„Platzhirsch“ küsst den Dellplatz wach

Das „Platzhirsch“-Festival könnte im Märchen von Dornröschen die Rolle des Traumprinzen spielen: Denn dem dreitägigen Festival ist es wieder einmal geglückt, den im Alltag meistens im Tiefschlaf dahindämmernden Dellplatz wachzuküssen. Tausende Besucher trafen sich vor allem an den Abenden auf dem Areal vor der St.-Joseph-Kirche und in den umliegenden Clubs. Der einhellige Tenor von Gästen und Beteiligten lautete: „So etwas Schönes und Verbindendes sollte nicht nur einmal im Jahr stattfinden.“

Das selbst ernannte „Festival der Artenvielfalt“ musste bei seiner vierten Auflage teils mit widrigen Witterungsbedingungen kämpfen. Der „Platzhirsch“ wurde am Samstagabend von einem Platzregen in sintflutartigen Ausmaßen heimgesucht. Als sich die Gewitterwolken verzogen hatten, krochen alle Musikfans, die unter Zeltplanen oder in Hauseingängen Schutz gesucht hatten, wieder aus ihren Regenverstecken hervor – und feierten weiter.

Auch der Sonntag litt unter einer hartnäckigen Schlechtwetterfront. Dafür herrschten zumindest zum Auftakt am Freitag echte Sommerfestival-Bedingungen. Die Duisburger Lokalmatadore von Paperstreet Empire hatten die Bürde des Festival-Starters zu schultern. Gegen 18 Uhr hielt sich der Publikumsandrang auf dem Dellplatz aber noch in überschaubaren Grenzen.

Mehr los war da beim Auftritt der Aeronauten. Doch auch die Schweizer hatten mit der Plauderlust des Publikums zu kämpfen. Denn der Großteil der Besucher verstand das Treffen eher als Ort der Begegnung denn als Konzertstätte. Der Geräuschpegel rund um die Bühne war unfassbar laut. Quatschen statt zuhören hieß für die meisten Gäste die Devise. Die Auftritte der Band hatten da leider oft eher den Charakter von Hintergrundbeschallung.

Das war im „Grammatikoff“ anders: Dort gaben sich am Freitagabend 200 Zuhörer voll und ganz den Klängen der Ska-Formation Jaya the Cat hin. Wer den Saal betrat, der lief zunächst gegen eine Hitze-Wand. Denn mit ihrem mitreißenden Sound brachten die US-Amerikaner, die in ihrer Wahlheimat Holland leben, den prall gefüllten Raum zum Kochen. Die Bandmitglieder kühlten sich mit manchem Schluck aus der Pulle sowie einem Ventilator ab. Das Publikum stand hingegen in Flammen: Jeder trinkt, jeder tanzt, jeder schwitzt, jeder stinkt – und ist glücklich. Nach über 90 Minuten sind alle verausgabt. Und ziehen weiter.

Faszinierender Scherben-Tanz

Denn beim „Platzhirsch“-Festival herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Viele Besucher schnuppern kurz in die verschiedensten kulturellen Darbietungen hinein und lassen sich dann weitertreiben. Etwa in die „Säule“, wo man beim Live-Hörtheater von Thorsten Töpp einem mit Stimmen unterlegten Klangteppich lauschen kann. Oder in die Kirche St. Joseph, wo am späten Samstagabend Adriana Kocijan mit ihrer Tanzperformance auf einer Scherbenlandschaft das Publikum fasziniert. Zu den etwas weiter vom Dellplatz entfernten Clubs „Djäzz“ oder „Indie“ spült es die Musikfreunde nicht mehr ganz so zahlreich, doch auch dort warteten an den drei Tagen manche Musik-Perlen.

Rund um den Dellplatz waren wieder zahlreiche Stände aufgebaut. An den beiden Bierwagen bildeten sich ebenso lange Schlangen wie am Cocktailstand oder am Wagen der „Pommeserei“. Auch fair gehandelte Mode oder Vinylplatten warteten auf neue Besitzer. Der Dellplatz war das blühende Leben.

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