Geschichte

Seit 90 Jahren gehören Rahm, Huckingen und Co. zu Duisburg

Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Karl Jarres (Mitte) trieb die Eingemeindung maßgeblich voran.

Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Karl Jarres (Mitte) trieb die Eingemeindung maßgeblich voran.

Foto: WAZ Duisburg

Duisburg-Süd.  Vor 90 Jahren wurde der heutige Duisburger Süden eingemeindet. Der Streit um die neuen Stadtteile endete mit einem kuriosen und teuren Streich.

In seinen heutigen Stadtgrenzen besteht Duisburg seit 1975, als Walsum, Rheinhausen, Homberg und Baerl eingemeindet wurden. Viel früher, nämlich vor 90 Jahren, schlossen sich die heutigen Süd-Stadtteile Duisburg an. 1929 wehrten sich die Bewohner gegen die Neuaufteilung der Gebiete, schreibt der Bürgerverein Rahm in einem 1994 erschienenen Buch über die Geschichte des Dorfes. Was damals geschah, liest sich heute als spannender Streit zwischen Duisburg und Düsseldorf um das, was damals die Zukunft war.

1923 gehörten die meisten heutigen Süd-Stadtteile zur Bürgermeisterei Angermund, die aus den Dörfern Angermund-Rahm, Großenbaum, Huckingen, Mündelheim, Serm, Ehingen und Lintorf bestand. Die Bürgermeisterei wiederum gehörte dem Landkreis Düsseldorf an. Drumherum lagen Duisburg und Düsseldorf als kreisfreie Städte. Und platzten aus den sprichwörtlichen Nähten. Nachdem bereits 1905 Meiderich eingemeindet worden war, erlebte Duisburg einen wirtschaftlichen Aufschwung, der auch während des Ersten Weltkriegs und der darauf folgenden Besetzung des Ruhrgebiets nicht stoppte. Die Menschen siedelten sich in der Nähe ihrer Arbeitsplätze an, zum Ende des Ersten Weltkriegs hatte Duisburg bereits 270.000 Einwohner.

Der Vater der Eingemeindungen: Duisburgs Oberbürgermeister Karl Jarres

Die Eingliederung des heutigen Duisburger Südens hat dieser vor allem dem damaligen Oberbürgermeister der Stadt zu verdanken: Karl Jarres. Für ihn war nicht die Frage, ob sich Duisburg die südlichen Gebiete einverleiben würde, sondern wann und wie weit. „Die Stadt Duisburg ist der Ansicht, dass ihre industrielle Entwicklung nach Süden keinen Halt macht, sondern sich fast mit elementarer Gewalt in den Landkreis Düsseldorf fortpflanzen wird“, schrieb er schon 1922 in einer Denkschrift. Auch aus Düsseldorf kamen Gebietsansprüche an die wiederum im Norden gelegenen Dörfer.

Der Landkreis Düsseldorf und die Düsseldorfer Handelskammer wiederum wehrten sich gegen die drohende Eingemeindung. Dort hatte sich, wie in den Großstädten, eine fortschreitende Industrie etabliert, die die Regierenden nun bedroht sahen. Auch der Angermunder Bürgermeister Karl Beck versuchte den Bestrebungen Duisburgs und Düsseldorfs entgegenzuwirken. Gegen deren politischen Druck hatte er jedoch keine Chance – erst recht nicht, als sich das preußische Innenministerium auf die Seite der Städte schlug.

Rahm bildete über Jahrhunderte eine Einheit mit Angermund

Für die Regierung war der Wille der Bürger in Rahm und seiner Nachbarn unerheblich, entscheidend war ausschließlich das allgemeine Interesse: Konnte die Stadt Duisburg also nachweisen, dass eine Ausdehnung ihrer Stadtgrenzen wirtschaftlich unumgänglich sei, war das maßgeblich. Diese Forderung blieb über mehrere Jahre bestehen, die Besetzung des Ruhrgebiets erschwerte die nötigen Verwaltungsvorgänge. Die Gemeinden Rahm, Mündelheim und Huckingen versuchten noch 1928, die Eingemeindung zu verhindern und argumentierten, dass die Angleichung der Steuersätze zu wirtschaftlichen Schäden führen würde, insbesondere bei der Bevölkerung.

Es half nichts: Am 10. Juli 1929 beschloss der preußische Landtag das Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets. Der Landkreis Düsseldorf wurde aufgelöst; Huckingen, Mündelheim und Großenbaum gehörten ab sofort zu Duisburg. Ebenso Rahm, das über Jahrhunderte hinweg eine Einheit mit Angermund gebildet hatte, die nun aufgelöst wurde. Der heute zu Düsseldorf gehörende Stadtteil bildete mit Bockum, Lintorf, Kalkum und Wittlaer weiter die Bürgermeisterei Angermund, die ab 1930 aber im Amt Ratingen-Land aufging und 1975 in die Landeshauptstadt eingemeindet wurde.

Politiker aus ganz Preußen stimmten über Ruhr-Gemeinden ab

Noch Jahre später schimpften die Einwohner auf das Gesetz, waren die Oberbürgermeister Duisburgs und Düsseldorfs doch in die Vorbereitung der Neustrukturierung eingebunden gewesen, die Vertreter des Landkreises und der Gemeinden jedoch nicht. Zudem beschieden Politiker aus dem gesamten Preußischen Reich, also auch aus Pommern und Schlesien, über das Schicksal der Ruhr-Gemeinden, ohne über die dortigen Verhältnisse Bescheid zu wissen.

Einen letzten Seitenhieb erlaubten sich die politisch Verantwortlichen im Landkreis Düsseldorf noch: Da die Beamten von der Stadt Duisburg übernommen wurden, beförderten sie etliche von ihnen kurz vor der Umstellung – denn bezahlen musste sie zukünftig die Stadt Duisburg.

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben