KULTUR

Volker Kutscher will den Einbruch der Barbarei zeigen

Volker Kutscher liest aus seinem neuen Roman -Marlow- am Mittwoch, den 05.12.18 in Duisburg. Foto: Tanja Pickartz/ FFS FUNKE Foto Services

Volker Kutscher liest aus seinem neuen Roman -Marlow- am Mittwoch, den 05.12.18 in Duisburg. Foto: Tanja Pickartz/ FFS FUNKE Foto Services

Foto: Tanja Pickartz

Duisburg.   Bestseller-Autor Volker Kutscher stellte in der Stadtbibliothek Duisburg seinen jüngsten Gereon Rath-Krimi „Marlow“ vor.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 hatte Volker Kutscher einst als Stichdatum gewählt. Mit diesem Schicksalsjahr hatte er seine Romanreihe um den Berliner Kommissar Gereon Rath beenden wollen. Das wollte er dann aber doch nicht, weil danach mit Macht erst das geschehen ist, was sein wirklicher Antrieb für seine im Kern politischen Kriminalromane ist.

„Ich will die barbarischen Ereignisse zeigen, die in die Zivilisation einbrechen“, sagt er. Und deshalb konnte er am Mittwochabend in der Duisburger Zentralbibliothek seinen nunmehr siebten Gereon Rath- Roman vorstellen, der diesmal schlicht den Namen des Unterweltkönigs „Marlow“ trägt.

Der hat sich inzwischen mit der SS eingelassen. Nicht aus politischer Überzeugung, sondern aus kaltem Kalkül, wie eine Buchstelle erahnen lässt, die Kutscher vorlas. Alle Passagen, die der Bestseller-Autor seinem Publikum an diesem Abend als Appetithäppchen reichte, verraten nur wenig über den Kriminalfall, der mit einem seltsamen Unfall beginnt und dessen lange Schatten weit in die Vergangenheit reichen.

„Geheime Reichssache“

1935 aber, das Jahr, in dem das Buch spielt, werfen ganz andere Ereignisse ihre Schatten voraus in Form einer Akte mit dem Aufdruck „Geheime Reichssache“, die für den damaligen preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring bestimmt war, die Rath aber an sich nimmt und öffnet.

Ausgerechnet Rath, der sich immer möglichst aus der Politik rausgehalten hat, dem Rote ebenso unlieb waren wie die Braunen. Rath, der sich als preußischer Kommissar zum Hitler-Gruß gezwungen bei der Entrichtung dieses „deutschen Grußes“ stets nuschelnd aus der Affäre gezogen hat, erfährt schließlich am eigenen Leib, wie die Massenpsychologie des Faschismus wirken kann: Auf dem Nürnberger Parteitag, in den der Kommissar rein zufällig gerät, stimmt er plötzlich in das hysterische Heils-Gebrüll der anderen ein, die ihrem „Führer“ zujubeln. „Diese Szene konnte ich Herrn Rath leider nicht ersparen“, bedauert Kutscher und lässt klugerweise offen, ob Rat nun auf dem Weg ist, ein Nazi zu werden. Stattdessen spricht er nur von einer Lektion, die Rath am Ende gelernt hat.

„Manchmal sträuben sich meine Figuren“

Gerade das macht auch die Spannung in den Rath-Romanen aus. Nie ist anfangs absehbar, wie sich die verschiedenen, oft ambivalenten Hauptfiguren entwickeln. Wie Kutscher gesteht, weiß er das beim Schreiben oft selbst auch nicht. „Meine Figuren handeln nicht immer logisch, manchmal sträuben sie sich gegen meine Ideen, dann muss ich genauer hinsehen, denn ich erzähle aus den Figuren heraus die Geschichte.“

Aber Kutscher erzählt eben nicht nur eine Geschichte, sondern Geschichte. Und die will er bis zur Reichspogromnacht 1938 schildern. „Das will ich unbedingt mitnehmen. Ich will nicht vom Krieg erzählen, sondern davon, wie es zum Krieg und zum Holocaust hat kommen können. Alles, was vor dem Krieg passiert ist, hätte nicht passieren dürfen. Das will ich mit meinen Büchern zeigen.“

Fortsetzung folgt mit „Olympia“

Zwei Jahre brauche er, um einen neuen Roman um Gereon Rath zu schreiben, sagt Volker Kutscher. Jeder Roman steht für ein weiteres Jahr. Der nächste – „Olympia“hat die Olympischen Spiele in Berlin 1936 zum Thema. Kutscher-Fans dürfen sich auf einen alten Bekanntenfreuen: der ambivalente Profi-Killer Abraham Goldstein kehrt zurück.

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