Wettannahmestelle

Experte warnt: Suchtgefahr auch bei Wettannahmestellen

Von Pferdesport über Fußball bis hin zum Motorsport: Auf fast alles lässt sich wetten. Das Suchtpotenzial ist aber hoch.

Von Pferdesport über Fußball bis hin zum Motorsport: Auf fast alles lässt sich wetten. Das Suchtpotenzial ist aber hoch.

Foto: dpa Picture-Alliance / Lajos-Eric Balogh

Hamborn.   In Alt-Hamborn wurde eine Wettannahmestelle genehmigt. Rechtlich ist das keine „Vergnügungsstätte“. Forscher aber warnen vor Sucht und Risiken.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

An der Schreckerstraße in Alt-Hamborn ist eine Wettannahmestelle in einem früheren Imbiss genehmigt worden. Die Stadt sagt: Es handele sich dabei nicht um eine Vergnügungsstätte, sondern um ein Ladenlokal – ähnlich wie eine Lotto-Annahmestelle. Vom Standpunkt der Suchtforschung aus würde Dr. Tobias Hayer von der Universität Bremen aber nicht zwischen Wettbüros (mit geselligen Angeboten) und Wettannahmestellen (ohne diese Angebote) unterscheiden.

Der Bremer Psychologe forscht seit Jahren auf dem Gebiet der Glücksspielsucht. Er sagt: „Im Grunde werden auch in Wettannahmestellen dieselben Produkte angeboten, die gleichen Sportwetten.“ Sogar Live-Wetten seien dort möglich, Wetten also auf den Ausgang von gerade stattfindenden Sportveranstaltungen, bei denen sich, abhängig vom Spielverlauf, die Gewinnquoten quasi im Minutentakt ändern könnten. „Live-Wetten bieten einen besonderen Kick und ein vergleichsweise hohes Suchtpotenzial.“

Unter günstigen Umständen könne dabei ein Einsatz von einigen Cent zu einem Gewinn von 1000 Euro werden. Allerdings nur, wenn eine Vielzahl von Sportereignissen miteinander kombiniert werden oder jeweils nur auf Außenseiter gesetzt wird, die dann auch prompt ein Match oder einen Wettkampf gewinnen. „Viele Spieler setzen dabei auf ihre vermeintliche Sportkompetenz. Sie unterliegen dabei dem Irrglauben, ihr Wissen auf einfache Weise zu Geld machen zu können“, sagt der Suchtforscher.

Es kommt auf den Einzelfall an

Eigentlich könne man gar nicht grundsätzlich zwischen Wettannahmestelle und Wettbüro, also Sportsbar, unterscheiden. Denn nicht in allen Sportsbars würden Wetten angenommen, wohl aber Sportveranstaltungen nach dort übertragen. Es komme immer auf den Einzelfall an.

Auch die Kombination mit Gas­tronomie hat aus Sicht von Dr. Hayer zwei Seiten. Einerseits bestehe dadurch natürlich die Gefahr, unter dem Einfluss von Alkohol noch riskanter zu handeln. Andererseits könnte die Geselligkeit auch so etwas wie soziale Kontrolle bewirken und damit ein zurückhaltenderes Wettverhalten.

Das Problem sei, dass es für das Wettspiel in Deutschland gar keine Konzessionen gebe, anders als bei Spielhallen. „Die Lizenzen, die die Anbieter haben, stammen in der Regel aus anderen EU-Ländern“, sagt der Psychologe. Ihre Besitzer würden dann im Rahmen der Dienstleistungs- und Niederlassungsfreiheit darauf bestehen, dass sie auch hier gelten.

Arne Rüger von der Landeskoordinierungsstelle Glücksspielsucht in Bielefeld bestätigt die Beobachtung, dass es vor allem junge Männer mit Zuwanderungsgeschichte, vor allem junge Türken, sind, die sich für Sportwetten interessieren. Auch für die jüngsten, im Duisburger Norden zahlreichen nicht-türkischen Zuwanderer treffe es zu, sei aber noch nicht erforscht.

Ablenkung von Problemen

Glücksspiel lenke von den Problemen der Zuwanderer ab, biete ihnen die Chance, auf scheinbar einfache Weise zu Geld zu kommen, was auf dem Arbeitsmarkt für sie sehr schwer sei. Wettbüros seien vor allem deshalb bei ihnen populär, weil diese jungen Leute eher selten in Vereinen organisiert seien oder Hobbys hätten. Zudem sei das Bewusstsein, dass Glücksspielsucht eine Krankheit ist, in ihren Familien meist nicht vorhanden. Die in der Regel finanziellen Probleme, die daraus folgen, versuche man dann innerhalb der Familien zu lösen.

>> Info: Jugendliche sind stärker gefährdet als Erwachsene

Rund 500 000 Erwachsene sind in Deutschland nach Schätzung von Dr. Tobias Hayer von der Universität Bremen glücksspielsüchtig. Das sei eine im Vergleich zur Alkoholsucht und Nikotinsucht relativ kleine Gruppe. Nur seien die Folgen dieser Sucht schwerwiegend. Sie reichten von der Privatinsolvenz über den Verlust des Arbeitsplatzes und Beschaffungskriminalität bis hin zur Selbstmordgefahr.

Jugendliche seien eher stärker gefährdet als Erwachsene, wegen der Neigung im Jugendalter, zu übertreiben. Bis zu drei Prozent in der Altersgruppe von zwölf bis 19 Jahren hätten ein Problem damit. Es verfestige sich aber erst im Erwachsenenalter.

Dass das so sei, obwohl das Glücksspiel erst ab 18 Jahren erlaubt sei, deutet für Dr. Tobias Hayer auf Defizite beim Jugendschutz und auf eine fehlende Sensibilisierung der Jugendlichen hin.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben