Expertenvortrag

Ex-Staatssekretär Müller stellt die Politik an den Pranger

Michael Müller, ehemaliger MdB, referierte in der Marxloher Kreuzeskirche.

Michael Müller, ehemaliger MdB, referierte in der Marxloher Kreuzeskirche.

Foto: Udo Gottschalk

Duisburg-Marxloh.   Michael Müller kritisiert, dass die Politiker in erster Linie reagieren. Der Blick in die Zukunft sei verloren gegangen, sagte er in Duisburg.

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Der ehemalige Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller, hat auf Einladung des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) in der Marxloher Kreuzeskirche Auskunft über seine Sicht auf die bevorstehenden gewaltigen sozialen und ökologischen Umbrüche gegeben.

Nach der Begrüßung durch Dieter Zisenis vom „Laboratorium“ des KDA machte seine Analyse allen Entscheidungsträgern Dampf: „Die Grundfragen, wie dieses Jahrhundert aussehen soll, müssen in den nächsten zehn Jahren beantwortet werden, sonst ist es zu spät“, lautet seine These. Die vertritt auch ein Manifest, das der Verein der Naturfeunde Deutschlands im vergangenen Jahr verabschiedet hat. Müller ist der langjährige Bundesvorsitzende der Organisation mit dem grünen Handschlag unter drei roten Blumen im Wappen.

Die Vorstellung vom unendlichen wirtschaftlichen Wachstum

Er saß 26 Jahre für die SPD im Bundestag und schulte sein Wissen über das Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie durch die Mitarbeit in wissenschaftlichen Kommissionen

„Schneller, höher, weiter ist am Ende“, sagte Müller und meinte, dass die Vorstellung vom unendlichen wirtschaftlichen Wachstum nicht mehr trüge und keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt mehr bringen könne. In allen Industrienationen wachse der Abstand zwischen arm und reich. Im letzten Jahr seien mehr Menschen weltweit auf Grund von klimatischen Veränderungen auf der Flucht gewesen, als auf Grund von Kriegen, stellte Michael Müller fest: „Ich finde, auch Klimawandel ist eine Form von Gewalt gegen Menschen.“

Die anhaltende Umweltzerstörung – eine Gefahr für die Menschheit

Dass die anhaltende Umweltzerstörung inzwischen das Potential habe, die Existenz der ganzen Menschheit zu gefährden habe sich zwar rumgesprochen, aber wie man Gegenmaßnahmen organisiert, darüber gingen die Meinungen stark auseinander.

„Die Politik ist inzwischen doch zu 90 Prozent reaktiv ausgerichtet“, sorgte sich Müller, der es vermisst, dass längerfristige Zukunftspläne und Programme durchgesetzt wer

den. In der Politik und auch bei den Medien nehme ganz allgemein die Fähigkeit ab, lange Reihen und Zusammenhänge zu erkennen, kritisierte Müller und prangerte eine „Kultur der Selbstbeschäftigung“ an.

Auf Zeiten des Zerfalls alter Systeme können Perioden der Aufklärung und Vernunft folgen

„Aber wie zwingen wir die Politiker, sich den großen Fragen zu stellen?“, fragte Zisenis den ehemaligen Staatssekretär bei der anschließenden Diskussion. Der zuckte die Schultern. „Dranbleiben, nerven, nicht locker lassen“, sagte er. Und gab der Hoffnung Ausdruck, dass auch auf Zeiten des Zerfalls alter Systeme Perioden der Aufklärung und Vernunft folgen könnten. „Die Zeit ist reif, wieder politisiert zu werden“, sagte er. „Mich fasziniert ihre Zuversicht“, sagte eine Zuhörerin kopfschüttelnd, die weniger Chancen für ein Jahrhundert der Vernunft sah.

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