Duisburg. Massenschlägerei, Würge-Attacke und „Todesangst“: Ein Kreisliga-Spiel ist in Duisburg eskaliert. Was der Schiedsrichter erlebt hat.

Begonnen hat das Fußballspiel in Duisburger Norden mit gegenseitigem Respekt. Der DJK Lösort Meiderich III hat am Sonntag Rot-Weiß Selimiyespor Lohberg II empfangen. Mit einer gemeinsamen Schweigeminute haben die beiden Mannschaften vor Anpfiff eines verstorbenen Meidericher Spielers gedacht. Da ahnte noch niemand, dass die Partie in der Kreisliga C in einer Schlägerei enden und der Schiedsrichter die Nacht im Krankenhaus verbringen würde.

Der Duisburger Schiedsrichter Servan Demirsoy hatte bereits ein hitziges Spiel erwartet, da es für RWS Lohberg um den Aufstieg geht und dafür ein Sieg hermusste. „Die Mannschaft ist die unfairste der aktuellen Saison“, sagt der 29-Jährige im Gespräch mit der Redaktion mit Blick auf die Fairness-Tabelle. Deshalb habe er im Vorfeld mit dem Gästetrainer extra das Gespräch gesucht. Gefruchtet hat das nicht.

Massenschlägerei bei Duisburger Fußballspiel: Spieler flieht in Todesangst

Dabei sah es anfangs sehr gut aus für die Dinslakener, die auf der Sportanlage an der Talbahnstraße zur Pause mit 2:0 in Führung lagen. Doch dann folgte die erfolgreiche Aufholjagd der Gastgeber, die schließlich in der 70 Minute mit 3:2 in Führung gingen. „Als RWS noch das 3:3 geschossen hatte in der 75. Minute, schien alles für ein emotionales, spannendes Spiel zu sprechen“, schreibt Servan Demirsoy in seinem Sonderbericht. Doch dann sollte es eskalieren.

Als der Schiedsrichter das Spiel in der 87. Minute für ein kleines Foul im Meidericher Strafraum unterbrach, so schildert er es, habe er hinter seinem Rücken einen Aufschrei gehört, sich umgedreht und gesehen, wie Lohberger einen Meidericher angerempelt habe. Angeblich habe der Gästespieler vorher sogar eine Kopfnuss ausgeteilt, was Demirsoy aber nicht bestätigen kann.

„Die Liebe zum Fußball ist so groß, ich mache weiter, als wäre nichts gewesen“: Schiedsrichter Servan Demirsoy (hier im Dezember 2022)
„Die Liebe zum Fußball ist so groß, ich mache weiter, als wäre nichts gewesen“: Schiedsrichter Servan Demirsoy (hier im Dezember 2022) © FUNKE Foto Services | STEFAN AREND

Kurz darauf ist es zwischen anderen Fußballern zu einer weiteren Auseinandersetzung gekommen. Ein Gästespieler will die Beleidigung „Hurensohn“ gehört haben und stürmte auf den vermeintlichen Übeltäter zu. „Er bekam Todesangst und lief um sein Leben“, sagt der Schiedsrichter, bezweifelt die Behauptung des Aggressors aber, weil er selbst nur gut zehn Meter entfernt stand und kein Schimpfwort mitbekommen habe.

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Jetzt brach unmittelbar neben Servan Demirsoy das Chaos aus, als ein Gästespieler einen Lösorter mit voller Wucht gegen den Hinterkopf schlug, „der Schlag kam völlig unerwartet und ohne vorherige Provokation des Gegenspielers“. Daraufhin wurde das Kreisligaspiel sofort abgebrochen und gegen 16.55 Uhr die Polizei gerufen.

Den Einsatz bestätigt eine Polizeisprecherin auf Nachfrage. Die Polizistinnen und Polizisten trafen allerdings erst ein, als der Tumult schon beendet war. Laut Zeugenaussagen sollen letztlich 50 Personen beider Lager, Spieler wie Zuschauer, an der Massenschlägerei beteiligt gewesen sein. „Es war ein Handgemenge“, ausgelöst durch einen Zweikampf auf dem Fußballplatz, so die Polizeisprecherin weiter, und es gebe keine Hinweise darauf, dass Gegenstände oder Waffen bei der Prügelei benutzt wurden. Ein Krankenwagen war nicht nötig. Die ausgesprochenen Platzverweise wurden befolgt und vier Strafanzeigen wegen Körperverletzung und Beleidigung aufgenommen.

Nach Würge-Attacke verbringt Schiedsrichter die Nacht im Krankenhaus

Nicht mitbekommen hat die Polizei den Tumult, in dem ein Mannschaftsmitglied von Rot-Weiß Selimiyespor Lohberg den Schiedsrichter für zwei, drei Sekunden gewürgt haben soll. Streitthema war wohl ein geforderter Platzverweis für einen Duisburger Fußballer. Die Heimmannschaft eskortierte Demirsoy daraufhin sicherheitshalber in die Kabine, bis die Polizei eintraf. Nach seiner Zeugenaussage geriet er wieder mit RWS-Spielern aneinander, diesmal allerdings nur verbal.

Als später gegen 19 Uhr sein Adrenalin in der Blutbahn nachgelassen hatte, klagte der 29-Jährige über Halsschmerzen, Schwindel und Kopfschmerzen, begab sich in ein Krankenhaus und übernachtete dort. Am Montagmorgen will sein Hals nach der Würge-Angriff immer noch geschmerzt haben. Solch eine Aggression und solch einen Tumult habe er noch nicht erlebt, seitdem er seit 2020 Fußballspiele pfeift – und für den Duisburger war es auch das erste Zusammentreffen mit Rot-Weiß Selimiyespor Lohberg. Ans Aufhören denkt er aber nicht: „Die Liebe zum Fußball ist so groß, ich mache weiter, als wäre nichts gewesen.“