Integration

Flüchtlingsklasse bekommt besondere Unterrichtsstunde

Marijana (vorne) bestückt ihren Weckmann mit Mandeln – ihre Klassenkameraden formen  die Teigrohlinge und bereiten sie fürs große Backen vor.

Foto: Tanja Pickartz

Marijana (vorne) bestückt ihren Weckmann mit Mandeln – ihre Klassenkameraden formen die Teigrohlinge und bereiten sie fürs große Backen vor.

Duisburg-Großenbaum.   Eine Flüchtlingsvorbereitungsklasse der Realschule Süd bekam Einblick in die Arbeitswelt bei der Bäckerei Bolten. Es ging um mehr als Weckmänner

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Oh, wie schön das hier duftet – so süßlich, ein bisschen herb, diese eine Backstube. Und zwischendurch stimmt Pia Kutschera „In der Weihnachtsbäckerei“ an. Gesungen wird viel, überhaupt ist das Singen ganz wichtig – beim Deutschlernen. In der großen Backstube der Bäckerei Bolten in Großenbaum hat heute die Weihnachtsbäckerei geöffnet, für 22 Jugendliche der Flüchtlingsvorbereitungsklasse (VK-Klasse) der Realschule Süd.

Dabei geht es um so viel mehr als das weihnachtliche Backen: Es ist vor allem der Einblick in die deutsche Berufswelt und die Förderung von Sprache und Kreativität. Die Lehrerin Wanda Tarnozek ist die Leiterin der VK-Klasse und sie sagt: „Wir holen die Kinder von dort ab, wo sie stehen. Wir unterrichten nicht frontal, sondern in einer Kombination aus Theorie und Praxis.“

Die Jugendlichen lernen nicht nur Deutsch

Ganz wichtig dabei: Die Kinder und Jugendlichen aus Ländern wie Syrien, Afghanistan, Irak, aus Mazedonien oder Bulgarien lernen nicht nur zwei Jahre lang Deutsch, sondern werden auch in Mathematik und Englisch geschult. Die Individualität eines jeden Einzelnen steht im Vordergrund, vielmehr die individuellen Fähigkeiten von Lelav, Nigin, Halla, Khalil und all den anderen.

Die 14- bis 17-Jährigen sind an diesem Morgen, in der duftenden Backstube konzentriert, backen, formen, gestalten – Weckmänner. Sie sind aber auch: neugierig, wissbegierig, ehrgeizig, haben Großes vor, selbst beim Backen.

Den Schülern wird Berufsorientierung geboten

„Wir vernetzen die Kinder nach ihren kognitiven Möglichkeiten, jeder bekommt Anschluss“, erklärt Wanda Tarnozek weiter. Das gelingt vor allem durch die Kombination von Theorie und Praxis, mithilfe von Besuchen anderer Firmen und eben der Bäckerei Bolten. „Wir wollen auch Berufsorientierung bieten“, sagt die Lehrerin.

Und sie ist auch ein bisschen stolz, denn: Die Hälfte der Jugendlichen der VK-Klassen ist bereits in einer Regelklasse untergebracht, lebt einen ganz normalen deutschen Schulalltag. Das Konzept der Realschule Süd, es ist auch das Konzept von Wanda Tarnozek, und läuft seit sechs Jahren: Es ist ein erfolgreiches.

Ihre Kollegin Pia Kutschera nutzt für genau dieses Konzept ein passendes Bild: „Es ist wie ein pulsierendes Herz, immer wieder findet Bewegung statt, immer wieder ein Austausch.“ In kognitiven Lerngruppen treffen sie sich immer wieder, neun sind es insgesamt. Die Bilanz: 40 Prozent der Kinder erlangen einen Real- oder Hauptschulabschluss.

Nigin aus dem Irak will Jura studieren

Nigin aus dem Irak will noch weiter machen: Sie strahlt, wenn man sie fragt, was sie später einmal machen möchte: „Jura studieren“. Lelav und Halla wollen beide Lehrerin werden. Die Jungs Khalil und Dzhengis zieht es mehr in die praktischen Berufe. Dzhengis will Kfz-Mechaniker werden. Khalil nimmt es sportlich: Er sieht sich als Fußballprofi.

Ob sie denn nicht Bäcker werden wollen? Nein, wahrscheinlich nicht. Was sie aber mitnehmen, ist die Idee von Weihnachten. Einem Fest, das sie alle so schön finden. Die Religion, sie spielt keine Rolle, bei der Vermittlung der wichtigsten Weihnachts-Gedanken: „Letztendlich geht es bei diesem Fest doch um Liebe und Respekt“, sagt Wanda Tarnozek.

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