STADTTEIL-CHECK

Stadtteil-Check: Ohne Auto wird es schwierig in Mündelheim

Mündelheim - eine grüne Oase am Rhein in der Duisburger Industrie-Landschaft. Doch auch hier gibt’s Schattenseiten, nachzulesen im  Duisburger Stadtteil-Check.

Mündelheim - eine grüne Oase am Rhein in der Duisburger Industrie-Landschaft. Doch auch hier gibt’s Schattenseiten, nachzulesen im Duisburger Stadtteil-Check.

Foto: Hans Blossey

Duisburg-Mündelheim.  Sauber, sicher und solidarisch, das ergab der Stadtteil-Check für Duisburg-Mündelheim. Doch auch im grünen Paradies gibt’s Schattenseiten.

Mündelheim – das grüne Paradies am Rhein? Fast scheint es so. Das Gemeinschaftsgefühl ist so stark ausgeprägt wie sonst nirgendwo in Duisburg. Es ist sauber, man fühlt sich sicher im Stadtteil. Die 197 Mündelheimer, die bei unserem Stadtteilcheck mitgemacht haben, vergaben die Schulnote, 1,8. Zum Vergleich: Marxloh erreichte 4,29. Doch selbst im Paradies ist nicht immer alles rosarot. Darüber sprachen wir mit einem Insider: Klaus-Dieter Drechsler, Vorsitzender des Mündelheimer Bürgervereins.

„Wenn Sie ein Auto haben, ist es wunderbar hier“, sagt Drechsler. Wenn nicht, kann’s schwierig werden, besonders für Ältere. Trotzdem: „Einen eingefleischten Mündelheimer verpflanzt man nicht“, das gilt auch für Drechsler selbst, der vor 67 Jahren im Stadtteil geboren wurde. Der Mündelheimer ist Realist: „Man kann nicht alles haben. Ländliche Umgebung und Busse im Zehn-Minuten-Takt, das geht einfach nicht.“ Doch im Großen und Ganzen, so sagt er, „geht’s uns gut hier. Man hat noch mehr Luft und Freiraum drumherum.“

Sauberkeit: „In Mündelheim kann man sich gar nicht erlauben, was in die Ecke zu schmeißen“

Gemeinschaftsgefühl (2,0): Viele Mündelheimer identifizieren sich mit ihrem Stadtteil. Und sie wollen es schön haben. 300 Freiwillige waren im September zur Stelle, um den Rheinbogen aufzuräumen. Das mag dazu beitragen, dass der Stadtteil in puncto Sauberkeit (2,3) so gut abschneidet. Mal abgesehen davon: „In Mündelheim kann man sich gar nicht erlauben, was in die Ecke zu schmeißen. Da kennt ja jeder jeden“, so Drechsler.

Dreckecken gibt es trotzdem, entlang der B 288 zum Beispiel. Aber die stammen, so die Vermutung, eher von Autofahrern von außerhalb.

Als Familie mit Kindern lebt es sich gut in Mündelheim, das mit 2,3 als kinderfreundlich eingestuft wird. Freiraum zum Spielen, Kitas, eine Grundschule, das alles ist vorhanden. Wobei es im letzten Jahr reichlich Ärger gab, nachdem zwölf Mündelheimer i-Dötzchen per Losverfahren in die Sermer Grundschule versetzt worden waren. Nach massivem Protest wurde ein Bustransfer für die Sechsjährigen organisiert. Wie es im nächsten Schuljahr aussieht, ist noch nicht sicher.

Sportverein oder Schützen: Für Jugendliche wird’s schwierig

Für Jugendliche, die nicht beim TuS Mündelheim sportlich aktiv sind, wird’s schwierig. Und in den Schützenverein will auch nicht jeder. „Da fehlt ein Treffpunkt“, so Drechsler. Andererseits sei die Jugend mobil. „Das ist ja nicht so wie bei uns damals. Als ich 16 war, bin ich kaum aus Mündelheim rausgekommen.“

Bei den Senioren (3,3) schneidet der Stadtteil nicht ganz so gut ab. Das mag mit dem Öffentlichen Nahverkehr, der medizinischen Versorgung und den Einkaufsmöglichkeiten zusammenhängen. Wer Glück hat, wird von seinen Kindern unterstützt. Ansonsten müsste man sich was überlegen, so Drechsler: Lieferdienste nutzen oder das ehrenamtliche Angebot zweier junger Frauen, die für Senioren einkaufen. Die Hochbetagten könnten allerdings vom Seniorenstift St. Sebastian profitieren, das einen guten Ruf genießt.

„Wir sind froh, dass wir einen Hausarzt haben“

Einkaufen (3,3). Es gibt es noch einen Netto-Markt, einen Bäcker und einen Metzger. Für Ältere, die auf der Kirchenseite wohnen, ist es allerdings beschwerlich, mit vollen Einkaufstaschen über die B-288-Brücke vom Discounter im Bonnefeld zurück zur Ortsmitte zu kommen. Damit der Metzger noch möglichst lange durchhält, bestellt der Bürgerverein seine kalten Platten grundsätzlich bei ihm. Ob das reicht? Denn: „Viele fahren ohnehin mit dem Auto zum Einkaufen zur Mündelheimer Straße oder nach Uerdingen und packen dort dann gleich alles ein“, weiß der Vorsitzende des Bürgervereins.

Die medizinische Versorgung (4,2) bekommt bei der Umfrage noch nicht einmal ein glattes Ausreichend. „Wahrscheinlich, weil’s keine Apotheke mehr gibt“, vermutet Drechsler. Der alte Apotheker ist in Ruhestand gegangen, dem Nachfolger habe der Umsatz wohl nicht gereicht. „Aber wir sind froh, dass wir einen Hausarzt, einen Zahnarzt und einen Physiotherapeuten haben.“

„Man kann nicht verlangen, dass der Bus hier alle zehn Minuten fährt“

Das Schlusslicht auf der Beliebtheitsskala bildet der Öffentliche Personennahverkehr: (4,6) – also fast schon mangelhaft. Ganz so düster beurteilt Drechsler die Lage nicht. „Man kann nicht allen Ernstes verlangen, dass der Bus hier alle zehn Minuten fährt“, sagt der Realist. Der Halb-Stunden-Takt ist in seinen Augen ok.

Wichtig sei die durchgehende Verbindung nach Uerdingen. „Dafür haben wir gekämpft. Nur weil das bisschen Wasser dazwischen fließt, kann man uns doch nicht zu einer Seite abschotten.“ Es hat geklappt. Die Mündelheimer Schüler des Uerdinger Gymnasiums Fabritianum fahren weiter mit dem 941er über den Rhein und ebenso diejenigen, die in Uerdingen zum Facharzt oder zum Einkaufen wollen. Als ärgerlich empfinden viele ÖPNV-Nutzer allerdings, dass sie neuerdings an der Haltestelle „Ehinger Berg“ umsteigen müssen, etwa um zum Friedhof zu kommen. Auch die Streckenführung durch den Bereich Korbmacherstraße/Am Seltenreich sei sehr ungünstig, weil viel zu eng.

Gastronomie (3,4). Wer Abends nett essen gehen will, muss ins Auto steigen oder sich mit der Pizzabude im Dorf zufrieden geben. Ein frisch gezapftes Bier bekommt man zum Glück immer noch in der Dorfkneipe Kreifelts. Im Hellen sieht’s besser aus: Tagsüber gibt’s das Café Backfé und in Richtung Wochenende das Bauerncafé am Ellerhof.

>> DIE POLITIKER VOR ORT BEMÜHEN SICH REDLICH, ABER OFT VERGEBLICH

• Die Begeisterung für die Lokalpolitik hält sich in Grenzen. Beim Stadtteilcheck wurde die Politik mit 3,4 bewertet. An den Politiker vor Ort könne es nicht liegen, sagt Klaus-Dieter Drechsler vom Bürgerverein: „Die bemühen sich redlich.“ Aber leider oftmals vergeblich.

• „Bei den wichtigen Großprojekten werden die Mündelheimer gar nicht gehört“, kritisiert der Mann, der seit Jahrzehnten für den B-288-Tunnel kämpft, damit der Stadtteil wieder zusammenwachsen kann: „Wie viele Stunden wir da schon verlabert haben, in der Zeit hätten wir die ganze Welt reparieren können.“

• Andere hätten wohl längst resigniert. Doch Drechsler ist hartnäckig. „Wir sind hier von der Industrie umzingelt und werden von Lkw erdrückt. Trotzdem heißt es immer, ein Tunnel ist viel zu teuer. Da spielen die 4000 Mündelheimer überhaupt keine Rolle. Ich sage: Denkt auch mal an uns!“

• Nicht nur die Verkehrsbelastung, auch die angedachte Auskiesung des Rheinbogens steht auf der Agenda des Bürgervereins. Der geplante Kiesabbau wird in Mündelheim massiv kritisiert.

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