Stadtentwicklung

„Man muss das Thema Bäume in Duisburg entmystifizieren“

Martin Linne, Duisburgs Dezernent für Umwelt und Stadtentwicklung, in seinem Büro.

Martin Linne, Duisburgs Dezernent für Umwelt und Stadtentwicklung, in seinem Büro.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Martin Linne, Dezernent für Umwelt und Stadtentwicklung, erklärt im Gespräch, wie Stadtplanung ökologischer werden kann.

Hinter dem Schreibtisch von Martin Linne, Dezernent für Umwelt und Stadtentwicklung, hängt ein Plakat von Klaus Staeck, es zeigt die Erde. Darüber steht: „Die Mietsache ist schonend zu behandeln und in gutem Zustand zurück zu geben.“ Der studierte Geograf Linne kam 1992 nach Duisburg, betreute etwa die Internationale Bauausstellung und gerät ins Schwärmen, wenn er an die vielen Grünwegeverbindungen im Duisburger Norden denkt, durch die er gerne radelt. 2027, kurz vor seiner Rente, soll sich Duisburg an der Internationalen Gartenausstellung (IGA) beteiligen. „Das wird uns einerseits stressen, andererseits einige Dinge beschleunigen, weil man nichts verschieben kann.“ Ein Gespräch über ökologische Stadtplanung, die Internationale Gartenschau, Radverkehr und ÖPNV.

Wann sind Sie das letzte Mal mit Bus und Bahn gefahren?

Vor zwei Wochen, von Marxloh in die Stadt.

Hat keinen Spaß gemacht, oder?

Nicht wirklich. Ich bin nicht am Wochenende gefahren, insofern war ich auf den Schienenersatzverkehr angewiesen. Wenn wir mehr Geld zur Verfügung hätten, könnten wir da viel besser werden. Ich bin allerdings froh, dass nun das „myBus“-System auf die ganze Stadt ausgeweitet wird. Eigentlich ist Duisburg mit Bus und Bahn gut zu erreichen, aber wir müssen bessere Angebote haben, um vom Hauptbahnhof weiter zu kommen.

Wie sieht’s mit Carsharing aus?

In anderen Städten werden extra freie Parkplätze für solche Mietmodelle angeboten. In Krefeld haben z.B. die Stadtwerke eine Flotte aufgebaut, weil sich kein anderer Anbieter gefunden hat. Die Oberhausener Stadtwerke haben sogar E-Roller im Angebot. In Duisburg ist da noch viel Potenzial, besser zu werden. Private Anbieter tun sich bei uns noch schwer.

Was kann die Stadt selbst tun?

Wenn wir neue Fahrzeuge anschaffen, sollten wir zukünftig immer darauf achten, dass wir besonders saubere Fahrzeuge kaufen wann immer es technisch möglich ist und nicht einen, oft geringen, Mehrpreis entscheiden lassen.

Begrünte Flachdächer für Sechs-Seen-Wedau

Aus Hochfeld und Baerl wurden in diesem Sommer vermehrt Spitzen-Temperaturen vermeldet. Ärgert sie das oder freuen Sie sich, dass Duisburg mit der Riviera mithalten kann?

In Baerl wundert mich das. In Hochfeld mit seinen versiegelten Flächen, kann ich mir die Temperaturen schon erklären. Wobei: Wenn man mal die Gelegenheit hatte, etwa vom Stadtwerke-Turm, auf Hochfeld zu schauen, wundert man sich, wie hübsch und grün der Stadtteil von oben aussieht.

Apropos Hochfeld. Der Rheinpark soll der Standort für die Internationale Gartenausstellung (IGA) werden. Nun gibt es in Hochfeld die Sorge, dass die Planung für die Gartenausstellung am Stadtteil komplett vorbei geht.

Durch die IGA wird sich auch für Hochfeld etwas ändern. Ich war neulich in Heilbronn und habe mir dort angeschaut, wie dort bei der Bundesgartenschau zum Beispiel Stadtplanung und Grünflächen miteinander verbunden wurden. Jeder Investor und jeder Architekt hat maximal zwei Grundstücke bekommen, um eine gewisse Vielfalt zu garantieren. Die Menschen haben mitten im Park gewohnt und die Besucher der Bundesgartenschau durften sich beispielsweise auch die Innenhöfe anschauen. Da die Wege einen aber direkt zum Neckar geleitet haben, hatten die Bewohner dennoch ihre Ruhe. Zwar hat mir dort auch nicht alles gefallen, aber manchmal muss man den Blickwinkel ändern.

Martin Linne greift nach einer Kaffeetasse und dreht sie so, dass der Henkel aus dem Blickfeld verschwindet.

Wenn ich sage ,der Henkel gefällt mir nicht, würden Sie denken, welcher Henkel? Manchmal muss man die Perspektive ändern. Für Hochfeld könnte ich mir vorstellen, dass die einen mit der Bahn anreisen, die anderen über den Hochfelder Ring kommen und andere, die sich für einen funktionierenden, internationalen Stadtteil interessieren, eben über die Wanheimer Straße kommen.

Wie lassen sich Neubau-Gebiete klimafreundlich gestalten?

Wenn wir das Gebiet Sechs-Seen-Wedau planen, dann ist klar, dass dort die Dächer zum Beispiel begrünt werden sollen. Vor einigen Jahrzehnten gab es mal die Sorge, dass es bei Flachdächern Probleme mit der Dichtigkeit oder der Pflanzenbewässerung geben könnte, aber dies ist technisch längst gelöst. Zudem wird es neue Versickerungssysteme für das Regenwasser geben.

Grün und Bäume sind ein emotionales Thema in Duisburg. War es ein Fehler, die Bäume an der Mercatorstraße abzuholzen?

Der Streit um die Mercatorstraße war sehr symbolisch. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir dort die richtige Entscheidung getroffen und nun einen attraktiveren Stadtraum haben. Vorher gab es dort eine vierspurige Straße und in der Mitte haben Autos geparkt. Wir müssen das Thema Bäume entmystifizieren. Bäume haben in der Stadt eine begrenzte Lebenserwartung. Oft stehen aus heutiger Sicht „falsche“ Bäume an den Straßen und wir pflanzen deutlich mehr nach, als ausgetauscht wird. Auch im Kantpark war es richtig, dass Bäume entfernt wurden. Parks leben von Licht und Schatten, aber im Kantpark gab es nur noch Schatten.

„Abends einen Eimer Wasser für den Straßenbaum vor der Haustür spendieren“

Im vergangenen Jahr wurde der Kantpark neu gestaltet, aber man hat den Eindruck, dass es den Wirtschaftsbetrieben nicht gelingt, die Parks und Grünflächen ordentlich zu pflegen und zu bewässern.

Duisburg ist eine Stadt mit sehr engen finanziellen Rahmenbedingungen. Wir beauftragen die Wirtschaftsbetriebe im Rahmen der Möglichkeiten für die Grünflächenpflege. Die Mitarbeiter sind dort schon gut beschäftigt. Und wissen Sie was? Als ich mal zu Besuch in Mittelengland war, habe ich gestaunt, dass an fast jeder Laterne ein paar Geranien hingen. Das hat direkt einen anderen Eindruck gemacht. Bei der Bewässerungen haben dann auch die Bürger mitgeholfen. Was spricht dagegen, abends einen Eimer Wasser für den Straßenbaum vor der Haustür zu spendieren. Da würde ich mir mehr vom Geist des John F. Kennedy wünschen.

20.000 von 50.000 Bäumen in schlechtem Zustand

Die Ankündigung, mittelfristig 20.000 Straßenbäume zu ersetzen, hat einige Duisburger in Schrecken versetzt.

In Duisburg gibt es insgesamt 50.000 Bäume, von denen 20.000 in keinem guten Zustand sind. Deshalb legen wir ein neues Alleenkonzept vor, um in 20, 30 Jahren, junge für unsere Kinder auch junge vitale Bäume in Duisburg zu haben. Die Wahrheit ist, dass die Zahl der Bäume nicht abgenommen hat, sondern wir mehr Aufforstungen haben. Viele Bäume, die vor einigen Jahrzehnten gesetzt wurden, haben viel zu wenig Platz für ihr Wurzelwerk und dann gibt es wieder Probleme mit den Radwegen. Ich bin kein Botaniker, aber künftig sollten wir uns sehr gut überlegen, welche Bäume wir an welchen Ort setzen und zum Beispiel die Radwege auf die Straße verlagern um den Bäumen mehr offene Bodenfläche geben zu können.

SPD und CDU wollen eine Klima-Offensive, die Grünen wollten einen Klimanotstand ausrufen. Wer hat Recht?

Ich bin weniger beim Notstand, das klingt so wehrlos, sondern eher bei der Offensive, das heißt bei konkreten Vereinbarungen und Umsetzungen. Generell gilt: Wir sollten immer bei uns selbst und unserem Verhalten anfangen.

Ist eine Stadtplanung, die das Klima mit in den Blick nimmt, automatisch teurer?

Nein, man muss nur manchmal den Fokus ändern. Es ist doch so: Wenn ich die Wahl habe ein Projekt, das eine Million kostet, hundertprozentig umzusetzen oder zehn Projekte, die 80 oder 90 Prozent der Sache dienen, würde ich mich immer für die zehn Projekte entscheiden.

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