Theater

Duisburger Spurensuche in den heiligen Krieg

Aufmerksam

Foto: Stephan Eickershoff

Aufmerksam Foto: Stephan Eickershoff

Duisburg-Huckingen.   Das Theaterstück „Dschihad One-Way“ am Bertolt-Brecht-Berufskolleg in Huckingen fragt, warum Jugendliche aus Deutschland zu Islamisten werden.

„Die hassen Amerika und den Westen und trinken Pepsi-Cola“, sagt der verzweifelte Vater und redet sich im Anschluss an die Pressekonferenz in Rage. Den Tisch hat er bereits umgeschmissen, jetzt lacht er hysterisch. „Die verstehen nicht, dass der Dialog vorbei ist“, schreit er. Der emotionslose Pressesprecher, der oberlehrerhafte Bürgermeister, die Bundesbeamtin, sie alle dreschen hohle Phrasen und weisen die Schuld von sich, dass Lukas D. nach Syrien gereist ist, in ein Ausbildungslager der Terrormiliz Islamischer Staat, um das Morden zu lernen. Im Dschihad ist er vielleicht bereits umgekommen.

Die Geschichte von Lukas ist allerdings erfunden, sie gehört zum Theaterstück Dschihad One-Way. Schauspieler Philipp Brammer führt es am Freitagmorgen vor Schülern des Bertolt-Brecht-Berufskollegs auf und nähert sich damit der Frage, wie Jugendliche aus deutschen, spießigen Kleinstädten zu Islamisten werden. Brammer schlüpft bei seinen Monologen in alle Rollen. Erzählt wird die einstündige Geschichte mit mehreren echten Vorbildern aus Sicht des Vaters. Hilflos hat dieser mit ansehen müssen, wie sein Sohn zum Dschihadisten wurde. „Wir dürfen Lukas nicht aufgeben“, sagt er und appelliert an dessen Freunde, ihm Mails zu schreiben und SMS, um ihn zurückzuholen.

Dass die Behörden den Fall nur noch als Warnung an andere sehen, erzürnt ihn. Ebenso ein Video aus Syrien, in dem Lukas seine neue Weltsicht darlegt. „Ich will keine Videobotschaft“, ruft er, „nichts kann uns trösten.“ Er ist verzweifelt und das zeigt sich am deutlichsten, als er sich plötzlich einen Bombengürtel umschnallt und hofft, Lukas als „cooler Dschihad-Dad“ zur Rückreise zu bewegen. Dieser überzeichnete Versuch wirkt absurd, denn Brammer tanzt vor Häschenbildern zu Gloria Gaynors „I Will Survive“.

Dennoch bleibt der Wunsch nach einem Happy End, und so stellt er sich vor wie Lukas – jetzt ebenfalls verkörpert durch den Schauspieler – als Aussteiger dem Islamischen Staat entkommt.

Die Berufsschüler sind beeindruckt von dem Theaterstück, das unter anderem durch Videos echter Dschihadisten wie dem Salafisten Denis Cuspert unterstützt wird, diskutieren aber im Anschluss offen mit dem Autor und Regisseur Bernd Plöger. Warum schließen sich Jugendliche dem Islamischen Staat an? Warum schlagen sie sich zu Ausbildungslagern in Syrien durch? „Jemand erklärt dir die Welt ganz einfach. Wenn er dich damit zum Zweifeln bringt, dann hat er dich“, sagt ein Schüler. Dem stimmt Plöger zu: „Wenn die Welt einfach wird, müssen wir aufpassen. Denn die Welt ist kompliziert.“

Bloß Kanonenfutter für den IS

Andere Jugendliche und junge Erwachsene in Huckingen vermuten, dass viele der IS-Propaganda glauben, dann mit falschen Vorstellungen in den Krieg ziehen, aber nicht mehr zurückgelassen werden. Wenn sie merken, dass sie nur Kanonenfutter sind oder als junge Frauen an Dschihadisten zwangsverheiratet werden sollen, ist es zu spät. Eine Handvoll der Zuschauer bleibt auch nach der Diskussionsrunde und sucht das Gespräch mit Bernd Plöger, der deutliche Parallelen zwischen Dschihadisten und Neonazis aufzeigt.

Viele Berufsschüler scheinen durch das Stück nun erkannt zu haben, dass potenzielle IS-Rekruten nicht nur aus Migrantenfamilien und schwierigen Verhältnissen kommen, sondern von überall her, auch aus christlichen, spießigen Kleinstadtfamilien.

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