Stadtgeschichte

Duisburg: Vom Auf- und Abstieg der „Walsum-Bahn“

Den Haltepunkt „Hamborn-Provinzialstraße“ nutzten nicht nur Fahrgäste aus Aldenrade. Nachdem die verhasste primitive Holzhütte 1957 abgebrannt war, wurde ein Wartehäuschen aus Glas errichtet.    

Den Haltepunkt „Hamborn-Provinzialstraße“ nutzten nicht nur Fahrgäste aus Aldenrade. Nachdem die verhasste primitive Holzhütte 1957 abgebrannt war, wurde ein Wartehäuschen aus Glas errichtet.    

Foto: Heimatverein Walsum

Walsum/Hamborn.  Die „Walsum-Bahn“ war ab 1912 eine bedeutende Verbindung im Raum Duisburg. 70 Jahre später hatte sie pro Tag nicht mal mehr 100 Fahrgäste.

Es war wie so oft der Gedanke an den Kriegsfall, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Pläne für eine neue Bahnstrecke vorantrieb. Knapp zwei Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, am 15. Oktober 1912, fuhr erstmals ein Zug die neu eingerichteten Personenbahnhöfe Walsum und Hamborn an. „Allem lag die Frage zugrunde, wie man am besten Truppen verschieben kann“, erklärt Helmut Schorsch vom Heimatverein Walsum. Es war die Geburtsstunde der „Walsum-Bahn“, die 71 Jahre lang Oberhausen, Hamborn, Walsum und den Niederrhein miteinander verband. Und geht es nach Plänen einiger Politiker in der Region, tut sie das bald wieder.

Zwei neue Bahnhöfe im niederrheinischen Stil

Im Archiv des Heimatvereins liegen viele alte Bilder von Zügen und Bahnhöfen. Auch Zeitungsartikel und sogar Fahrkarten und Fahrpläne hat Helmut Schorsch sortiert und abgeheftet. Daraus geht hervor, dass zwischen den ersten offiziellen Plänen und der Fertigstellung der Bahnstrecke mehr als fünf Jahre vergingen. Zuerst erwiesen sich die Besitzer der benötigten Grundstücke, wie der Walsumer Johann Opgen-Rhein, als hartnäckige Verhandlungspartner. Später nahmen umfangreiche Aufschüttungen von dreieinhalb Millionen Kubikmeter Bodenmasse viel Zeit in Anspruch.

Treibende Kraft beim Bau war insbesondere Hamborn, damals Preußens jüngste Großstadt, die der neuen Bahnstrecke hohe Bedeutung für die eigene Entwicklung beimaß. Der dortige Bahnhof, wie auch sein Walsumer Pendant, versetzte nach der Eröffnung die Redakteure der lokalen Zeitungen ins Schwärmen: „Ein formvollendetes Meisterwerk im niederrheinischen Stil“, schrieb etwa der „Hamborner General Anzeiger“.

Diskussion um Haltestelle „Provinzialstraße“ in Aldenrade

Je 14 Mal am Tag, zwischen 5 Uhr morgens und 24 Uhr, fuhren Bahnen in beide Richtungen. Ab September 1913 wurden am Walsumer Bahnhof auch Güter verladen. Nach dem Ersten Weltkrieg trug die Strecke wesentlich dazu bei, Walsum und Hamborn zu wirtschaftlichen Kraftzentren im Dinslakener Raum zu machen. Bis in die Zeit der NS-Diktatur, 1935, erhöhte sich die Anzahl der Personenzüge pro Tag und Richtung auf 20, bei stundenweiser Taktung. Auch der Güterverkehr wurde weiter ausgebaut, um der wachsenden Industrie mit dem Walsumer Bergwerk oder der Zellstofffabrik gerecht zu werden. Und wieder spielten taktische Überlegungen, bei der Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges, eine große Rolle. Ab 1939 ordnete das Regime den Bahnverkehr diesen Überlegungen gänzlich unter.

Nach dem Krieg, in der Phase des Wiederaufbaus, rückte der Aldenrader Haltepunkt „Hamborn Provinzialstraße“ in den Mittelpunkt der Diskussionen. Ende der 1940er Jahre machten Gerüchte über die Schließung der Haltestelle die Runde, an der eine primitive Bretterbude am Bahnsteig als Wartehäuschen diente. Weil die Provinzialstraße aber nicht nur für die Walsumer, sondern auch für die Nord-Hamborner Bevölkerung ein wichtiger Zustiegsort war, setzten sich die Gemeinderäte vehement für den Erhalt ein. Sie hatten Erfolg, die Bahn entsprach dem Wunsch ihrer Passagiere.

„Walsum-Bahn“ hatte nur noch 20 Gäste pro Fahrt

1957 brannte das hölzerne Wartehäuschen ab. Brandstiftung wurde vermutet, nahmen doch viele Bürger die zunehmend runtergekommene Hütte als „Schandfleck im Stadtbild“ wahr. Nach dem Brand wurde ein neues Wartehäuschen errichtet, dieses Mal aus Glas, und schützte die wartenden Fahrgäste fortan auch bei unangenehmer Witterung.

Bis in die 1960er-Jahre blieb die Walsum-Bahn vor allem für Pendler ein wichtiges Verkehrsmittel. Alleine am Bahnhof Walsum stiegen im Jahr 1961 laut Zeitungsberichten rund 60.000 Menschen ein und aus. Doch dann kippte das Passagieraufkommen. Nahverkehrskonzepte setzten zunehmend auf Bus- statt auf Schienenverkehr – 1981 wurde der Walsumer Bahnhof am Tag nur noch von zwei Bahnen je Richtung bedient. Da letztlich auch diese nur noch rund 20 Gäste pro Fahrt verbuchen konnten, wurde der Personenverkehr auf der Strecke 1983 in Gänze stillgelegt.

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