Interview der Woche

Schulleiterin über Integration und Inklusion am Gymnasium

Seit 31 Jahren ist Birgitt Keens am Mannesmann-Gymnasium, 27 Jahre lang hat sie die Huckinger Schule geleitet. Am Ende des Schuljahres beginnt für sie der Ruhestand.

Seit 31 Jahren ist Birgitt Keens am Mannesmann-Gymnasium, 27 Jahre lang hat sie die Huckinger Schule geleitet. Am Ende des Schuljahres beginnt für sie der Ruhestand.

Foto: Fabian Strauch

Duisburg.   Schulleiterin Birgitt Keens verabschiedet sich nach 27 Jahren vom Mannesmann-Gymnasium. Unter ihrer Regie hat die Schule neue Profile entwickelt.

Mit dem Schuljahr endet für Birgitt Keens nach 27 Jahren auch ihr Leben als Schulleiterin des Mannesmann-Gymnasiums. Bei einem großen Schulfest hat sie sich am Donnerstag bereits von Schülern und Kollegen verabschiedet. Im Interview spricht die Pädagogin über ihre Schule, die Rolle des Gymnasiums bei Integration und Inklusion und die Frage, warum Frauen an der Spitze von Gymnasien immer noch eine Ausnahme sind.

27 Jahre Schulleiterin – war das Ihre Absicht, als Sie 1991 begannen?

Birgitt Keens: Zu dem Zeitpunkt nicht. Ich bin erstmal angefangen. Ich hatte die Möglichkeit, erneut ins Schulministerium zu wechseln, aber da war mein Sohn gerade ein Jahr alt. Ich habe mich dann für Familie und Schule entschieden. Diese Verbindung hat gut funktioniert.

Was hinterlassen Sie?

Eine gut aufgestellte Schule, die für alle Schüler des Duisburger Südens als wohnortnahes Gymnasium Profile anbietet und Begabungen fördert.

Die Schule ist stark gewachsen. Wo ist die Grenze?

Sechs Züge sind die Grenze. Sieben hatten wir einmalig, das sollte sich allerdings nicht wiederholen. Bei der Gründung vor 50 Jahren gab es schon einmal die Sechszügigkeit, teilweise sogar mehr. Die schulreformatorische Idee war es damals, jenen Kindern, die nicht automatisch zum Gymnasium finden, diesen Weg anzubieten. Als ich kam, war das teilweise überholt. Wir brauchten deshalb neue Ideen, um das gemeinsame Lernen zu gestalten.

Welche waren das?

Wir haben den Ganztag reformiert, den bilingualen Zweig einführt, sind außerdem Europaschule und im bundesweiten Mint-Exzellenznetzwerk.

Inklusion und Integration sind die großen aktuellen Themen. Kann sich das Gymnasium als Schulform daran angemessen beteiligen?

Wir beteiligen uns seit zwei Jahren mit einer internationalen Vorbereitungsklasse. Das ist auch hier möglich, aber weitaus teurer. Inklusion halte ich nur im absoluten Einzelfall für möglich bei Kindern, die eine Gymnasialempfehlung haben. Im sozial-emotionalen Bereich oder bei Körperbehinderung kann man versuchen, das hinzubekommen. Bei Lernbehinderung halte dich das nicht für angemessen.

Warum nicht?

Der Drang zum Gymnasium ist groß. Wir können nicht Kinder mit Realschulempfehlung ablehnen, aber Lernbehinderte annehmen, die in keiner Weise in den Kontext passen.

Machen Sie es sich zu einfach?

Das kann sein. Aber ich denke an die Kinder, die hier sind. Sie haben das Recht auf ungestörte Förderung und Lernprozesse. In Teilen ist Inklusion in Deutschland auch falsch verstanden worden. Es muss weiter Förderschulen geben. Da sind die Profis. Wir sind es nicht.

Als Schulleiterin sind Sie keine Ausnahme, aber in klarer Minderheit?

Viele Jahre war ich die einzige Frau an städtischen Gymnasien, aktuell habe ich nur eine Kollegin am Max-Planck-Gymnasium.

Wie kommt das?

Der Hauptgrund: Die Karriere wird in Jahren gemacht, in denen bei Frauen die Familie dominiert. Bei mir war das vorgeschaltet – ich bin mit 41 Mutter geworden. Da war ich schon Schulleiterin und konnte das organisieren. Oft zu wechseln, ist für Frauen unter 40 sehr schwierig.

Was muss sich ändern?

Frauen sollten sich trauen, den Schritt auch später noch zu tun. Ich habe als Schulleiterin in Teilzeit gearbeitet – für die Bezirksregierung war ich damals der Modellversuch. Ich habe weniger unterrichtet, aber die Leitungsfunktion wahrgenommen. Schule gemacht hat das Modell leider nicht. Später habe ich eine Fortbildung geleitet für Frauen. Die meisten leiteten danach aber keine Schule, sondern wurden Fachleiterinnen an Studienseminaren.

Excellenzcenter Mint – wie wichtig sind solche Markenzeichen?

Es geht nicht um die Marke, sondern um die Kinder. Die Eltern sollen sehen, dass sie besonders gefördert werden. Wenn sie dann in Wettbewerben erfolgreich sind, hat das Zugkraft. Die technische Ausstattung kann natürlich immer noch besser sein, aber die Stadt und unser Förderverein helfen. Der Europagedanke ist mir genauso wichtig – die Offenheit im Denken steht nicht nur im Curriculum. Die Fähigkeit, international zu kommunizieren, wird künftig ebenso wichtig sein wie die technische Kompetenz.

>>KEENS BLEIBT MIT DER SCHULE VERBUNDEN

Birgitt Keens ist gebürtige Kölnerin und lebt mit ihrer Familie in Düssseldorf. Sie hat Englisch und Sozialwissenschaften studiert. Ihren Referendardienst absolvierte sie in Mönchengladbach. Nach sechs Jahren als Studienrätin am Gymnasium Adolfinum in Moers war sie drei Jahre lang für das NRW-Schulministerium in der Bildungsplanung tätig.

Zum Mannesmann-Gymnasium wechselte sie 1987 als stellvertretende Schulleiterin, seit 1991 leitet sie die Schule. Der Schule bleibt die Pädagogin, die soeben ihren 66. Geburtstag gefeiert hat erhalten. Für die Initiative Mint-EC wird sie sich engagieren und wohl auch an einer Duisburger Grundschule. „Aber das ist noch nicht ganz spruchreif“, sagt sie.

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