Jüdische Gemeinde

Starker Appell gegen Fremdenfeindlichkeit beim Neujahrsfest

Gut besucht war der Neujahrsempfang am Donnerstagabend der Jüdischen Gemeinde im Gemeindezentrum am Duisburger Innenhafen.

Foto: Herbert Höltgen

Gut besucht war der Neujahrsempfang am Donnerstagabend der Jüdischen Gemeinde im Gemeindezentrum am Duisburger Innenhafen.

Duisburg.   Beim Neujahrsempfang der Jüdischen Gemeinde am Innenhafen zählte der Auftritt des Kabarettisten Christian Springer zu den Höhepunkten.

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Frohes neues Jahr 5779! Keine Sorge: Sie haben die letzten 3761 Jahre nicht verschlafen, liebe Leser, Autos fliegen noch immer nicht und draußen gibt’s weiterhin nur Kännchen. Der jüdische Kalender zählt aber anders als der gregorianische, logisch, die Geburt Christi hat im Judentum nicht den Stellenwert wie im Christentum. Am vergangenen Montag wurde das neue Jahr begrüßt, und am Donnerstag feierte die jüdische Gemeinde Duisburg, Mülheim, Oberhausen, Dinslaken und Wesel im Gemeindezentrum am Innenhafen ihren Neujahrsempfang. Neben Klavierbegleitung durch den Pianisten Albert Mamriev gab es vor allem einige beeindruckende Reden.

Zwei Oberbürgermeister waren zu Gast

Den Anfang machte der Vorstandsvorsitzende der Gemeinde, Dmitrij Yegudin. Nach Danksagungen und Glückwünschen erklärte er, bewusst nicht auf die Ausschreitungen in Ostdeutschland eingehen zu wollen, dafür hoffte er aber „auch im neuen Jahr auf gute Zusammenarbeit“ mit den Städten. Viele Vertreter aus der Politik und dem Stadtleben waren der Einladung gefolgt, unter anderem die Oberbürgermeister von Duisburg und Oberhausen, Sören Link und Daniel Schranz. Letzterer steuerte auch eine Rede zu den Festlichkeiten bei, und nutzte die Gelegenheit um seine und Oberhausens Verbundenheit zur jüdischen Gemeinde Ausdruck zu verleihen.

„Ich kann Ihnen versichern: Wir werden auch in Zukunft versuchen, Sie überall dort zu unterstützen, wo Sie Unterstützung brauchen“, erklärte Schranz unter großem Applaus. Trotzdem ging er auch auf das neue, alte Gefühl der Bedrohung für Juden ein, auf die radikale Partei im Bundestag und auf die jüngsten Holocaustleugnungen von Alice Weidel. „Die Vergangenheit zu leugnen, das können wir nicht hinnehmen, das werden wir auch nicht hinnehmen“, stellte Oberhausens OB klar.

Gegen Antisemitismus und Fremdenhass

Als Festredner hatte die Gemeinde den Kabarettisten Christian Springer aus München eingeladen, unter anderem bekannt durch seine Sendung „Schlachthof“ im BR. „Eine Warnung muss ich direkt aussprechen“, erklärte Springer, „das wird kein normales Kabarettprogramm“. Was folgte, war eine differenzierte, pointierte Wutrede über die jüngsten Entwicklungen in Chemnitz, gegen den Antisemitismus und Fremdenhass, aber auch über die in seinen Augen unpassende Form des Widerstands. „Die eigene Moral in die Kamera zu halten, bringt nichts. Eine echte Einstellung ist etwas Anderes.“

Der Antisemitismus, betonte Springer, sei keine Laune, sondern der blanke Hass. Und wer eine Gruppe Menschen hasse, hasse letztendlich alle Menschen.

Nur Bildung hilft gegen tumbe Vorurteile

Genauso zerpflückte Springer gekonnt das Totschlagargument der linken Antisemiten, der angebliche Unterschied zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus. „Das ist Quatsch“, stellte der Kabarettist fest. Xavier Naidoo, aufgepasst. „Jeder Fanatismus beginnt damit, dass Menschen eingeordnet werden“, erklärte Springer, da helfe nur Bildung. „Schade“, fügte er verbittert hinzu, „das Deutschland da nur auf Platz 23 steht.“

Auch auf die Auschwitz-Katharsis von Kollegah und Farid Bang ging er ein: „Ein Hohn für die Opfer“ und „Auschwitz ist kein Beta-Blocker gegen Antisemitismus.“ Den Flüchtlingen aus den arabischen und nordafrikanischen Ländern werde der wachsende Antisemitismus oft in die Schuhe geschoben, so Springer. „Wir müssen sie abholen und reden, reden, reden“, erklärte er. Springer fliegt seit Jahren regelmäßig in den Libanon und, vor dem Krieg, nach Syrien, um mit seiner Hilfsorganisation zu arbeiten. „Alles, was die Menschen dort ihr Leben lang über Israel lernen, ist Propaganda, wie schlecht Juden und Israel sind. Soll sich diese Indoktrinierung plötzlich auflösen, wenn sie die deutsche Grenze überschreiten?“ Israel übrigens sei auf offiziellen Landkarten im Libanon gar nicht zu finden. Über dem Gebiet steht einfach: Palästina.

>>> GEMEINDE HOFFT AUF LANDESMITTEL

Mit 44 Millionen will die Landesregierung die Jüdischen Gemeinden im Land unterstützen. Davon wird auch das Gemeindezentrum im Innenhafen profitieren, erwartet der Geschäftsführer Alexander Drehmann.

Die finanzielle Hilfe wird auch dringend benötigt. „Das Dach ist undicht, die Fassade bröckelt“, betont Drehmann. Nach der Modernisierung der Sicherheitsanlagen soll die Sanierung jetzt weitergehen.

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