Mitmenschen

Duisburgerin möchte Weltkriegserlebnisse wach halten

Wilma Starke im Malteserstift St. Nikolaus. Sie möchte ihren Lebensabend nutzen, um die Erinnerungen an Krieg und Flucht wach zu halten und appelliert dabei auch an die Hilfsbereitschaft der Menschen.

Foto: Lars Heidrich

Wilma Starke im Malteserstift St. Nikolaus. Sie möchte ihren Lebensabend nutzen, um die Erinnerungen an Krieg und Flucht wach zu halten und appelliert dabei auch an die Hilfsbereitschaft der Menschen. Foto: Lars Heidrich

Duisburg-Ruhrort.   Wilma Starke wird heute 90 Jahre. Als Mädchen floh sie aus Oberschlesien. Sie spricht mit Schülern und zieht Parallelen zur Flüchtlingskrise.

Wilma Starke ist vor Bomben, Krieg und Tod geflohen. Die Erinnerungen daran haben sie nie mehr losgelassen, auch nach mehr als sieben Jahrzehnten nicht. Als Jugendliche ist sie von Oberschlesien ins Ruhrgebiet geflüchtet, zurück in ihre Heimat. Inzwischen teilt die Seniorin, die am heutigen Samstag 90 Jahre alt wird, ihre Erfahrungen mit Schulklassen und trifft dabei auch auf junge Syrer, Iraker, Afghanen oder Pakistaner, die ebenfalls einen Krieg erlebt haben.

„Die Erzählungen kenne ich alle. Sie sind wie bei uns früher“, sagt Wilma Starke, die schon mehrmals an der Aletta-Haniel-Gesamtschule als Zeitzeugin zu Besuch war. Das ist nicht weit vom Malteserstift St. Nikolaus, in dem sie lebt. Dass die Jugend sich für ihre Kriegserlebnisse interessiert, freut die 90-Jährige, denn daraus könne man Lehren für die Gegenwart ziehen, findet sie. „Flüchtlingen muss geholfen werden“, sagt sie entschieden. „Was den Menschen jetzt im Mittelmeer passiert, ist grausam. Das tut mir sehr, sehr leid.“ Statt die hohen Zahlen der Todesopfer zu verdrängen, „sollten wir große Schiffe stellen“ und die Flüchtlinge sicher ans Ufer bringen. „Die Schleuser müssen bekämpft werden.“

Dass sie überlebt hat, hält sie für ein Wunder

Denn sie weiß sehr genau, wie es ist, alles zurücklassen zu müssen und tagtäglich um sein Leben zu fürchten.

Aus dem Ruhrgebiet zog ihre Familie 1943 nach Oberschlesien, weil ihr Vater dort als Steiger gebraucht wurde. Doch als die Rote Armee der Sowjets die Region zwei Jahre später einzunehmen drohte, floh die Familie zurück nach Oberhausen. Der Vater jedoch war zum Volkssturm einberufen, blieb und starb vor Kriegsende.

Ihre Flucht sollte sechs Monate dauern. Als älteste von fünf Geschwistern lastete auf der damals 16-Jährigen große Verantwortung. „Wir hatten schreckliche Angst, der Russe war ja da.“ An Luftangriffe, Bomben und an Soldaten erinnert sie sich noch lebhaft, mehrmals sind sie und ihre Familie dem Tod nur knapp entkommen. Zwei schwere Koffer mit Habseligkeiten habe sie auf dem langen Weg getragen und einen Rucksack, gelaufen sei die Familie täglich bis zur Erschöpfung, nur selten konnten sie sich in einen Zug schmuggeln, den Großteil der langen Strecke habe sie zu Fuß zurückgelegt.

Dass es alle geschafft haben, hält Wilma Starke für ein Wunder. „Ich weiß nicht, wie wir überlebt haben. Unsere Zeit war grausam, wir haben viel gehungert und nur gebettelt. Wir hatten ja nichts zu essen, auch keine Kleidung. Geschlafen haben wir auf dem Acker, im Regen, und wir waren nass bis auf die Knochen.“ Weil ihnen jedoch ab und an jemand half, kamen sie schließlich in Oberhausen an.

Appell an die Hilfsbereitschaft

Damit die Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg und aus der Nachkriegszeit nicht vergessen werden, möchte die Zeitzeugin gerne noch viele weitere Treffen mit Jugendlichen und Schulklassen erleben. Auch weil Wilma Starke die Stimmung in Duisburg und Deutschland gegenüber Flüchtlingen mit Sorge betrachtet. „Wenn jemand Hilfe braucht, ist es selbstverständlich, dass man hilft.“ Die Nationalität müsse dabei egal sein. Dennoch kann sie einigen Unmut durchaus verstehen. Dass Rentner, die ihr Leben lang gearbeitet haben, jetzt Flaschen sammeln müssten, um sich vielleicht mal ein Eis leisten zu können, das sei nicht zu akzeptieren.

Das schüre doch nur Neid gegenüber den Flüchtlingen, die mit nichts in Deutschland ankommen und dann vermeintlich einen höhren Lebensstandard haben als die eigenen Senioren oder als die Familien von Geringverdienern. „Deutschland ist reich, niemand sollte hier in Armut leben“, findet die 90-Jährige.

Aus den Gesprächen mit jungen Flüchtlingen weiß sie allerdings auch, dass deren Image als Schmarotzer falsch ist. „Die meisten wollen gar nicht hier bleiben. Wenn der Krieg vorbei ist, wollen sie in ihr Land zurück und es wieder aufbauen.“ So wie Wilma Starke und ihre damals Familie geholfen haben, das Ruhrgebiet wieder aufzubauen.

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