Interview

HKM-Arbeitsdirektor Peter Gasse ist jetzt in Rente

Peter Gasseund der Stahlkocher bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann: Eine Verbindung, die über das Erwerbsleben hinausreicht.

Foto: Christoph Wojtyczka

Peter Gasseund der Stahlkocher bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann: Eine Verbindung, die über das Erwerbsleben hinausreicht. Foto: Christoph Wojtyczka

Duisburg-Hüttenheim.   2016 endete das Berufsleben des HKM-Originals Peter Gasse. Wir haben mit ihm gesprochen: über Stahl, Schlacke und den Himmel über Duisburg.

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Nach einem halben Jahrhundert Berufsleben und zwölf Jahren als Arbeitsdirektor der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) verabschiedet sich Peter Gasse mit dem Jahr 2016 in den Ruhestand. Am Freitag räumt er sein Büro aus. Mit Peter Gasse sprach zu diesem Anlass WAZ-Redakteurin Monique de Cleur.

Was haben Sie uns denn da mitgebracht?

Peter Gasse: Die Tasche war jeden Tag dabei. Die hat mir meine verstorbene Frau mal zu einem Geburtstag geschenkt, ist bestimmt schon über 20 Jahre her. Da war drin Schlüsselbund, Terminkalender – ich bin ja noch Oldschool, mit Bleistift – mein Smartphone – aber nur zum Telefonieren und Whats­App schreiben – Autoschlüssel, Butterbrot. Jetzt ist sie ausgeräumt.

Hinter Gasse liegt ein halbes Jahrhundert Berufsleben

Sie haben ein halbes Jahrhundert Arbeitsleben hinter sich. Wie wird Ihr Ruhestand aussehen?

49 Jahre und vier Monate waren es. Keine Ahnung, ich muss das jetzt lernen. Ich bin total neugierig, wie ein Leben ohne Erwerbsarbeit aussieht.

Was haben Peter Gasse und Stahl gemeinsam?

‘Ne ganz hohe Vielfältigkeit. Wir haben 2800 Stahlsorten. Und ich hab’ keinen Job länger als zehn Jahre gemacht – doch, den jetzt, da bin ich zwei Jahre überfällig. Ich bin immerneugierig auf neue Sachen. Sie können zu mir nichts Schlimmeres sagen als ,bleib’ so, wie Du bist’ – das wäre Stillstand. Auch Stahl ist ein Werkstoff, der sich laufend verändert. Beim Auto sieht man das; beim Stahl nicht. 50 Prozent der Stahlsorten sind nicht älter als fünf Jahre.

Stahlkocher, Theater und Hermann Hesse – für Gasse kein Widerspruch

Und worin unterscheiden Sie sich?

Ich habe die Langlebigkeit einfach nicht. Stahl hält ja über 100 Jahre. Schauen Sie sich mal die wunderbare Rheinbrücke aus dem Duisburger Süden nach Krefeld an, die ist noch genietet. Es gibt doch nichts Schöneres, als da nachts drüber zu fahren, wenn sie illuminiert ist. Das ist, als wenn Sie in New York über den Hudson von einem Stadtteil in den anderen fahren.

Sie zitieren auch mal Hermann Hesse, sind Mitglied im Freundeskreis des Theaters Säule. Wie passt das zu einem Mann von der Hütte?

Ausgesprochen gut. Indem es beweist, dass Klischees eben nur Klischees sind.

Welche bleiben Ihre intensivsten Erinnerungen an HKM?

Mein Anfang mit einem völlig verkorksten Effizienzprogramm, wo Unternehmensberatungen meine schlimmsten Erwartungen übertroffen haben. Die wollten viel zu viel Personal abbauen – ich musste das massiv korrigieren. Und das Hin und Her mit dem Neubau der Kokerei nach 2010. Das war ein Ab- und Zusagen im Jahresrhythmus.

HKM engagiert sich in der Nachbarschaft

Der typische Nachbar hat ein Reihenhäuschen – wie kann ein Stahlwerk ein guter Nachbar sein?

Indem es der Wohnbevölkerung auf Augenhöhe begegnet und weiß, dass diese Veranstaltung im Duisburger Süden nur eine Zukunft hat mit dem Verständnis der Menschen. Dafür ist es wichtig, Kontakte zu pflegen. Das fängt bei unserer Spendenpolitik an, dass man die ohne öffentliches Aufsehen macht. Wenn Sie einem Nachbarn helfen, schreiben Sie das ja auch nicht in die Zeitung. Außerdem engagieren wir uns in der Nachbarschaft: Die Kugel vor Milser ist von uns, die Aussichtsplattform an der Rheinuferpromenade haben wir installiert. Damit die Rheinlustterrassen wieder öffnen konnten, haben wir die Treppe gebaut – die hatte so merkwürdige Abmessungen, die können Sie nicht im Katalog kaufen.

Der rote Himmel überm Ruhrgebiet – so sieht Heimat aus

Kohle und Stahl sind Herz und Seele des Ruhrgebiets – stimmt das heute noch?

Nein. Es ist ein Teil des Ruhrgebiets. 2018 ist Schluss mit Kohleabbau, dann bleibt der Stahl über. Er ist ein Nukleus für eine starke Metallindustrie. Diese Werkstoffverbünde, die industrielle Arbeit: Das ist das Ruhrgebiet. Und Europa hat ohne industrielle Arbeit keine Chance. Wir werden nicht nur von der Wissens- und Informationsgesellschaft leben können.

Wenn der Himmel über Duisburg mal wieder orangefarben glüht – denken Sie dann zurück an den Job?

Das ist, wenn die Schlacke abgekippt wird. Damit bin ich groß geworden. Ich wohn’ immer noch in ‘ner Kolonie, da bleib’ ich auch wohnen. Da leg’ ich sehr viel Wert drauf. Früher haben meine Eltern dann immer gesagt: ,Die Englein backen.’ Wenn der Himmel so aussieht, dann fühl’ ich mich zu Hause.

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