Zeitzeugin

Zeitzeugin beeindruckt Schüler der Marxloher Grillo-Schule

Die Zeitzeugin Eva Weyl hielt in der Herbert-Grillo-Gesamtschule Marxloh zusammen mit Anke Winter (rechts) einen Vortrag über die Nazi-Zeit.

Die Zeitzeugin Eva Weyl hielt in der Herbert-Grillo-Gesamtschule Marxloh zusammen mit Anke Winter (rechts) einen Vortrag über die Nazi-Zeit.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Duisburg-Marxloh.   Eva Weyl und Anke Winter haben zusammen in der Grillo-Gesamtschule in Duisburg-Marxloh einen Vortrag über den Nationalsozialismus gehalten.

Ob die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus im Leben seiner bunten Schülerschaft an der Grillo-Gesamtschule einen besonderen Stellenwert hat, das bezweifelt der Geschichtslehrer Huzeyfe Tok doch sehr. „Da fehlen vielen unserer Schüler aus Ländern wie Syrien oder Albanien einfach die Zugänge“, sagt er, „ und die schafft man am besten auf der emotionalen Ebene.“

Die emotionale Ebene kann er getrost in die erfahrenen Hände der Zeitzeugin Eva Weyl legen. Die temperamentvolle 84-jährige kam in den Niederlanden zur Welt, weil ihre jüdischen Eltern früh erkannten, dass sie ihr Textilkaufhaus in Kleve nicht würden weiterführen können. „Ich bin also ein Migrantenkind, wie die meisten von euch auch“, sagt Weyl zu den 180 Schülern aus den Jahrgängen sieben, neun und zehn in der Aula, die ihr an den Lippen klebten.

Bericht über das Durchgangslager Westerbork

Sie erzählt aus dem Durchgangslager Westerbork, in dem ihre Eltern und sie die letzten drei Kriegsjahre inhaftiert waren. In Westerbork wurde nicht gefoltert und getötet. „Es gab nur eine Strafe, wenn man nicht parierte: Ab in den Zug mit den Viehwaggons, der jeden Dienstag die Menschen in die Vernichtungslager im Osten brachte“, sagt Weyl und fügt hinzu, „ich habe das aber damals nicht gewusst, weil meine Eltern mir keine Angst machen wollten“. In Westerbork, wo der Lagerkommandant SS-Obersturmführer Albert Gemmeker abends im Kabarett saß, um „seinen Juden“ beim Spaßmachen zu lauschen, wurden sogar Propagandaaufnahmen von den guten Lebensbedingungen gemacht. „Aber das war alles eine große Lüge“, sagt Weyl, „sicher, man musste nicht hungern und es gab ein Krankenhaus, aber allein Gemmecker hat über 80.000 Menschen in den Tod geschickt.“

Neben der Überlebenden sitzt Grundschullehrerin Anke Winter. Sie ist knapp zwei Generationen jünger als Weyl und ihre Familiengeschichte ist eine andere. Als im deutschen Fernsehen erstmals der Film Holocaust mit Originalaufnahmen aus dem Lager Westerbork gezeigt wurde, deutete ihr Vater plötzlich auf den Bildschirm und sagte: „Der SS-Mann mit dem Schäferhund da, das ist dein Großvater“.

Der Schock sitzt noch heute tief

Für die Jugendliche war das ein Schock, von dem sie sich lange nicht mehr erholte. Sie kannte Gemmeker als ihren distanzierten Großvater, der bei den seltenen Besuchen sehr auf gutes Betragen achtete. Über seine schreckliche Vergangenheit hatte sie nichts gewusst. „Ich habe damals selber viel zu wenig nachgefragt“, sagt sie heute. Inzwischen ist sie, sooft sie es einrichten kann, mit Eva Weyl unterwegs bei ihren Vorträgen.

Sie war aufgeregt, als sie begann, Kontakt zu Opfern ihres Großvaters aufzunehmen. „Aber sie kann ja gar nichts dafür“, sagt Eva Weyl und lacht die Jüngere an. „Ich spüre auch keine Schuld, aber Verantwortung, alles dafür zu tun, damit sowas nie wieder geschieht“, sagt Winter und wischt sich eine Träne ab.

Schüler sollen „Zweitzeugen“ werden

Beide beschwören die Schüler, „Zweitzeugen“ zu werden und sich nicht von rechtem Gedankengut anstecken zu lassen. Die Schüler sind beeindruckt. „Wurden sie schon mal angefeindet?“ fragt einer Anke Winter. Die schüttelt den Kopf: „Nein, aber es ist nicht immer leicht, die Geschichten anzuhören, die die Opfer mir erzählen“, sagt sie leise. „Machen sie solche Vorträge öfter?“ wird Eva Weyl gefragt. „Ich mache das etwa fünfzig Mal im Jahr und habe mir dafür das Bundesverdienstkreuz verdient“, sagt die und strahlt.

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