastung der Rheinfähre liegt bei 1800 Autos pro Tag. Am Ende einer jeden Schicht wird sie am Walsumer Anleger mit Stahlseilen festgemacht. Was die „Glück auf“ auszeichnet, ist ihre Wendigkeit. Betreiber und Inhaber der Fähre ist Dirk Nowakowski. Ein Einzelticket für Auto plus Fahrer kostet drei Euro, die Zehnerkarte 24 Euro und die Wochenkarte 20 Euro.

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