Religion

Experte stuft die Duisburger Wera-Gemeinde als Sekte ein

Andrew Schäfer ist Landespfarrer der evangelischen Kirche im Rheinland. Seit den 1980er Jahren befasst er sich mit dem Thema Sekte. Jedes Jahr berät er hunderte Menschen, die in Sektenfragen Beratung suchen.

Andrew Schäfer ist Landespfarrer der evangelischen Kirche im Rheinland. Seit den 1980er Jahren befasst er sich mit dem Thema Sekte. Jedes Jahr berät er hunderte Menschen, die in Sektenfragen Beratung suchen.

Foto: Monique de Cleur

Düsseldorf/Duisburg-Süd.   Nach den Vorwürfen vieler Aussteiger aus der Wera-Gemeinde sprechen wir mit einem Experten. Er stuft Wera als Sekte ein – mit diesen Argumenten.

Die Tür zu Andrew Schäfers Büro ist schalldicht. Was dahinter besprochen wird, dafür muss der Landespfarrer Vertraulichkeit garantieren können: Denn hier vertrauen sich dem Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche im Rheinland Menschen an, die aus ihrer Vereinigung ausgetreten sind oder ausgestoßen wurden. Sie erzählen von Problemen und oft auch von Angst: Angst, dass sie von ihrer ehemaligen Gemeinde unter Druck gesetzt werden.

Was ist eine Sekte?

Andrew Schäfer: Ursprünglich beschreibt der Begriff eine religiöse Gemeinschaft, die sich in entscheidenden Aspekten der Lehre von der Hauptgemeinschaft unterscheidet. Man streitet heftig über den Glauben, und es kommt zur Trennung. Solche Spaltungsprozesse gehen meist mit Konflikten einher: Es geht um die Wahrheit. Heute ist der Sekten-Begriff ethisch aufgeladen: Eine Sekte ist das, was vom ethischen Normalkonsens abweicht. Das erscheint vielen problematisch. Der Sektenbegriff ist ein polemischer Kampfbegriff. Er ist nicht reflektiert, er wird irgendwie benutzt. Für eine konstruktive Auseinandersetzung ist er häufig nicht geeignet.

Diese Hauptkriterien definieren eine Sekte

Versuchen wir, den Begriff zu definieren. Was sind die Hauptkriterien?

- Es gibt asymmetrische Beziehungsstrukturen: Es wird einseitig von oben nach unten kommuniziert, Zweifel ist nicht erlaubt und wird geahndet – während wir als Evangelische Kirche sagen: Zweifel ist notwendig, um überhaupt glauben zu können.

- Die Machtverhältnisse verlaufen von oben nach unten. In der Wera-Gemeinde dürfen die Anordnungen des Pastors nicht hinterfragt werden. In der Evangelischen Kirche hingegen ist die Macht immer begrenzt: Es gibt Gremien, die diskutieren, streiten, entscheiden. Es gibt immer eine Kontrolle über die, die Macht haben. Wenn diese Kontrolle fehlt, wird es problematisch.

- Schwarz-Weiß-Denken: Wir sind die Guten, die anderen die Bösen; hier Gott, dort der Teufel. Bei der Wera-Gemeinde wird Kritik von außerhalb als teuflischer Einfluss, Lüge oder Missverständnis dargestellt. Dieses Schwarz-Weiß-Denken ist attraktiv, weil die Komplexität der unübersichtlichen Welt dadurch reduziert wird. Das schafft Orientierung: Ich weiß immer, was richtig ist und was falsch. Der Nachteil ist: Das führt immer auch zu nicht mehr alltagstauglichen Lebenskonzepten und kann gefährlich werden:. Wenn ich zum Beispiel glaube, dass Krankheiten von Dämonen ausgelöst werden, verzichte ich möglicherweise auf notwendige medizinische Behandlung. Das kann mich mein Leben kosten.

- Exklusivitätsanspruch und Abschottung: Oft wird versucht, Menschen aus ihren Freundeskreisen und der Familie herauszulösen und in die Gemeinde zu ziehen, das komplette Leben zu bestimmen. Dadurch werte ich andere ab.

- Eine sehr dominante Führungsperson, die emotional und psychisch davon lebt, dass es Personen gibt, die sich ihr unterordnen. Dabei kommt es darauf an: Wie wird diese Person kontrolliert? In einer Sekte wird sie das nicht.

Sekten-Experte: Diese Kriterien treffen auf Wera zu

Treffen diese Kriterien auf die Wera-Gemeinde zu?

Nach meiner Überzeugung treffen sie alle auf die Wera-Gemeinde zu.

Warum sind Sekten gefährlich?

Sekten sind nicht grundsätzlich gefährlich. Sie sind per se nicht zu verurteilen. Die Frage ist: Gibt es im konkreten Fall eine strukturelle Konfliktträchtigkeit? Und aus Sicht der Kirchen: Gibt es eine Lehrmeinung, die vom ökumenischen Konsens in Glaubensfragen abweicht?

Wann wird es gefährlich?

Wenn es eine strukturelle Konfliktträchtigkeit gibt: Es gibt zum Beispiel bei den Zeugen Jehovas das Prinzip des „Gemeinschaftsentzugs“ für Zweifler oder Abweichler. Das bedeutet, dass Sie bei Kritik ausgeschlossen und völlig isoliert werden, selbst von der eigenen Familie. Das soll Sie gefügig machen. Aber es gibt Leute, die dadurch krank werden. Die daran zerbrechen. Auch bei Wera gibt es Versuche, Kontakte bis in den engsten Freundeskreis zu unterbinden. Aber es gibt auch Leute, die zu Wera gehen und denen es gut geht.

Fast jeder Mensch ist für Sekten erreichbar

Was für Menschen zieht es in Sekten?

Fast jeder Mensch ist für solche Strukturen ansprechbar, wenn er ein Problem hat, zum Beispiel Krankheit, Trennung, Arbeitslosigkeit, das er nicht lösen kann. Er öffnet sich für neue Lösungswege, egal, wer sie anbietet. Dann kann es sein, dass eine Bindung entsteht, die in eine Abhängigkeit führt. Sekten ziehen Menschen an, die Orientierung suchen. Bei Wera schafft die Bindung an die Person Epps als dominante und autoritäre Führungsfigur Orientierung. Deshalb bedarf es einer besonders verantwortungsvollen Nutzung solcher Autorität und einer wirksamen Kontrolle. Solche Autorität ist eben nicht gottgegeben, sondern vom Menschen und der Gemeinde nur geliehen.

Wie einfach kommt man rein . . .

Die prüfen schon, ob jemand zu ihnen passt. Man wird eingeführt in die Glaubenslehre. Bei der Wera-Gemeinde werden viele reingeboren, aber es gibt auch starke Aktivitäten, neue Mitglieder zu gewinnen.

Deshalb ist ein Ausstieg aus einer Sekte schwierig

. . . und wie schwierig wieder raus?

Es sind persönliche Beziehungen entstanden. Sie sind eine Möglichkeit, Leute zu binden und unter Druck zu setzen. Es wird vielleicht nicht offen mit Ausschluss und dem Verlust wichtiger Menschen gedroht, aber jeder weiß, dass das die Konsequenz ist. Der Einzelne muss das in kauf nehmen. Beim aktuellen Fall der Wera-Gemeinde ist das anders: Es leidet nicht ein Einzelner, sondern die 80 Ausgetretenen. Wenn ein Einzelner austritt, ist die Kritik mit dem Austritt erledigt. Diesmal nicht: Die Aussteiger stützen sich gegenseitig.

Die Wera-Gemeinde argumentiert: Sportvereine, Kirchen, Job – das funktioniere auch wie Sekten: Auch dort gibt es Ärger, wenn ein Mitglied einfach nicht erscheint.

Es geht nicht um ganz normale Regeln wie in einem Sportverein. Ich habe selber fünf Jahre Leistungssport gemacht, aber so etwas habe ich nicht erlebt. Der Sportverein ist ein Teil meines Lebens. Die Wera-Gemeinde nimmt nach übereinstimmenden Berichten einen immer totaleren Teil des Lebens ihrer Mitglieder ein.

Warum funktioniert ein System aus Druck und Überwachung; warum steigen die Menschen nicht einfach aus?

Es funktioniert, weil es jemand will und jemand mit sich machen lässt. Zuerst entsteht Vertrauen und eine Bindung, die später missbraucht wird. Je länger und totaler man dabei ist, desto größer ist der Preis des Gehens. Aber wenn der Leidensdruck zunimmt, dann ist irgendwann Schluss.

<<< SEIT 30 JAHREN EXPERTE FÜR SEKTEN

  • Seit den 1980er Jahren beschäftigt Andrew Schäfer sich mit dem Thema Sekte. Als Landespfarrer ist es seit 2002 seine Aufgabe – Vollzeit.
  • Seit dem Jahr 2002 ist er in diesem Rahmen auch mit Alexander Epp beschäftigt, dem Chef der Wera-Gemeinde. Mit ihm selber hat er zweimal gesprochen: 2005 und 2008.
  • Etwa 500 Menschen pro Jahr melden sich bei ihm zu Beratungsgesprächen. Meistens handelt es sich bei den Ratsuchenden um Ausgetretene oder Ausgeschlossene. Manche von ihnen begleitet er über mehrere Jahre.
  • In seinem Einzugsbereich existieren seiner Schätzung nach 600 bis 700 Gruppen mit Sektenstrukturen.
  • Kontakt zu Andrew Schäfer gibt es unter 0211/36 10 252 oder per E-Mail an info@sektenfragen.de
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