Serie zur Inklusion

Stolz in Meiderich auf den ersten inklusiven Jahrgang

Gesamtschule Meiderich hatte sich als eine der ersten für das Konzept entschieden. Neben Erfolgen sieht die Schulleitung auch Herausforderungen.

„Wir haben uns 2011 freiwillig als eine der ersten Schulen in Duisburg für das Konzept der Inklusion entschieden.“ Bernd Beckmann, Schulleiter der Gesamtschule Duisburg-Meiderich, blickt entschlossen zu seinem Kollegen Gunnar Risch und beide nicken. Den ernsten Gesichtern ist das „aber“ schon anzusehen. Ein „aber“, das nichts mit der Grundidee der Inklusion zu tun hat. Es ist ein „aber“ aus der momentanen Praxis.

„Wir sind sehr stolz auf den ersten Inklusionsjahrgang, den wir die kompletten fünf Jahre begleitet und in diesem Sommer verabschiedet haben“, erklärt Beckmann. Kollege Risch teilt seinen Stolz. Er ist Sonderpädagoge und hat sich vor sechs Jahren freiwillig dafür entschieden, hier mit den Kindern mit besonderem pädagogischen Betreuungsbedarf zu arbeiten.

Jugendliche mit Inklusionsbedarf haben oft eine Lehr- oder Ausbildungsstelle

Das ist ungewöhnlich, denn viele Kollegen verlassen die Förderschulen, die es nach wie vor in Duisburg gibt, äußerst ungern. Oft entscheide das Los, wer an die Regelschulen muss.

„Die Jugendlichen mit Inklusionsbedarf, die jetzt ihren Abschluss gemacht haben, haben teilweise schon eine Lehr- oder Ausbildungsstelle. Hier hilft die Agentur für Arbeit kräftig mit, das ist super“, erklärt Risch. So läuft Inklusion zufriedenstellend für Lehrer, Eltern und Schüler. Was ist nun mit dem „aber“, das so unheilschwer in der Luft schwebt?

Zahlen haben sich verdreifacht

Bernd Beckmann ist niemand, der Missstände um des lieben Friedens willen verschweigt: „Das große Aber liegt eindeutig in der hohen Anzahl der Kinder mit Inklusionsbedarf. Oder umgekehrt ausgedrückt an viel zu wenig Sonderpädagogen auf dem Markt, um das so umzusetzen, wie es sein muss.“

Zu Beginn des Projekts waren maximal fünf Integrationskinder in der Klasse eines Jahrgangs integriert.Voraussetzung dafür war, dass die Klassenstärke reduziert wurde, Unterricht fand in Doppelbesetzung von Fachlehrer und Sonderpädagoge statt und ein Integrationshelfer stand mit Rat und Tat zur Seite.

Mittlerweile haben die Zahlen sich pro Jahrgang verdreifacht - bei den Förderschülern. Das Personal ist gleich geblieben. Zwei Sonderpädagogen sind zurzeit verantwortlich für 76 Förderkinder und obendrein für die Ausbildung von drei Anwärtern. „Meiderich erlebt momentan einen enormen demographischen Zuzug.

Schulleitung glaubt an Inklusion

Zusätzlich führen wir 54 Flüchtlingskinder, die ebenfalls im Zuge des Einsteigerunterrichtes besonders beschult und integriert werden müssen. Wir haben also Klassenstärken von bis zu 33 Kindern. Unter diesen Bedingungen geht die Inklusion mit ihren ganz spezifischen Anforderungen in der allgemeinen Gemengelage unter und führt zu Überlastungen, die alle frustriert“, so Beckmann.

Nicht zu vergessen ist hier die Tatsache, dass es sich bei den Meidericher Inklusionskindern nicht um körperlich behinderte Mitschüler handelt, sondern oft um psychisch auffällige Mädchen und Jungen. Manche davon sind in einem Regelsystem schlichtweg nicht beschulbar. „Hier gilt der Elternwille mehr als die Beurteilung der Experten und gegen Beratungsresistenz ist die Schule machtlos“, sagt Beckmann.

„Die Aufmerksamkeit, die diese Kinder brauchen, kann eine Lehrkraft unter den gegebenen Bedingungen nicht geben. Da leidet der gesamte Unterricht, der sich auch an den Erfordernissen der Regelschüler ausrichten muss“, sagt Gunnar Risch. Noch trotzt er heroisch dem Sturm, aber seine Rüstung hat doch deutliche Dellen davon getragen. Beckmann und er glauben an der Konzept Inklusion.

Signal aus der Politik kann Neuausrichtung bringen

Allerdings unter angemessenen Bedingungen. Die Pilotklasse habe bewiesen, dass dann alle Schüler profitieren, wenn methodisch auf hohem Niveau gearbeitet wird und individuelle Förderung systematisch umgesetzt wird. Wie diese wiederhergestellt werden könnten, wisse momentan niemand. Es fehle Platz für Differenzierungsräume, Geld und sonderpädagogisches Personal.

Da die Verwaltung sich nur im Rahmen der politischen Vorgaben bewegen kann, richten sich hoffnungsvolle Blicke nach Düsseldorf. Die noch vage Idee von besonders privilegierten Schwerpunktschulen der Inklusion machen Beckmann und Risch neugierig. Bleibt abzuwarten, ob die neue Landesregierung das Thema neu ausrichtet. Der Meidericher Gesamtschule bekäme es sicher gut.

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