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Mysterium Damenhandtasche: Feintäschner sucht Nachfolger

Walter Marciniak führt das Duisburger Familienunternehmen in dritter Generation. Doch nun will sich der 66-Jährige zurück ziehen.

Walter Marciniak führt das Duisburger Familienunternehmen in dritter Generation. Doch nun will sich der 66-Jährige zurück ziehen.

Foto: Foto: Oliver Müller / FUNKE Foto Services

Duisburg-Altstadt.  Koffer mit Extra-Böden oder das Mysterium Damenhandtasche: Der Duisburger Walter Marciniak hat keinen langweiligen Job. Nun sucht er Nachfolger.

Damenhandtaschen bleiben für Walter Marciniak auch nach mehr als 30 Jahren noch ein Mysterium. Seit 1923 gibt es das Familienunternehmen in Duisburg, das sich seit jeher auf Lederwaren spezialisiert hat. Nun sucht der 66-jährige Feintäschner einen Nachfolger für das Geschäft samt Werkstatt am Sonnenwall. Corona und auch die allgemeine Entwicklung der Einkaufsstraße haben dazu geführt, dass er sich in den Ruhestand verabschieden will.

Duisburger Feintäschner stellt auch Sonderanfertigungen her

Ursprünglich hatte Marciniak eine Ausbildung bei Horten gemacht, ging dann zur Bundeswehr und lernte dann Feintäschnerei. Früher wurden im Dellviertel noch Taschen made in Duisburg gefertigt. Heute übernimmt der Chef solche Aufträge nur noch, wenn’s um Spezialanfertigungen geht. Manchmal kommen ältere Damen mit abgeliebten Exemplaren früherer Jahrzehnte, die es so nicht mehr gibt. Dann stellt Marciniak gewissermaßen einen Zwilling her.

Für Musiker oder Geschäftsleute hat er auch schon Spezialkoffer entworfen. Letztere wollten zum Beispiel ein verstecktes Fach für Geldtransfers oder Waffen haben. „Die habe ich so gut wie nie zu Gesicht bekommen. Meist kamen sie mit einem Holzklotz, der die Maße der Knarre hatte.“ Hatte er nie moralische Bedenken? „Ob die Auftraggeber identisch mit den späteren Nutzer waren, weiß ich nicht. Die Leute waren in der Regel ausgesucht höflich und zahlten sofort in bar.“ Wenn er heute eine Damenhandtasche fertigt, kostet die zwischen 400 und 500 Euro.

Marciniak führt den Betrieb in dritter Generation. In den 1920er Jahren lieferte die Familie ihre Ware an Geschäfte der Region aus. Doch die Zeiten sind längst vorbei. Selbst namhafte Marken lassen überwiegend in China Produzieren. In seiner Werkstatt übernimmt er Reparaturen und Garantiearbeiten, zum Beispiel für Mandarina Duck. Wer sich im Keller des Ladens umschaut, kann angesichts der vielen Kisten kaum glauben, dass es nur noch ein Bruchteil der alten Werkstatt im Dellviertel ist. Dort hatte Marciniak viel Platz, bespannte auch Turngeräte neu. Doch die Miete wurde auf Dauer zu teuer, also zog nur ein Teil des Zubehörs mit zum Sonnenwall.

Frauen leisten sich Trend-Exemplare, Männer setzen auf Klassiker

In eben jenem Hinterhof kam vor Jahren übrigens auch der Mülheimer Designer Bernd Dörr vorbei. Er hat sich auf Taschen aus recyceltem Material spezialisiert. Die Kollektion Zirkeltraining besteht aus alten Turnmatten. „Ich wünschte, ich hätte seine Kreativität, dann wäre ich selbst auf die Idee gekommen“, sagt Marciniak. So vertreibt er nun Dörrs individuelle und limitierte Ware im Laden. „Zirkeltraining wird zu 80 Prozent von Sportlehrern gekauft“, verrät er.

Ein paar Stufen vom Verkaufsraum hinab, befindet sich die Werkstatt. „Hier kann man sich nicht verlaufen, bin hinten“, ruft der Chef fröhlich und greift zielsicher zu einem Fach mit so genannten Bockgriffen. Nach denen hatte ein Kunde gefragt. Das Zubehör stapelt sich bis unter die Decke: Reißverschlüsse in grau, braun oder schwarz, Schnallen in sämtlichen Variationen. Dazu: Leder, Knöpfe, Griffe. Bei teuren Koffern und Taschen lohnt sich oft eine Reparatur.

Frauen leisten sich übrigens auch mal Exemplare in Trendfarben wie gelb oder grün. Marciniak hat eine Marke im Programm, bei der das Preis-Leistungsverhältnis stimme, wie er sagt. „Wir sind nicht in Düsseldorf, wo reihenweise für 500 Euro Bogner-Taschen in Trendfarben gekauft werden.“ Die meisten, die etwas Geld anlegen, bevorzugen Klassiker, die sich zu vielen Outfits kombinieren lassen. Er selbst verstaut seine Habseligkeiten in einer „Feuerwear“, aus einem alten Schlauch. Die Geschäftsunterlagen stecken in einer alten Ledermappe, in der sich auch noch Lohnbücher aus den 1960er Jahren befinden. Arbeitsstunden und Salär sind notiert.

Marciniak hätte zwar ausbilden dürfen, doch Nachwuchs gibt es so gut wie keinen mehr. Die Ausbildung umfasst inzwischen auch die Sattelherstellung, dann muss man sich entscheiden, welche Richtung man einschlägt. Der Mündelheimer beschäftigt sieben Aushilfen auf 450 Euro Basis. Früher bummelte öfter Laufkundschaft über den Sonnenwall. „Von der Königsgalerie haben wir uns viel versprochen, aber da steht ja nun auch viel leer.“ Die meisten suchen das Fachgeschäft also gezielt auf. Aber es sind zu wenige. Deshalb sucht er einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin, die vielleicht eigene Schwerpunkte setzen und etwa Taschen mit Mode kombinieren möchte.

Bleibt noch das Mysterium Damen-Handtasche zu klären oder auch die Frage: Wieso ist es an deren Boden immer so krümelig? Die Antwort, warum Frau Taschentücher, Lippenstifte und Schminkutensilien, Riegel, Bücher, Blöcke, Kugelschreiber, Türenteiser oder Ersatz-Akkus ständig mit sich herumschleppen, hat sich ihm nicht erschlossen. Aber er blieb stets diskret: „Wenn mal wieder eine gefüllte Tasche zur Reparatur kam, habe ich die Dame angerufen und sie gebeten, die erstmal auszuräumen.“

Interessenten können sich im Laden vorstellen

Interessenten, die sich vorstellen könnten, das Fachgeschäft weiter zu führen, dürfen sich gerne bei Walter Marciniak zu Geschäftszeiten im Geschäft melden.

Die Mitarbeiterinnen haben teilweise schon andere Jobs in Aussicht. „Das war mir wichtig, wir hatten hier immer ein gutes Verhältnis miteinander.“

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