Landschaftspark Nord

Rolf Beckmann: Der Zeitzeuge vergangener Hüttentage

Rolf Beckmann hat früher in dem Hüttenwerk gearbeitet und führt nun Besuchergruppen über das Gelände.

Rolf Beckmann hat früher in dem Hüttenwerk gearbeitet und führt nun Besuchergruppen über das Gelände.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Duisburg-Obermeiderich.  Er führt Gruppen durch den Landschaftspark Duisburg-Nord und kann erzählen, wie kaum ein anderer: Rolf Beckmann. Hier ist seine Geschichte.

Die Frage, die Rolf Beckmann unterwegs am häufigsten zu hören bekommt, wird immer dann gestellt, wenn seine Gruppe den mächtigen Hochofen 5 im Landschaftspark Nord erreicht hat. Sie lautet: „Wir konnten die Menschen die Maloche damals bei diesen Temperaturen nur aushalten?“

Wenn der Gästeführer (84) von den 170 Grad Strahlungshitze erzählt, die hier direkt am Hochofen herrschten, als das Hüttenwerk noch in Betrieb war, gerät so mancher Teilnehmer schon vom Zuhören ins Schwitzen.

1800 Führungen geleitet

Bereits seit 1999 zählt Beckmann, der heute in Oberhausen lebt, zum Team der Gästeführer im Landschaftspark. Und weil er akribisch Buch führt über all seine Einsätze, weiß er genau, wie viele Führungen er in den vergangenen 20 Jahren absolviert hat. „Es waren 1800. Mit knapp über 31.000 Teilnehmern“, sagt Beckmann. Kein Wunder, dass er bei solchen Zahlen zu den absoluten Routiniers im Team zählt.

Das Besondere an seinen Schilderungen: Beckmann weiß ganz genau, wie es hier auf der Hütte war, bevor sie sich 1994 in den Landschaftspark Nord verwandelte. Schließlich hatte der Rentner in seiner aktiven Berufszeit selbst hier gearbeitet. „Ich war 37 Jahre Bautechniker bei Thyssen. Die zwei Bunkerklärbecken da vorne, die habe ich konzipiert und gebaut“, erzählt der Gästeführer und zeigt auf die Bauwerke. Die Erfahrungen am eigenen Leib, das Wissen um die realen Bedingungen vor Ort und die unauslöschlichen Erinnerungen in seinem Gedächtnis: Das alles macht seine Schilderungen noch heute so plastisch, so greifbar, so authentisch. Beckmann schafft es, ein Stück Industriegeschichte für alle verständlich in die Gegenwart zu holen. Ein Meister der verbalen Zeitreise. Allein an einem Wochenende bietet die Ruhr Tourismus GmbH rund 25 Führungen durch die Meidericher Kathedrale der Industriekultur an. Bei sechs davon ziehen die Besucher nach Einbruch der Dunkelheit mit Stirnlampen ausgestattet los, bei sechs anderen zu späterer Stunde tragen sie Fackeln.

Rund eindreiviertel Stunden dauert eine solche Führung

„Beim Rest handelt es sich um normale Hüttenführungen“, so Beckmann. Eine genau vorgeschriebene Route durch den Park gebe es nicht. „Wir haben nur einige feste Anlaufpunkte, wo wir vorbeikommen müssen. Den Verlauf der Runde bestimmen wir selbst“, so Beckmann. Rund eindreiviertel Stunden dauert eine solche Führung. Und natürlich hat Beckmann die Basisfakten zum ehemaligen Hüttenwerk und der Arbeit hier im Laufe der Jahre so fest abgespeichert, dass er sich im Vorfeld nicht mehr vorbereiten muss, sondern alles sofort parat hat. Routine kommt bei ihm trotzdem nicht auf. „Denn jede Gruppe ist anders“, weiß Beckmann. „Jede Gruppe stellt andere Nachfragen.“

Und welche Geschichte erzählt der Gästeführer besonders gern? „Dass lange Zeit über einen Abriss des Hüttenwerks nachgedacht wurde! Ich musste in meinem Job einst sogar mal konkret berechnen, wie viel das Thyssen gekostet hätte“, erzählt Beckmann. Doch zum Glück für die Nachwelt wurde letztlich eine andere Entscheidung getroffen. 1985 kam das Aus für die Hütte, danach stand sie sieben Jahre still und drohte abgerissen zu werden. Erst 1992 hat Thyssen das 180 Hektar große Areal für eine symbolische Mark an das Land NRW verkauft. So konnte Landschaftsarchitekt Professor Peter Latz seine Idee vom Landschaftspark umsetzen“, blickt Beckmann auf die Historie.

Sitz in der Messwarte

Wir laufen hinüber zur Messwarte. Dort haben die „Ehrenamtlichen“ ihren Sitz, zu denen auch Beckmann gehört. Diese zehnköpfige Gruppe trifft sich jeden Dienstag im Landschaftspark, um zu quatschen und Kaffee zu trinken, aber auch um kleinere Wartungs- und Instandsetzungsarbeiten durchzuführen. „Ein festes Ritual ist es inzwischen, dass wir zusammen einen Eierlikör trinken“, sagt Beckmann, der selbst ein Hobby-Fotograf ist und schon unzählige Aufnahmen vom Landschaftspark gemacht hat. Gibt es einen persönlichen Lieblingsort? „Nein“, sagt Beckmann und strahlt. „Ich hab den ganzen Park lieb. Er ist mein Zuhause.“

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