Einzelhandel

Städte wie Duisburg müssen ein Gesamtkunstwerk sein

Experten aus Praxis und Wissenschaft trafen sich beim IHK Handelsforum Ruhr zum Thema „Fashion and the City“ im Lehmbruck Museum, um über die Zukunft des Einzelhandels und der Innenstädte zu sprechen.

Experten aus Praxis und Wissenschaft trafen sich beim IHK Handelsforum Ruhr zum Thema „Fashion and the City“ im Lehmbruck Museum, um über die Zukunft des Einzelhandels und der Innenstädte zu sprechen.

Foto: Lars Fröhlich

Duisburg.   IHK-Handelsforum machte in Duisburg deutlich, dass Innenstädte nur überleben, wenn sie kleiner werden und mehr Aufenthaltsqualität bieten.

Ein Patentrezept, den unter Online-Konkurrenz, Leerständen und dem Niedergang des inhabergeführten Einzelhandels leidenden Innenstädten zu helfen, gibt es nicht. Das ist die Quintessenz des Handelsforums Ruhr, zu dem die IHK gestern Experten aus Praxis und Wissenschaft ins Lehmbruck Museum geladen hat. Aber anregende Lösungsansätze gibt es durchaus. Die allerdings hängen von den jeweiligen Gegebenheiten in den Städten ab, und die unterscheiden sich dann doch von Ort zu Ort erheblich. Auch das machten die einzelnen Vorträge zum Thema „Fashion and the City“ sowie die anschließende Podiumsdiskussion deutlich.

„Fashion ist noch immer die Leitbranche“

Eingangs schilderte Boris Roskothen in seiner Begrüßungsrede als Vize-Präsident der IHK Niederrhein wie er sein Duisburger Spielwarengeschäft vor fünf Jahren vor der Schließung retten konnte, indem er sich von dem Anspruch, ein Vollsortiment vorzuhalten, verabschiedet hat. Statt Markenartikel anzubieten, die auch bei Discountern erhältlich sind, konzentrierte er sich auf Waren, die es nicht überall gibt. Zudem setzte er auf eigene Spieleveranstaltungen und die Verbreitung seiner Angebote und Events über soziale Netzwerke. Roskothen: „Der Aufwand rechnet sich. Aber kann man das einfach auf die Textilbranche übertragen?“

Die sollte eigentlich im Mittelpunkt der Vorträge stehen, doch rasch wurde deutlich, dass alle Redner diese Branche im Niedergang und künftig nicht mehr als Anziehungskraft für die Innenstädte sehen. „Fashion ist noch immer die Leitbranche, aber der Selbstläufer wie früher ist sie heute nicht mehr“, betonte Jörg Lehnerdt von der BBE Handelsberatung aus Köln. Der Onlinehandel gewinne immer mehr Anteile am Umsatz im Textilgeschäft.

Die Digitalisierung muss stärker genutzt werden

Was also tun, um die Innenstädte wieder attraktiver und lebendiger zu machen? Lehnerdt forderte die stärkere Nutzung der Digitalisierung: „Wenn Sie ein Online-Portal für ihre Stadt bauen, müssen die Anbieter – auch große wie C&A oder H&M – mit einsteigen.“! Die Menschen wollten wissen, was sie in einer Innenstadt finden.

Es mache aber keinen Sinn, sich auf einen Laden, eine Branche bei der Problemlösung zu konzentrieren. Auch könne die Gastronomie die Mode als Magnet nicht ersetzten, plädierte Lehnerdt für ein Gesamtkunstwerk, das die Städte schaffen und bewerben müssen. Heißt: Alles, was eine Stadt an Atmosphäre und Aufenthaltsqualität zu bieten hat, muss zusammenspielen und nach außen sichtbar gemacht werden.

„Die Innenstädte sind zu groß“

Das sieht Andree Haack, Duisburgs Dezernent für Wirtschaft und Strukturentwicklung, auch so und Duisburg bereits auf einem guten Weg dorthin. „Urbanität ist das einzige konkurrenzfähige Mittel gegen das Netz“, betonte Haack und zählt auf, was die Stadt derzeit alles dafür tut – von der Neugestaltung der Bahnhofsplatte und des Kantparks bis hin zum Einsatz der Altstadt-Manager. Er gab seinem Vorredner Recht, dass die Innenstädte zu groß seien und konzentriert werden müssen.

Nicht nur das eigene Geschäft wichtig nehmen

Was mit großen Gebäuden und überdimensionierten Verkaufsflächen geschehen kann, zeigte Architekt Andreas M. Krys von der EBZ Business School aus Bochum. „Mit vier Eimern Farbe eine Immobilie zukunftsfähig zu machen, geht nicht“, plädierte Krtys dafür den ursprünglichen Charme alter architektonisch ansprechender Gebäude wiederherzustellen und große Flächen neu zuzuschneiden für eine Mischnutzung aus Handel, Wohnen, Fitness und Kultur.

„Auch das alte Rom ist durch seine Dekadenz und seine Überheblichkeit untergegangen“, warb Gerd Heutelbeck dafür, nicht nur das eigene Geschäft, sondern auch die Umgebung wichtig zu nehmen. Der Inhaber des Iserlohner Traditionsmodehauses B&U hat nach und nach Häuser in der Umgebung gekauft und die 10.000 m² Verkaufsfläche aufgeteilt in 34 kleine Läden, Büros und Wohnungen. Heutelbeck wirbt dafür, die Innenstädte so wieder bewohnbar zu machen und mit kleinteiligen Handel zu verbinden. Ein ähnlicher Vorstoß eines Duisburger Optikers ist aber schon vor Jahren gescheitert.

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