Familie

Hilfe für erschöpfte Eltern in der Schrei-Ambulanz

Schreien ist die einzige Möglichkeit, die ein Baby hat, um sich verständlich zu machen.Doch was ist zu tun, wenn das Baby gar nicht mehr aufhört, zu  schreien?

Foto: Thomas Nitsche

Schreien ist die einzige Möglichkeit, die ein Baby hat, um sich verständlich zu machen.Doch was ist zu tun, wenn das Baby gar nicht mehr aufhört, zu schreien? Foto: Thomas Nitsche

Duisburg - Huckingen.  Psychologe weiß Rat: Man muss das Baby lesen lernen. Fachmann übt mit den Eltern, auf die Signale des Säuglings zu achten. Keine Reizüberflutung

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Babys sind niedlich. Aber manchmal auch ganz schön anstrengend. Rein statistisch schreien Säuglinge im Alter von zwölf Wochen drei Stunden am Tag. Und manchmal noch mehr. Gero Hufendiek von der Schrei-Ambulanz im Sozialpädiatrischen Zentrum des St. Anna Krankenhauses versucht Eltern, die nach vielen schlaflosen Nächten erschöpft und ratlos sind, zu helfen. Oftmals mit Erfolg.

„Man muss die Babys lesen lernen“, sagt Hufendiek, Psychologe und zudem zweifacher Vater. „Ein Kind einfach schreien zu lassen, ist grundfalsch,“ erklärt der Fachmann. Säuglinge schreien ohne böse Hintergedanken. Sie wollen ihre Eltern nicht tyrannisieren. „Schreien ist die einzige Möglichkeit, die ein Baby hat, um sich verständlich zu machen“, so Hufendiek.

Was will mir das Baby damit sagen?

Doch was will das Baby gerade mitteilen – Hunger, Unmut über eine volle Windel,Verdauungsprobleme? Und wenn all‘ diese berechtigten Bedürfnisse befriedigt sind, warum lässt sich das Kind trotzdem nicht beruhigen?

Zunächst muss geklärt werden, dass keine organischen Ursachen vorliegen. Das übernimmt der Kinderarzt. Ist medizinisch alles in Ordnung, kann der Arzt eine Überweisung für die Schrei-Ambulanz ausschreiben. Dann übernimmt Gero Hufendiek. Er versucht die angespannte Situation zu analysieren. Dazu gehört, die Eltern für die Signale des Babys zu sensibilisieren. „Wenn das Baby sich die Augen reibt oder die Faust in den Mund steckt, können das Anzeichen von Müdigkeit sein“, so der Psychologe. Außerdem üben Eltern in der Schreiambulanz ganz konkret Techniken ein, die das Kind beruhigen sollen.

„Es geht darum, eine gute Grundlage für die Eltern-Kind-Beziehung zu schaffen“, so Hufendiek. Denn sind Eltern am Ende ihrer Kräfte, kann es sogar gefährlich werden. Es passiert immer wieder, dass Väter oder Mütter im Impuls ihr Kind heftig durchschütteln und ihm damit körperlich schaden. Außerdem ist erwiesen, dass Schreibbabys stärker von ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom) betroffen sind.

Eltern füllen Stundenplan aus

„Das Schöne an meiner Arbeit ist, dass man oft mit ein paar Stunden große Erfolge erzielen kann“, sagt Hufendiek. Er hatte nach seiner Ausbildung zum Psychologen ein Stipendium des Kinderarztzentrums München bekommen und sich in diesem Bereich fortgebildet.

Als er die Einrichtung einer Schreiambulanz im Sozialpädiatrischen Zentrum am St. Anna Krankenhaus vorschlug, war man dort von der Idee schnell überzeugt. Eine solche Einrichtung gab es in Duisburg noch nicht, sie ist bis heute die einzige in der Stadt.

Den Eltern, die zu ihm kommen, gibt er einen Stundenplan mit. Darin sollen sie die Schlaf- und Wachphasen notieren, die Mahlzeiten und die Zeiten, in denen das Baby schreit. Der Plan hilft, den Überblick zu behalten.

>>So kann man Babys beruhigen

Was kann man tun, um ein Baby zu beruhigen? Gero Hufendiek von der Schrei-Ambulanz gibt Tipps: „Es ist ratsam, Babys nach einer Stunde oder eineinhalb Stunden Wachsein, langsam wieder zur Ruhe zu bringen“, sagt der Experte. Also keine weiteren Anreize schaffen. Denn ist das Baby erst einmal übermüdet, kommt es viel schwieriger in den Schlaf.

Die meisten Kinder reagieren auf sanftes Schaukeln, Singen und Streicheln. „Das klappt nicht sofort, manchmal erst nach zehn oder 15 Minuten. Die Zeit muss man durchhalten.“ Auch das übt der Psychologe mit den Eltern, die zu ihm kommen, ein. Sie empfinden eine Viertelstunde Dauergeschrei oft wie zwei Stunden.

Eltern sollten sich entspannen

Besonders der späte Nachmittag ist oft problematisch. Das Baby muss die Eindrücke des Tages verarbeiten. Hufendiek rät in dieser Phase zu Spaziergängen. Von der manchmal praktizierten Methode, Kinder im Auto durch die Gegend zu fahren, hält er nichts.

Ihm geht es nicht nur um die Babys, sondern auch um das Befinden der Eltern. „Oft setzen sich Frauen selbst unter enormen Druck. Sie wollen alles perfekt machen. Wenn das nicht klappt und die Unterstützung vom Partner fehlt, entwickelt sich ein negatives Selbstwertgefühl.“ Doch es sei wichtig, dass sich auch die Eltern entspannen. „Bei dem einen geht das am besten beim Sport, beim anderen durch Autogenes Training“, so der Psychologe.

Nach der zwölften Woche schreien die meisten Babys weniger

Finden Eltern in der Schrei-Ambulanz keine Hilfe, kann Hufendiek weitere Tipps geben, etwa zur Vermittlung einer Familien-Hebamme oder bei sehr gravierenden Regulationsstörungen, so der Fachjargon, ein stationäres Schlaftraining.

Übrigens, ein Trost für junge Eltern: Nach der zwölften Woche, wenn die schlimmsten Koliken überstanden sind, schreien die meisten Säuglinge weniger.

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