Loveparade

Sauerland entschuldigt sich und kritisiert Medien

Adolf Sauerland Duisburg am 12. September vor der Aufführung der „Sinfonie der 1000” bei der ersten Großveranstaltung der Kulturhauptstadt nach der Loveparade. Foto: reuters

Adolf Sauerland Duisburg am 12. September vor der Aufführung der „Sinfonie der 1000” bei der ersten Großveranstaltung der Kulturhauptstadt nach der Loveparade. Foto: reuters

Foto: REUTERS

Duisburg. OB Adolf Sauerland hat sich bei der Personalversammlung der Stadtverwaltung für seine „unangemessenen Worte“ nach der Loveparade-Tragödie entschuldigt. Er versuchte auch zu erklären, warum er nicht zurücktreten wollte.

Die turnusmäßige Personalversammlung der Duisburger Stadtverwaltung am Mittwochmorgen entwickelte sich für Oberbürgermeister Adolf Sauerland zum Desaster.

Gegen kurz nach 11 Uhr schreitet Sauerland zum Rednerpult. Vor ihm, im großen Saal der Mercatorhalle, rund 1740 städtische Mitarbeiter. Erst wenige Minuten zuvor hatte Rainer Hagenacker, Vorsitzender des Personalrats, Sauerland massiv für dessen Verhalten nach der Loveparade kritisiert.

„Unangemessene Worte“ auf der ersten Pressekonferenz

Dann spricht Sauerland. Noch heute habe er viele Fragen, und wenig Antworten, ruft er den Beschäftigten zu. Knapp 100 Mitarbeiter der Stadt Duisburg verlassen schon nach den ersten Worten ihres obersten Dienstherrn demonstrativ den Saal. Trotzdem wird die Rede Sauerlands weiterhin von Pfiffen und Buh-Rufen begleitet.

In seiner Ansprache erklärt Sauerland, dass der Schock des tragischen Unglücks bis zum heutigen Tage tief sitze. Zugleich sei ihm bewusst, dass „sich wohl alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung vor der eigenen Familie, Freunden, Nachbarn und Bekannten für ihren Arbeitgeber rechtfertigen mussten“. Sauerland räumt ein, dass „die Beschimpfungen, Drohungen und Wut“, die viele Mitarbeiter in ihren Dienststellen erdulden mussten, „auch in Zusammenhang mit meinen Äußerungen gegenüber der Presse in den Stunden nach Eintritt des Unglücksgeschehen und später standen“.

Im Anschluss entschuldigt sich der CDU-Politiker ausdrücklich für seine „unangemessenen Worte“ auf der Pressekonferenz am Folgetag der Katastrophe - der einzige Moment, in dem Sauerland von fast allen Zuhörern mit Applaus bedacht wird. Das Wohlwollen des Publikums ist jedoch nur von kurzer Dauer.

„Keineswegs zufällige Berichterstattung“

Nachdem der OB den Medien vorwirft, bewusst missverständlich berichtet zu haben, erntet er erneut Unmutsbekundungen. Nur der „missverständlichen und keineswegs zufälligen Berichterstattung“ sei es geschuldet, so Sauerland, dass der Eindruck entstanden sei, er habe sich von seinen Mitarbeitern distanziert: „Das ist nicht der Fall.“

Das war der Punkt, an dem der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats, Rainer Hagenacker, die rund 2000 Versammlungsteilnehmer mehrfach um Ruhe bitten musste.

Als Sauerland den von der Stadt beauftragten externen Untersuchungsbericht der Düsseldorfer Rechtsanwaltskanzlei erwähnt, brechen viele städtische Angestellte in höhnisches Gelächter aus. Die anschließenden Beteuerungen, dass es sich dabei nicht um ein „Gefälligkeitsgutachten“ halte, beruhigen die Menge nicht. Augenblicke später geht Sauerland ins Detail.

Rücktritt „ohne Verschulden das falsche Signal“

Die Stimmung in der Mercatorhalle wird immer aggressiver. Als das umstrittene Stadtoberhaupt über die Genehmigungsfähigkeit der Rampe doziert, dem Ort, an dem 21 Menschen ihren Tod fanden, schallt „aufhören, aufhören“ durch den großen Saal. Erst nachdem der Personalrat um Ruhe bittet, kann Sauerland fortfahren.

Den Kampf um die Gunst der Belegschaft hat Sauerland an dieser Stelle längst verloren – und es kommt noch schlimmer. „Ich habe Vertrauen in Ihre Arbeit, deshalb wäre ein Rücktritt ohne Verschulden auf Seiten der Stadt Duisburg für mich das falsche Signal gewesen. Diese Entscheidung habe ich sicher nicht im Blick auf bloßen Machterhalt oder Altersvorsorge gefällt“, sagt Sauerland. „Wie hätten Sie es gefunden, wenn der Kollege vor dem Staatsanwalt steht, und sich der Chef vom Acker macht.“

Die Reaktion des Publikums lässt nicht lange auf sich warten - fassungsloses Kopfschütteln und empörte „Pfui-Rufe“ prägen das Bild. Gegen 11.20 Uhr verlässt Sauerland die Bühne. Viele der zuvor geflüchteten Mitarbeiter kehren derweil an ihre Plätze zurück.

Rücktritt des kompletten Verwaltungsvorstandes gefordert

In seiner Begrüßungsrede hatte zuvor der Vorsitzende des Gesamtpersonalrates, Rainer Hagenacker, Sauerlands Rolle als Aufklärer der Loveparade-Katastrophe bezweifelt. Man stelle sich vor, erklärte er unter dem zynischen Gelächter der Anwesenden, dass ein Sachbearbeiter im Amt verbleiben würde, um seine eigenen Versäumnisse aufzuklären. „Der Oberbürgermeister hat die Loveparade gefördert. Er steht in der Verantwortung. Das Amt ist zur Verfügung zu stellen.“ Die vom OB verordnete Rückkehr zur Normalität sei nicht machbar, erklärte er unter dem großen Applaus des Personals.

Nach Sauerlands Ansprache kritisierte Verdi-Bezirksgeschäftsführer Thomas Keuer den kompletten Duisburger Verwaltungsvorstand für dessen Verhalten vor und nach dem Unglück und forderte seine Mitglieder auf, „die Konsequenzen zu ziehen“.

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