Heimatliebe

Duisburg-Serm: Der Stadtteil, den es offiziell nicht gibt

Lokalpatriotismus wird in Duisburg-Serm groß geschrieben. Umso unverständlicher ist es für viele Sermer, dass Serm kein eigener Stadtteil ist, sondern offiziell zu Mündelheim gehört.

Lokalpatriotismus wird in Duisburg-Serm groß geschrieben. Umso unverständlicher ist es für viele Sermer, dass Serm kein eigener Stadtteil ist, sondern offiziell zu Mündelheim gehört.

Foto: Christoph Wojtyczka / FUNKE Foto Services

Duisburg-Serm.  Als Stadtteil gibt es Serm in Duisburg offiziell nicht: Es ist Teil von Mündelheim. Dabei pflegen Serm und Mündelheim ihre Rivalität – mit Humor.

Sie haben ein Nationalgericht, dabei sind sie noch nicht einmal ein Stadtteil – und können das kaum glauben: die Sermer. Die Grenzen der Stadtteile folgen den Regeln der Bürokratie, nicht dem Gefühl des Lokalpatriotismus. Und so, welch’ Schmach, ist Serm nicht nur kein eigener Stadtteil, sondern offiziell ein Teil von Mündelheim. Doch auch wenn es auf offiziellen Stadtkarten nicht als Stadtteil verzeichnet ist: Serm gibt es. Und wie!

Da sind die St. Sebastianus Schützen, deren Sprecher Hans Eck ist. Kein waschechter Sermer theoretisch, sondern gebürtiger Bochumer, aber egal, in Serm integrieren sie auch Zugezogene. Längst ist Hans Eck so viel Sermer wie nur geht. So viel Sermer, dass er alte Geschichten kennt wie diese: „Früher durfte kein Mündelheimer Mädel mit einem Sermer gehen.“

Duisburg-Serm und -Mündelheim: von intensiver Abneigung zu liebevoller Rivalität

Geschichten, wie sie auch Rainer Kreh erzählen kann, der Vorsitzende des Sermer Bürgervereins: „Als mein Schwiegervater Kind war, haben sich Mündelheimer und Sermer auf der Straße geprügelt.“ Inzwischen ist aus der intensiven gegenseitigen Abneigung eine liebevolle Rivalität geworden. „Wir leben diese Fehde, das macht Spaß, sich gegenseitig zu foppen“, sagt Kreh.

Längst können beide Dörfer über die Nickeligkeiten des anderen lachen: die Sermer über die Erklärung der Mündelheimer, Serm sei doch nur Abkürzung für „Soziale Einrichtung reicher Mündelheimer“; die Mündelheimer über den Spruch, einmal im Jahr, zu Karneval, zeige Mündelheim seine wahre Funktion: als Parkplatz von Serm.

Überhaupt, der Karneval, die KG Südstern Serm. Einen Tag früher schon als in Duisburg zieht durch Serm der Karnevalszug, jedes Jahr feiern tausende Jecken mit. Es ist der zweitgrößte Karnevalszug der Stadt; nur der Rosenmontagszug in der Innenstadt ist größer. Das, was ihn ausmacht, verdankt er auch den Sermern: Hier entstehen nicht nur Karnevalswagen für den dörflichen Sonntagszug, sondern auch einige der Mottowagen für den städtischen Nachzügler am Rosenmontag. Mündelheim hat übrigens keinen eigenen Zug. Aber die Sermer Integrationsfähigkeit kennt auch beim Jeckentum keine Grenze: „Wir hatten auch schon einen Mündelheimer Prinzen“, gesteht Rainer Kreh.

Die Sermer sind ein verschworener Haufen – auch als nicht-Stadtteil von Duisburg

Schützen und Südsterne: Kaum ein Sermer, der nicht Mitglied zumindest in einem der beiden Vereine ist. „Serm ist wirklich eine Einheit“, sagt Hans Eck. Als die katholische Kirche ankündigte, fast die Hälfte ihrer Gotteshäuser im Duisburger Süden zu schließen, ergaben sich die offiziellen Stadtteile klaglos. Serm, der Nicht-Stadtteil, nicht: „Da kommen auch Leute, die evangelisch sind oder gar nicht in der Kirche und sagen, wir müssen die Kirche erhalten“, erzählt Hans Eck. Die Sermer, sie brauchen die katholische Kirche nicht, um ihre Kirche im Dorf zu lassen.

Ein verschworener Haufen sind sie, Stadtteil hin oder her. Wobei Rainer Kreh wenig Verständnis dafür zeigt, dass Serm nicht als eigener Stadtteil gilt. „Die Sermer fühlen sich als Sermer“, betont er. Und ganz bestimmt nicht als Mündelheimer.

Viele Sermer wissen nicht, dass ihr Dorf kein Duisburger Stadtteil ist

Hans Eck sieht das gelassener. „Wir stehen da drüber“, sagt er. „Wir sind so stark, dass das für uns kein Thema ist.“ Wie sehr das kein Thema ist, bekam auch die Redaktion zu spüren, als im Stadtteil-Check zwar Mündelheim aufgeführt wurde, aber nicht Serm: „Serm fehlt!“, so lauteten zahlreiche entrüstete Anrufe und Zuschriften. Unsere Erklärung, Serm sei nun kein offizieller Stadtteil, überzeugte die Sermer nicht. Mündelheim bewerten statt des Dorfs entlang der Dorfstraße? Geht gar nicht.

Gar nicht geht in Serm ansonsten nur eins nicht: einkaufen. Tröstlich für die Dorfbewohner: Im offiziellen Stadtteil nebenan sieht es damit auch nicht besser aus. Und so haben Sermer und Mündelheimer eins gemeinsam: Zum Shoppen müssen sie raus aus ihren Vierteln.

Der Sermer Lokalpatriotismus, er mag keinen Platz finden in der Gebietsgliederung der Stadtverwaltung und folglich nicht in Statistiken. Serm fehlt hier. Aber fest steht auch: Ohne Serm würde der Stadt ein besonders charmantes Stückchen Duisburg fehlen.

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